Celestiel Navayron

Schreibt hier die Geschichte Eures Charakters nieder.

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Celestiel
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Celestiel Navayron

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I. Vom Bruch einer Familie...(Jahr: 2985)

Da standen sie. In Reih und Glied, in vollgerüsteter und imposanter Montur. Der Schwan, der auf den Brustpanzern prangte, schwamm nun nicht in der klaren See, sondern badete in gleissendem Sonnenlicht, das in goldenen Fäden hernieder ging. Dol Amroth, stolze Feste an der Bucht von Belfalas, deren schmale Türme in den Himmel empor ragen, in Stein gefasste Wächter, stets ein wachsames Auge auf das grosse Scheidemeer Belegaer gerichtet. Mendran stand einige Armlängen von seinem Bruder Andrian entfernt, den Knauf seines mit Adamanten bestücken Schwertes verkrampft umschlossen haltend, so als fühle er sich alles andere als wohl in seiner Haut. Sein Blick schwenkte zu den glücklichen Gesichtern seiner Eltern und dann zurück zu seinem Bruder, der mit geschwollener Brust und stolz empor gerecktem Kinn gelobte, bis in alle Ewigkeit, die solange fortdauern würde bis sie durch seinen Tod ihr Ende fände, im Dienste Dol Amroths und Gondors zu stehen. Er war nun ein Schwanenritter, einer jener Krieger, die als die ehrenvollsten und tapfersten von Gondor galten. Eine Wandlung, die von allen Seiten her geräuschvoll beklatscht wurde. Nur Mendran verharrte in Schweigen, dem Bruder gequält zulächelnd und sich innerlich für das wappnend, was nun unweigerlich folgen musste. Die dicht an den Rand des Platzes gedrängte Menschenmenge lichtete sich ein wenig, um ihm den Weg freizumachen. Deutlich spürte er die Blicke in seinem Nacken, die ein jeden Schritt von ihm verfolgen würden, doch er blieb stehen, rührte sich keinen Fleck. Selbst das grau-blaue Augenpaar schien gelähmt, verfiel ebenso in eine Starre wie die sonst so melancholischen und sanften Züge des jungen Mannes, dessen Brustkorb es kaum wagte, sich mit Luft zu füllen. Was war es, das ihn an Ort und Stelle fesselte? Nervosität war auszuschliessen, so wirkte sein Blick zu fest und entschlossen, um sich von einer solchen Menschenmenge aus der Ruhe bringen zu lassen. Nur angedeutet das leichte Heben seines Stiefels, der augenscheinlich den Weg zum grossen Platz vor ihm antreten wollte. Doch dieser eine Schritt sollte nie vollführt werden, denn wie kann man einen Weg begehen, der für jeden bestimmt und gemacht sein könnte, nur nicht für einen selbst? Aus den Augenwinkel heraus musterte er seinen Vater, dessen Blick von freudiger Erwartung in Ärger umschlug. Sah er etwa das, was die anderen für simple Nervosität hielten? Sah er den stummen Entschluss in dem Blick seines Sohnes? Oh ja, er tat es. Erschrocken weiteten sich die Augen des älteren Mannes, dessen Augenpartie nun noch faltiger und gealterter wirkte. Bitter das Lächeln auf den Lippen von Mendran, als er den Wandel in dem Gesicht seines Vaters bemerkte. Bitter, weil es für ihn bedeuten würde, in der ewigen Missgunst seiner Familie zu leben. „Mendran! Erinnere dich, welcher Familie du entstammst. In der Familie Navayron war es seit jeher Brauch, ihre Söhne in den Kriegskünsten zu üben, um ihnen den Weg in eine glorreiche Zukunft als Krieger zu ebnen. Kein gewöhnlicher Krieger! Unsere Treue und Loyalität soll allein Gondor gehören, indem wir die Reihen der Schwanenritter verstärken. Auch dir ist es vorbestimmt, Ruhm und Ehre als Schwanenritter zu ernten. Zeig keine Scheu, mein Sohn. Der Weg ist frei, ohne jegliche Hürde. Was zögerst du?“. Die Stimme seines Vaters gaukelte Sänfte vor, vermochte es jedoch nicht den schneidenden, fordernden Unterton zu überdecken. Mendran jedoch blickte derweil gen Himmel, die wärmespendenden Sonnenstrahlen mit geschlossenen Augen auf sich einwirken lassend, so als stünde er alleine auf dem Platz und könnte aus der Wärme eine Kraft schöpfen, welche die Mutlosigkeit schwinden lässt. „Nein, Vater. Mein Weg soll nicht der deine sein. Frei entscheiden möchte ich, was in meinem Leben einen bedeutenden Platz einnimmt und was nicht. Das Kriegerdasein...“. Mendran schüttelte den Kopf und drehte sich zu seinem Vater um, die Flamme der Entschlossenheit in dem Grau seiner Augen auflodern lassend. „Jenes gehört nicht dazu. Falscher Ruhm und geheuchelte Ehre, die mir den Tod und meinen Liebsten den Schmerz bringen werden. Ja, das hält für mich das Leben, welches du für mich erwählt hast, bereit. Wäre dieses Leben, eine Taube, Vater, so würde ich meine Handfläche öffnen und sie in die Lüfte entsteigen lassen.“. In dem Blick des Vaters vermischte sich Wut mit der Scham, in aller Öffentlichkeit einen solche Niederlage erleiden zu müssen. Geschädigt sah er das Ansehen der Adelsfamilie Navayron und so pressten sich folgende Worte kalt aus seinem Mund heraus: „Nicht mehr mein Sohn sollst du sein, wenn du eine solche Schande über unsere Familie bringst!“. Kurz durchzuckte eine Regung das graue Augenpaar Mendrans. Die Worte seines Vaters schlugen mit geballter Kraft in sein Gesicht, eines Schwerthiebes gleich. Doch jener durchbohrte ihn nicht, sondern streifte ihn nur, als hätte er den Schlag erahnt, um sogleich rechtzeitig auszuweichen. Es verhielt sich jedoch wie bei einem angeschlagenen Krieger, der als letzter auf dem Schlachtfeld Widerstand leistete: Zu müd’ des Ringens und Kämpfens war er, als dass er nun festen Stand hätte finden können. Mendran drehte seinem Vater den Rücken zu, gab dem verbalen Schlag, der ihn doch nur gestreift hatte, genügend Macht über sich, um nun mit langsamen Schritten ins zarte Rot der Sonne zu entschwinden, die sich von dem anbrechenden Dunkel vertreiben liess, so wie er. Doch es galt keinen Widerstand mehr zu leisten, die Schlacht war geschlagen, der Kampf verloren wie gewonnen. „Dann soll es so sein, Vater.“, liess er als Letztes mit fester Stimme verlauten, den Waffengurt samt Klinge an sich hinabgleiten lassend, so dass der blanke Stahl schliesslich klirrend auf dem gepflasterten Stein aufschlug, so als hätte er soeben ein Leben abgestreift, das er nicht mehr zu führen gedachte.


Dies ereignete sich im Jahre 2985.
In späteren Aufzeichnungen der Familie Navayron hiess es:

„[....] Alle jubelten sie Andrian zu, als er sich öffentlich dem Wohle unserer Stadt und unserer geliebten Heimat Gondor verschrieb, so schön und erhaben wie die Fürsten aus alten Zeiten. Unsere Herzen waren erfüllt von Stolz und Freude, legten wir doch alle Hoffnung in ihn. Eine Hoffnung, die er nimmer zerbrechen lassen würde, so fliesst in ihm das Blut eines wahren gondorischen Hauptmannes. Es müssen Hunderte von Menschen gewesen sein, die später auf unserem Anwesen tanzten, feierten, [....]

Mendran wurde mit keinem Wort erwähnt. Als würde die Zeit ein jede Erinnerung verblassen und schliesslich verschwinden lassen...
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Re: Celestiel Navayron

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II. Zerbrechliches Glück (Jahr: 2997)

Abschiede sind immer schwer und so hatte auch Mendran lange Zeit damit zu kämpfen, nun ein verlorener Teil einer Familie zu sein, die ihn nicht mehr als einen ihrer Söhne anerkennen wollte. Durch seine Wortgewandtheit und sein Geschick, Waren an den Mann und die Frau zu bringen, machte er sich in Dol Amroth alsbald einen Namen als Händler. Unweit des Hafens erwarb er mit seinen ersten Ersparnissen ein kleines Haus, wohl der perfekte Schauplatz, um neue Geschäfte dann zu wittern, wenn sie noch taufrisch in den Hafen einlaufen. Als fünf Jahre ins Land gezogen waren, gebar ihm seine Frau Ilandria einen Sohn, dem sie den Namen Celairnur gaben. Doch nicht lange blieb er ein Einzelkind, denn drei Jahre später im Jahre 2993 folgte ein Mädchen, das auf den Namen Celestiel hörte. Die beiden Kinder waren sich sehr zugetan und waren als Bruder und Schwester unzertrennlich. Während sie in Dol Amroth heranwuchsen, mied ihr Vater die Stadt, wo er nur konnte. Ein Vorhaben, das zum Scheitern verurteilt war, so hatte er schlicht zu viele Aufträge, die ihn in die Feste führten. Da die Befürchtung, dort auf jene zu treffen, die der Vergangenheit und dem Vergessen zum Opfer fallen sollten, zu gross war, um längere Aufenthalte mitten in Dol Amroth zu riskieren, begab er sich häufig auf Geschäftsreisen in weit entfernte Lande. So auch im Jahre 2997. Ein schicksalsträchtiges Jahr, das Leid über die noch junge Familie brachte...
Seit jeher musste die Feste Dol Amroth den Angriffen jener trotzen, in denen das Blut von schwarzen Númenórern gleichermassen fliesst wie dasjenige von den Menschen aus Harad. Gefürchtet waren sie, die Korsaren von Umbar, die mit ihren Flotten alles an sich rissen, was sie nehmen konnten. Einer dieser Angriffe erfolgte gerade dann, als Mendran irgendwo in Gondor seinen Geschäftstätigkeiten nachging, nicht wissend, welchen Preis er für seine Umtriebigkeit als Händler bezahlen würde. Ilandria machte mit ihren beiden Kindern einen Spaziergang an den windgepeitschten Küsten von Belfalas. Zu sorglos, zu unbeschwert das Tun der Familie, als dass sie die Gefahr, der sie ausgesetzt waren, hätten bemerken können. Gerade als sie für Celestiel, deren Händchen fest in jener Ilandrias ruhte, eine Blume pflücken wollte und sich zu ihrer Tochter umdrehte, zischte ein Pfeil durch die Lüfte. Sein Ziel hatte er bereits dort auserkoren, wo die Spannung aus dem Bogen genommen und der Pfeil abgefeuert wurde: Mit weit aufgerissenen Augen sackte Ilandria in die Knie, ungläubig die Pfeilspitze betastend, die nun blutig aus ihrer Brust ragte. Celairnur, gerade mal 7 Sommer jung, starrte erschrocken auf den leblosen Leib seiner Mutter, während das Geweine seiner 4-Jahre alten Schwester aus weiter Ferne an seine Ohren getragen wurde. Durch das Geräusch von klirrenden Waffen schreckte er aus seiner Starre hoch. Er packte Celestiel am Arm und zog sie mit hastigen Schritten zurück in die Feste, wo sich ein Trupp Schwanenritter gerade daran machte, sich an den Toren zu formieren. Und so kam es, dass Celairnur jenem Krieger in die Arme lief, den eine verlorene Bruderliebe an seinen Vater Mendran band. Ein Moment, der Brandstifter für ein Feuer der Begeisterung in dem kleinen Celairnur war. So sollte er fortan die Schwanenritter in jenem Masse verehren wie sein Vater ihnen Hass entgegen brachte. Hass und Verehrung. Zwei Gefühle, deren Bedeutungen nicht unterschiedlicher hätten sein können, sich in ihrer Intensität jedoch ebenbürtig waren. Es war eine verbotene Leidenschaft, die Besitz von Celairnur ergriff, so eiferte er jenen nach, die Teil einer zum Vergessen verdammten Familientradition waren. Doch kennen Kinder in ihrer Begeisterung keine Folgen. Und so verstärkte sich der brennende Wunsch, irgendwann zu einem dieser glorreichen und ehrenhaften Krieger zu werden, wohl wissend, dass ihm ein tiefer Fall in der Gunst seines Vaters bevorstehen würde.
So starb Ilandria Navayron im Jahre 2997, einen Mann hinterlassend, dem nun die schwierige Aufgabe oblag, in seiner Trauer zwei Kinder alleine grosszuziehen. Ihr Tod beschwor gleichzeitig einen Konflikt herauf, der im Verborgenen zu brodeln begann und fortan die Beziehung zwischen Celairnur und seinem Vater überschatten sollte. Der kleine Junge, der zur Gänze der Vorstellung an eine Zukunft als Schwanenritter verfallen war, gab Mendran die Schuld an dem Tode seiner Mutter. Als unfähig sah er ihn an, seine eigene Familie zu beschützen. Nicht nur, weil er an dem Tag ihres Todes nicht zugegen war, sondern auch weil er ihn durch seine Profession als Händler als nicht wehrfähig genug hielt, Frau und Kind vor Angriffen zu bewahren. Celestiel derweil war zu jung, um all dies zu verstehen. Dem Mädchen, das schon von Klein auf fasziniert von Geschichten über das Elbenvolk war, wurde glaubend gemacht, dass die Mutter von Elben an einen Ort gebracht wurde, wo der Frieden allseits zugegen war und ebenjener wäre ihr dort auch gewährt. Lange klammerte sich Celestiel an diesen Gedanken, dem keine Trauer anhaftete, sondern diese mit einer Lüge überdeckte. In ihren Studienjahren bei den Elben in Edhellond sollte sie jedoch erfahren, dass es keinem Menschen mehr erlaubt war, die Unsterblichen Lande zu betreten.
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Celestiel
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Re: Celestiel Navayron

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III. Eine Reise mit Folgen (Jahr: 3008)

Celestiel fühlte sich hinter den dicken Mauern von Dol Amroth alsbald ausgehungert. Es verlangte sie nach Büchern und Bibliotheken. Neuem Wissen, das ihr Dol Amroth nicht geben konnte. Denn wo waren die grossen Bibliotheken und Wissensstätten zu jener Zeit? Für Celestiel waren sie überall, nur nicht hinter den dicken Gemäuern ihrer Heimatstadt. So versuchte Mendran ihr diese zermürbenden Gedanken auszutreiben, indem er sie auf eine Geschäftsreise nach Cair Andros mitnahm, eine Insel im Fluss Anduin, die von grosser strategischer Bedeutung war. Denn nur in Cair Andros und Osgiliath war es feindlichen Angreifern möglich, den reissenden Strom Anduin für eine Erstürmung Gondors zu überqueren. Im Jahre 3008, 11 Jahre nach dem Tod ihrer Mutter, begleitete Celestiel ihren Vater nach Cair Andros, wo er Waffen abzuliefern hatte für die Angriffe von Orks, die in den letzten Jahren immer häufiger in die Stadt einzufallen versuchten. Celairnur blieb in Dol Amroth zurück, so sah er in der Abwesenheit seines Vaters die Möglichkeit, sich heimlich im Schwertkampf zu üben, nicht ohne auf die Unterstützung von seines Vaters Bruder Andrian verzichten zu müssen. Der Krieger hatte seit dem Überfall der Korsaren ein Auge auf den Jungen, in dem er einen starken Krieger heranwachsen sah. Während sich Celairnur immer weiter von seinem Vater entfernte, nahm jener mit seiner Tochter Celestiel den weiten Weg nach Cair Andros auf sich.
Das mittlerweile 15 Jahre alte Mädchen bestaunte wie ein Kind, das gerade die Welt entdeckte, alles um sich herum. Angefangen von der imposanten Befestigung bis hin zu den verschiedenen Gestalten, die auf der Insel ein und aus gingen. Mendran widmete sich in der Zwischenzeit seinen Geschäften und machte seinem Beruf alle Ehren, indem er seine Ware hartnäckig feil bot. Die Kauftüchtigen mochte dies in den Bann ziehen, doch Celestiel langweilte sich schon bald auf dem überfüllten Marktplatz. Neugier vermischt mit kindlicher Naivität sind eine unheilvolle Kombination, so verleiteten sie Celestiel zu dem Entschluss, die Feste auf eigene Faust zu erkunden. Es war absehbar, dass sich das Mädchen hoffnungslos verlaufen würde und nichts anderes geschah schliesslich. Celestiel fand sich in einem Labyrinth aus verwinkelten Gassen wieder, wo eine Ecke wie die andere aussah. Verängstigt stolperte sie durch die Strassen, nicht ahnend, dass ihr missglückter Spaziergang bei Weitem nicht das Schlimmste war. Gleich Donnerkrachen stürzte ein Felsbrocken in das Haus, das soeben noch in steinerner Eintönigkeit eine Strassenecke weiter gestanden hatte. Eine dicke Staubschicht legte sich über das Mädchen, das hektisch um sich blickte. Zur gleichen Zeit sass nur wenige Meter weiter ein Krieger auf einem Stein und wetzte dabei sein Schwert. Doch gerade, als er sein Schwert in die Scheide stecken wollte, barst hinter ihm die Mauer und krachte ächzend zusammen. Während er seinen Schild hochrisse, um die herabfallenden Steine abzuwehren, ging das leise Wimmern von Celestiel in dem Tumult, der nun ausbrach, unter. Von allen Seiten her drangen Rufe und Schreie in die Gasse, die er nun mit eiligen Schritten hinter sich lassen wollte . Auf halbem Wege blieb er jedoch stehen und musterte etwas verwundert das Mädchen , das eingeschüchtert auf der Strasse verharrte. Der Krieger, Ganred sein Name und seines Zeichens Söldner, liess den Blick suchend durch die Gasse schweifen, wohl auf der Suche nach den Eltern des Mädchens oder einer sonstigen Person, die ihm die Eskortierung des Mädchens, die er schon kommen sah, abnehmen konnte. Grummelnd wendete er sich wieder Celestiel zu, als er niemanden erblicken konnte. Ganred fühlte sich genötigt, das Mädchen in Sicherheit zu bringen, schliesslich war er kein Unmensch, obgleich man dies Söldnern liebend gerne nachsagte. Pfeilhagel zischte und surrte über ihre Köpfe hinweg und liessen Ganred endgültig seinen Entschluss fassen. Er packte kurzerhand Celestiels Hand und zerrte sie die Strasse hinauf, immer wieder irgendwelchen Steinen ausweichend, die auf sie niederprasselten. Sie gelangten schliesslich gehetzt zum Marktplatz, jenem Ort, an dem Celestiels Misere ihren Lauf genommen hatte. Kaum hatten sie Fuss gefasst auf dem Platz, kam ihnen auch schon ein völlig aufgelöster Mendran entgegen gerannt, der Celestiel überschwänglich in die Arme schloss. „Das nächste Mal solltest Du besser auf Deine Tochter aufpassen, alter Mann.“, meinte Ganred trocken und warf sogleich einen knappen Blick zu dem hektischen Treiben die Strasse hinunter. Mendran derweil neigte dankbar sein Haupt und folgte Ganreds Blick zu den kämpfenden Scharen am Haupttor. „Orks.“, gab er leise von sich. Das einzige, was er jedoch von dem Krieger als Reaktion erntete, war ein knappes Nicken, gefolgt von einem Grinsen, das er mit sich in den Kampf trug, als er mit gezogenem Schwert zum Tor hinuntereilte. Kurz war die Begegnung zwischen Ganred und Celestiel, doch sollte sie Beginn einer Geschichte sein, die Jahre später im Besitz eines neuen Kapitels sein sollte...
Mendran verliess mit Celestiel übereilt die umkämpfte Stadt, so überstürzt, dass er selbst Proviant und Wegbrot mitzunehmen vergass. Der Elbenhafen Edhellon lag jedoch auf dem Weg und so legten sie dort eine kurze Rast ein, um sich mit Proviant für den restlichen Weg einzudecken. Der Besuch Edhellonds soll hier als das wohl einscheidendste Erlebnis für Celestiels Leben aufgeführt werden, so war das Mädchen in einem solchen Masse vom Hafen fasziniert, dass sie ihren Vater die darauffolgenden Monate unentwegt damit bedrängen sollte, einige Studienjahre bei den Elben zu verbringen. Dieser Wunsch sollte sie genau vier Monate später gewährt bekommen, so war der Drang, aus dem goldenen Käfig in Dol Amroth auszubrechen dermassen in ihr erstarkt, dass Mendran nichts anderes übrig blieb, dem Wunsch seiner Tochter nachzukommen, wenn er sie denn nicht unglücklich sehen wollte. Und Edhellond konnte ihm immer noch lieber sein, als ein weiter entfernter Ort. Er gab ihr also Flügel, doch waren es gestutzte Flügel, die nur einen kurzweiligen Höhenrausch zuliessen ehe sie wieder gen Boden geführt wurde. Doch bevor dies geschah, sah Celestiel sich und ihre Wünsche erfüllt und kümmerte sich mit völliger Hingabe um die Vorbereitungen, die sie für ihre Abreise und ihre lange Abwesenheit, die am Ende fünf Jahre zählen sollte, zu treffen
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Re: Celestiel Navayron

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IV. Ein Abschied für die Ewigkeit? (Jahr: 3008)

Das Gesicht des jungen Mannes lag im Halbdunkel. Noch konnte sich das anbrechende Tageslicht nicht gegen die letzten, in Dunkel getauchten Fetzen behaupten. Ernst richtete sich sein Blick auf die ruhige Wasserfläche vor ihm, in das sich allmählich das Rot der Morgendämmerung mischte. Neben ihm eine zierliche Gestalt, die nicht minder schweigsam auf das grosse Scheidemeer blickte. Erdrückende Stille lag über ihnen ausgebreitet, die nur hie und da von dem Rauschen des Wassers, das über das Ufer schwappte und seine unnachgiebigen Arme nach ihren Füssen ausstreckte, durchbrochen wurde. Minute reihte sich an Minute, die eine stiller als die andere und mit jedem Herzschlag rückte das näher, was Grund für diese betrübte Zweier-Gesellschaft war. Als die erstarkende Sonne das Dunkel endgültig zur Ruhe bettete und den Tag mit warmen Strahlen wach küsste, drehte sich Celairnur zu seiner Schwester um. Sie standen sich nun gegenüber und sahen in die Augen des jeweils anderen. Klares Blau traf auf helles Braun, doch waren die Farben wie ausgewechselt. Das Blau von Celestiels Augen kannte keine Kälte. Warm brach sich das erste Tageslicht in ihren Augen und hinterliess goldene Funken, während Celainurs Blick ausdruckslos blieb, gar leer wirkte. Was hatte dem Braun seiner Augen nur seine Wärme genommen? Unbeantwortet blieb diese stumme Frage, so deutete er nun sachte gen Himmel, dort wo noch die letzten Überbleibsel eines sternenübersäten Himmels prangten. Celestiel folgte seinem Blick und offenbarte ein sanftes Lächeln. „Vardas Sterne.“, sagte sie leise. Celairnur setzte zu einem bedächtigen Nicken an, auf das erst nach einem kurzen Schweigen Worte folgten: „Vardas Sterne.“, wiederholte er Celestiels Worte und entriss dem Himmel seinen Blick, um jenen seiner Schwester zukommen zu lassen. Wieder kam Stille zwischen den beiden auf. „...sie verblassen.“, bemerkte Celestiel nach einer Weile, traurig darüber, dass das an Stärke gewinnende Tageslicht die Sterne allmählich verschluckte. Celairnurs Blick indessen blieb auf Celestiel gerichtet. „Nur um wieder stärker zu erstrahlen.“, schob er mit fester Stimme nach. Ihre beiden Blicke trafen abermals aufeinander und gingen mit jenem Schweigen einher, das so schwer auf ihnen zu lasten schien. Aus einem inneren Drang heraus umarmte Celestiel ihren Bruder schliesslich und klammerte sich haltsuchend an ihn. Celairnur schloss sie in die Arme und bettete seine Hand auf ihren Hinterkopf, seine Wange gegen die ihre drückend. Es wurden keine Worte mehr gesprochen. Es gab keine Worte, die Trost hätten spenden können. So focht jeder für sich alleine seinen Kampf und es war Celairnur, der unterlag. Er zwang sich, Celestiel aus seinem Griff zu entlassen, der verkrampft anmutete. Mit geschlossenen Augenlidern und bebenden Lippen hauchte er seiner Schwester einen Kuss auf die Stirn und wendete sich mit raschen Schritten ab, ein heranwachsende Frau zurücklassend, deren einziger Trost der Windhauch war, der nun sanft ihre Wange streichelte.

Hier trennten sich die Wege von Celestiel und Celairnur. Ein Abschied, der ohne Wiedersehen bleiben sollte, denn so wird Celairnur dieser Geschichte entrissen werden wie ein Blatt seiner Baumkrone.
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Re: Celestiel Navayron

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V. Sterne neu ordnen (Celairnurs Jahre: 3009-3010)

Die Trennung von seiner Schwester zermürbte Celairnur innerlich. Doch war es bei Weitem nicht der einzige Grund, wieso sein Gemüt in Sinkflüge stürzte, in Abgründe, wo kein Sonnenschein hinreichte. Der junge Mann wurde von einem Feuer angetrieben. Alles hätte er erreichen können, doch war er gezwungen, dieses Feuer nicht ausbrechen zu lassen, so hätte es ihn auf einen Weg geführt, der ihm von Geburt an verboten war. Sein Vater setzte alles daran, ihn zu einem geschickten Händler auszubilden, doch fehlte es bei dem Jungen schlicht an Willen. Die Streitigkeiten mit seinem Vater häuften sich und infolgedessen zog sich Celairnur immer mehr in seine eigene kleine Welt zurück. Die Welt, wie er sie haben wollte. Keine Schranken. Keine Hände, die einen stets zurückhalten wollten.
Wenn er die leidigen Unterrichtsstunden seines Vaters hinter sich hatte, zog es ihn oft an die Küsten von Belfalas, doch nicht des trübsinnigen Sinnierens wegen. Celairnur übte sich leidenschaftlich in den Schwertkünsten, dies an jenem Ort, wo seine Mutter einst den Tod gefunden hatte. Es mag merkwürdig sein, dass es ihn gerade an diesen mit Trauer behangenen Ort verschlug, doch war Celairnur seit dem Tod seiner Mutter im Besitz eines solch’ starken Dranges, seine Nächsten zu schützen, dass er alle ihm mögliche Kraft und Zeit dafür aufwendete, seine Waffenkünste zu verbessern. Gleichzeitig auch Vorbereitung für eine Zukunft, die für ihn noch unerreichbar in den Sternen lag. Doch was hatte er einst zu Celestiel gesagt? Sterne verblassen, um schliesslich stärker zu erstrahlen? Celairnur rammte den Zweihänder schwungvoll in den sandigen Boden und liess seinen Blick gen Himmel schwenken. Ein rotes Band schnürte Himmel und Meer zusammen, die Linie eines Horizontes bildend, die bald nicht mehr auszumachen sein würde, weil sich die Sonne allmählich schlafen legte. War er nicht auch ein solcher Stern? In der Dominanz seines Vaters verblassend, nur darauf wartend heller als alles andere am Firmament erstrahlen zu dürfen? Celairnur wurde seinen Gedanken entrissen, als Andrian neben ihn trat. Ein Weile stand er einfach an seiner Seite und blickte stumm in die Weiten des Meeres, ehe er sich zu Celairnur umdrehte und Worte mit ihm zu wechseln begann. Ungewöhnlich leise, so als sollte es für alle anderen ungehört bleiben. Gegenstand des Gespräches: Ein Auftrag in einem gondorischen Trupp. Mehr erfuhr auch Celairnur nicht an diesem Abend, doch die Informationsarmut war vergessen, als er sich vor Augen führte, dass dies die Chance für ihn sein könnte, sich endlich zu beweisen. Sich selber zu vergewissern, dass es die Mühen wert gewesen war. Dass er es wert war. So nahm er Andrians Angebot, seine Beziehungen spielen zu lassen und Celairnur einen Platz in diesem Trupp möglich zu machen, ohne Bedenken an und brach wenige Tage später auf, unter dem Vorwand, Minas Tirith einmal selbst bestaunen zu wollen. Mendran liess seinen Sohn gehen, denn er ging davon aus, dass Celairnur aus dieser Reise lehrreiche Erfahrungen schöpfen würde.
Er sollte Recht behalten. Zumindest teilweise.

Abgekämpft sah er aus, als er sich mit müden Schritten zum Stadttor schleppte. Jegliches Zeitgefühl war ihm verloren gegangen. Wie lange war er nicht mehr hier gewesen? Ein Monat? Ein Jahr? Der Mann, der als vor Kraft strotzender Jüngling aufgebrochen war, kehrte als gebrochener Mann zurück. Wirr fielen ihm die Haare ins Gesicht. Die Müdigkeit, die sich dort eingenistet hatte, nur bedingt verdeckend. Was geschehen war? Nun, darüber verlor Celairnur nie ein Wort. Ein Erlebnis, das er wie eine Seite aus dem Buch herausgerissen und sie nun den Fängen des Windes überlassen hatte. Nur eines ist gewiss: Es muss ein sehr prägendes Erlebnis gewesen sein, so veranlasste jenes Celairnur zu einer Entscheidung im darauffolgenden Jahre, die Gewinn wie Verlust in einem barg...


Aus alten Aufzeichnungen der Familie Navayron, im Jahre 3010 des III. Zeitalters

"[...] Wie ein verlorener Sohn kehrte er zu uns zurück. Es war ein freudvoller Tag für uns alle, als er seinen rechtmässigen Platz in den Reihen der Schwanenritter einnahm, um die Familientradition weiterleben zu lassen. Zum Wohle unserer Stadt. Zum Wohle Gondors. Zum Wohle Mittelerdes [...]"

Auch zum Wohl seiner selbst?
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Re: Celestiel Navayron

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VI. Nachrichten aus dem Süden (Celestiels Jahre: 3008-3010)

„Er hat es getan. Ich fasse es nicht!“, ertönte es ungläubig aus Celestiels Mund, als sie auf das Schriftstück in ihren Händen starrte und immer wieder die Zeilen durchlas. „Vater wird ausser sich vor Wut sein. Er versuchte ihm stets das Kriegerdasein auszutreiben und nun? Nun ist er ein Schwanenritter!“ Sie schüttelte den Kopf, noch immer fassungslos über diese Kunde. Doch hätte sie es nicht kommen sehen müssen? Sein ganzes Leben sprach ihr Bruder davon, jenen Weg einzuschlagen, vor dem sein Vater zurückgeschreckt war. Er hatte seinem Traum nun wahrhaftig Flügel gegeben, damit er sich über ihm ausbreiten konnte. Trotz ihrer Sorge über das angeknackste Band zwischen Vater und Sohn schlich sich ein Lächeln auf ihre Lippen. Die junge Frau, welche das Kindesalter hinter sich gelassen hatte und nun 17 Jahre zählte, stand am Hafen von Edhellond und lenkte ihren Blick auf das Meer, welches sich im Sonnenlicht glitzernd vor ihr ausbreitete. „Für jeden bricht irgendwann die Zeit an, seinen eigenen Weg zu gehen.“ Die Elbe, welche schon die ganze Zeit hinter ihr auf einem Stein gesessen und Celestiels Reaktion auf den Brief beobachtet hatte, blickte nur kurz auf, als sie diese Worte sprach. Celestiel drehte sich zu ihr um und blickte in das Grau ihrer Augen, das ihr so vertraut geworden war. Schweigen webte sich wieder um die ruhige Elbe, deren Nachdenklichkeit sich stets in ernste Züge bettete. Das Schnitzmesser fuhr wieder geübt über das Holzstück in ihrer Hand. „Auch Du wirst Dich irgendwann für einen Weg entscheiden müssen. Oder glaubst du wahrhaftig, dass Edhellond das Ende deines Weges ist?“ Ohne zu Celestiel aufzublicken widmete sich die Elbe ihrer Schnitzarbeit. „Ihr werdet nicht mit dem Wissen geboren, wo euer Weg aufhören und euer Leben enden wird. Dies ist allein uns vorbehalten. Dies ist unser Schicksal. Dir jedoch steht alles offen, Celestiel.“ Kein Wehmut, kein Bedauern begleiteten die Worte der Elbe, die mit ausdruckloser, unbewegter Miene ihre Schnitzarbeit fortführte. Stumm beobachtete Celestiel die hinabfallenden Holzspäne, während sich in ihrem Gesicht nur Unverständnis als Antwort lesen liess. „Man bestimmt noch immer selber sein Schicksal.“, entgegnete sie schliesslich aus einer tiefen Überzeugung heraus. Worte, die von der Elbe belächelt wurden, jedoch nicht aus Spott. Woher nahm dieses Mädchen nur immer diese mit Hoffnung durchtränkte Überzeugung, so als würde Seele und Herz daran hängen? „Du solltest wahrlich mehr gelernt haben in deiner Zeit bei uns. Blicke einige Zeitalter zurück und dann sage mir, was mit all denen passiert ist, die ihr Schicksal herausgefordert haben. Ja, sie fanden den Tod.“ Unaufhörlich schnitt das Messer in das Holz und liess Holzspan um Holzspan herabregnen. Celestiel musterte sie aufmerksam und setzte eine Miene auf, die nur den Schluss zuliess, dass sie gerade angestrengt einen Gedankenstrang verfolgte. Es war ihr schleierhaft wie es die Elbe immer wieder schaffte, ihre Worte in eine Emotionslosigkeit zu tünchen, die Wasser hätte gefrieren lassen können, so als würde alles an ihr abprallen. „Und wenn das wiederum ihr Schicksal war, der Tod?“ Das Messer blieb im Holz stecken, als die Elbe in ihrer Bewegung innehielt. Celestiels Worte schienen ihre Gedanken anzuregen, so blickte sie einen Moment nachdenklich in die Ferne ehe wieder die gewohnte Ausdruckslosigkeit in ihr Gesicht zurückkehrte. „Unsere Zeit hier ist vorbei.“, antwortete sie schlicht und es klang fast so, als versuche sie der Diskussion ein Ende zu setzen. Celestiel mochte zuweilen naiv wirken und oft wurde ihr Handeln von ebenjener Naivität beherrscht, doch wusste sie mittlerweile, wann sie in Gegenwart von Elben schweigen und diese mit ihren Gedanken alleine lassen sollte. Denn von diesen trugen sie viele mit sich und nur die wenigsten sahen je das Tageslicht. Noch einige Minuten verweilte Celestiel schweigend neben der Elbe und gerade als sie sich abwenden wollte, legte diese ihre Schnitzarbeit beiseite und setzte unverhofft zu Worten an: „Lass mich Dir von einem Geschwisterpaar erzählen. Von Turin und Niniel. Eine alte Geschichte, die sich im ersten Zeitalter ereignete.“ Celestiels Vorhaben, der Gesellschaft der Elbe vorerst freiwillig zu entsagen, verlort mit einem Mal jeglichen Reiz für sie. Zu verlockend war die Aussicht, ihr Wissen um eine weitere Geschichte erweitern zu können. So blieb sie stehen und liess sich in stummer Erwartung auf das Kommende neben der Elbe nieder. Und Sendraen, jene Elbe, die ihr eine treue Freundin geworden war, begann zu erzählen...
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Re: Celestiel Navayron

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V. In Zeiten der Dunkelheit (Celestiels Jahre: 3012-3013)

Ihre Finger krallten sich in das weisse Tuch, das unter dem Druck zerknittert wurde. Der Schwan, der mit blauen, mit einem Schimmer Gold durchwirkten Fäden auf das Tuch gestickt war, krümmte sich unter dem Verkrampfen ihrer Finger. Ein Wappen, das als Hintergrund für die Initialen CN diente, die in feingeschwungenen Lettern auf dem Schwan geschrieben standen. Sendraen stand ein wenig versetzt von Celestiel. Nein, es war gewiss keine Unbeteiligkeit, die ihre Untätigkeit bestimmte. Es war Hilflosigkeit angesichts Celestiels Leiden, die sie an Ort und Stelle fesselte. „Er...wird gewusst haben, was er tut.“, sprach sie vorsichtig zu der jungen Frau, an deren Wangen stumme Tränen hinabrannen. Sie schien der Elbe kein Gehör zu schenken, so war sie bereits in den schnellenden, reissenden Fluss der Trauer hinabgetaucht. Wie konnte er nur? Wie konnte er Dol Amroth einfach so verlassen ohne eine Nachricht zu hinterlassen? Celestiels zierliche Figur stach nur als vager Schemen aus dem Dunkel der Nacht heraus. Das Licht, das die Hafenlaternen auf den Boden warfen, erreichte sie nicht. Weder äusserlich, noch innerlich. Das Licht war auch aus ihrem Herzen gewichen und hatte nur Kälte zurückgelassen, die ihr den ganzen Brustkorb zuzuschnüren und die ganze Luft heraus zu pressen drohte. „Er ist bestimmt wohlauf, Celestiel. Der Druck seines Vaters liess ihn aus Dol Amroth gehen. Er braucht Zeit für sich.“ Oh, welch’ kümmerlicher Trost es doch war, den sie ihr zu spenden versuchte. Man merkte der Elbe an, dass sie in diesem Moment unfähig war, Celestiels Schmerz zu lindern. Sie würde es nie vermögen. Niemand würde das. Eine Einsicht, die sie verstummen und einen Schritt zurückweichen liess. Die Meeresbrise gewann an Stärke und begann Celestiels Haare zum Tanz aufzufordern. Fast so, als befürchtete sie, der Wind wolle ihr das Tuch aus den Händen reissen, drückte sie es mit beiden Händen fest an ihre Brust. Ein Schatz, den sie nimmer mehr aus ihrem Besitz entlassen würde. Es war das einzige, was ihr von ihrem Bruder geblieben war, denn wer wusste schon, wo er nun war und ob er je zurückkehren würde? Celestiel verliess den Platz und liess die Elbe wortlos stehen. Es wurde wieder erdrückend still am Hafen und nur Sendraens leises Seufzen erbrachte der Totenstille einen Unterbruch.

Sechs Monate gingen ins Land ohne ein Lebenszeichen von Celairnur mitzubringen. Es war Hochsommer und die Sonne brannte in unbeschwerter Heiterkeit auf sie nieder, so als gäbe es nichts auf dieser Welt, das ihr Scheinen hätte trüben können. Für Celestiel jedoch brachen Tage des Dunkels an. Das Lächeln auf ihren Lippen war selten geworden, wurde zumeist von der Trauer erstickt, die sich tief in ihr Herz gebrannte hatte. Und diese sollte ihr treuester Begleiter werden.

„Celestiel...“, versuchte eine Stimme sie sanft aus ihrer Starre zu befreien. Die junge Frau jedoch blickte starr auf den Brief. Ihr Herz stand still. Nur um im nächsten Moment in einen tiefen Abgrund zu stürzen. Tief der Fall. So tief, dass sie das Pochen ihres Herzens bald nicht mehr spüren konnte. Einige Elben hatten sich um sie versammelt und in ihren Gesichtern zeichnete sich Bestürztheit ab. Sendraen befand sich ebenfalls unter ihnen und wohl zum ersten Mal liess ihre Miene eine Regung erkennen. Es war Schrecken, so wusste sie, dass die Nachricht, die Celestiel soeben erreicht hatte, sie mit einer Wunde versehen würde, von der sie sich nie erholen würde. Das Schriftstück glitt ihr aus den Händen, als die Kraft aus ihren Gliedern wich. Während das Pergament zum Uferrand getragen und von den gierigen Fängen des Meeres ins Wasser gerissen wurden, blieb sie regungslos stehen. Keiner schien es zu wagen, das Wort zu ergreifen. Erst der Krieger, der eine prachtvolle Rüstung an seinem Leib trug, deren Schwanen-Wappen auf dem Brustpanzer ihn als Schwanenritter auszeichnete, durchbrach die Stille mit seiner tiefen Stimme: „Meine Dame, es wurde bereits alles für Eure Rückreise in die Wege geleitet. Ebenso wurde ein Zimmer für Euch hergerichtet im Familienanwesen.“ Celestiel hob ihren Kopf bei diesen Worten kaum merklich an. Ihre Fingerkuppen färbten sich weiss, als sich ihre Hände unwillkürlich zusammenballten. Wie konnten sie es wagen, einen ihrer Vasallen mit der Nachricht von ihres Vaters Tod hierher zu schicken und sie gleichzeitig zurück ins Anwesen Navayron beordern? Sie versuchten die zerrütteten Familienbande um Celestiel zu schnüren, aus der Angst heraus, ihren letzten Erben zu verlieren. Als sie diese Einsicht beschlich, fegte die Wut für einen Moment ihrer Trauer hinweg. Zwei Söhne hatten sie und beide von ihnen waren nun tot. Andrian fiel im Jahre 3010 im Kampf gegen die Orks und ihr Vater Mendran fand den Tod auf einer Handelsreise. Celestiel schluckte schwer, als diese Überlegung sie zurück zum Ursprung ihres Schmerzes führte, und schloss für einen Moment die Augen. Andrian hatte der Familie keine Kinder hinterlassen und Mendrans Sohn, ihr Bruder Celairnur, war verschollen. Wer blieb war sie. Sie in ihrer nie enden wollenden Trauer und als Opfer einer Familie, die um jeden Preis ihr Bestehen sichern wollte. Oh, man musste den alten Herren für seine Weitsicht loben, doch verabscheute sie die Scheusslichkeit seiner Skrupellosigkeit, sich in der Stunde seines Sohnes Todes an seine Existenzängste zu klammern. Nein, sie würde nicht eine Figur auf diesem Spielbrett sein, die sich nach Belieben verschieben und wie ein Paket von Ort zu Ort verfrachten liess, obgleich sich die erloschenen Familienbande fest um sie zu schnüren versuchten. Ihr Handeln strafte ihrer inneren Gefühle jedoch Lügen, so liess sie ihr Einverständnis in Form eines stummen Nickens verlauten. Es wurde alles für ihre Abreise aus Edhellond bereitgestellt und schon bald hatte sie dem Elbenhafen den Rücken zugedreht. Jenem Ort, von dem sie sich Frieden erhofft und ihn auch für kurze Zeit gefunden hatte. Sendraen stand wie eine steinerne Statue am Tor und blickte Celestiel nach. Jene konnte nicht mehr sehen wie die Elbe angedeutet nickte. Verstehend.

Celestiel liess sich von dem Krieger sicher zurück nach Dol Amroth geleiten. Wer jedoch glaubte, sie würde sich dem Willen der Familie beugen, der irrte. Zwei Tage nach ihrer Ankunft verschwand auch sie aus der Festung an der Bucht von Belfalas und liess niemanden dort im Wissen, was das Ziel ihrer Reise war. Ausser Sendraen.


Treue Freundin

Ich konnte in Dol Amroth in Erfahrung bringen, dass mein Vater zuletzt auf eine Geschäftsreise nach Eriador aufgebrochen ist. Ich werde seinen Spuren folgen, nicht nur um das Toben meiner Seele zu beschwichtigen, sondern auch um diesem Gefängnis, diesem Käfig, welche mir diese Stadt droht, zu entgehen.

Das Leben nimmt einem so viel und gibt so wenig zurück. In der Handelsstadt Bree will ich finden, was mir genommen wurde.

Ich werde dich stets in meinem Herzen wahren.

In aufrichtiger Freundschaft

Celestiel


Das Grau ihrer Augen war nicht mehr von der Farbe des Meeres zu unterscheiden, das von unruhigen Wellenschlägen aufgestoben wurde. Die Elbe jedoch war die Ruhe in Person und faltete bedächtig den Brief von Celestiel zusammen. Sie lächelte.
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Re: Celestiel Navayron

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VIII. Fern von Gondor (Jahr: 3013/3014)

Die Bezeichnung Gasthaus war in Celestiels Augen nicht nur unpassend, sondern auch unzutreffend, zumindest seit allerlei seltsames Volk in Bree einkehrte. Beunruhigende Gerüchte gingen um. Die einen ob der Vielzahl und Häufigkeit abgetrennter Gliedmassen, dramatischer Wendungen und sonstiger Abscheulichkeiten eindeutig als Erzeugnisse gelangweilter Tratschweiber einzustufen. Anderen Geschichten jedoch war der Wahrheitsgehalt durchaus zuzutrauen, auch wenn er sich durch viele Ausschmückung des jeweiligen Erzählers kaum noch herausfiltern liess. Diese und andere Geschichten hörte man sich am besten im Gasthaus zu Bree an, das auch gerne nur 'Pony' genannt wurde, abgeleitet von seinem richtigen Namen 'Zum tänzelnden Pony'. Am Tänzeln waren im Gasthaus aber höchstens die Schankmägde, welche die mit Bierhumpen vollbeladenen Servierbretter leichtfüssig durch die dichte Menge manövrierten, denn zu leichtfüssigem Tänzeln waren die berauschten und betrunkenen Gäste kaum mehr im Stande, wenn sie denn erst mal dem Bierkrug verfallen waren und sich dem Suff hingegeben hatten. Dies und der Umstand, dass der Besitzer des Gasthauses vor allem zwielichtige Gestalten zu seiner Kundschaft zählte, liessen bei Celestiel das Gefühl aufkommen, sich mehr in einer üblen Spelunke aufzuhalten und nicht in einem Gasthaus. Dennoch sass sie an einem leeren Tisch im Schankraum. Auf den ersten Blick wohl ein widersprüchliches Verhalten, das auf den zweiten Blick jedoch schlüssige Gründe offenbarte. Seit Monaten nun hatte sie sich durch ganz Bree gefragt, in der Hoffnung einen Hinweis auf den Tod ihres Vaters zu erhalten. Ihre Mühen blieben jedoch unbelohnt und ihre Suche schien zu keinem Erfolg zu führen. Vom rege besuchten Gasthaus, das Angelpunkt für die neuesten Gerüchte und Geschichten war, erhoffte sie sich eine Besserung ihrer informationsarmen Lage. Unterschwellig war es vielleicht auch der Wunsch nach Gesellschaft, der sie ins Pony lockte, auch wenn man angesichts der Saufbolde kaum von einer Verlockung sprechen konnte. Auch hatte die Dame von höherem Stand ihre liebe Müh’ damit, sich dem Umgangston der Breeländer anzupassen. Bedingt durch ihre gute Erziehung pflegte sie die ihr angelernten Höflichkeiten ebenso wie sie eisern die guten Sitten ihres Elternhauses vertrat. Nur massen die Menschen in Bree einem solchen Verhalten weder Wichtigkeit noch Anerkennung bei. Höchstens wurde es mit Heuchelei oder gar Verlogenheit gleichgesetzt. So heftete sich die Einsamkeit an ihre Fersen. Dies tückisch langsam, wie eine lauernde Raubkatze, die aus dem Hinterhalt anzugreifen und zuzuschnappen gedachte. Plötzlich wurden selbst überfüllte Plätze zu ruhigen Orten, wo Einsamkeit besser gedeihen konnte als in einem leeren Raum. Und so wurde die Einsamkeit zu einem schleichenden Schatten, der sich selber als Begleiter auserkoren hatte. Celestiel lächelte bitter, als sich diese Überlegung in ihr Bewusstsein bohrte. Schweigend sass sie noch immer am Tisch und strich mit den Fingerkuppen über den Becherrand, bis ihre Bewegungen aus einem unerfindlichen Grund ein jähes Ende fanden.
„Diesen elenden Dieben gehören die Hände abgehackt, sag ich dir! Über Nacht sind schon wieder 'n paar Hühner von meinem Hof verschwunden.“, beklagte sich ein Mann bei seinem Tischnachbarn, welcher ihm sogleich grimmig zunickte. „Aye, wird immer frecher das Pack. Erst letztens haben sie mal wieder 'nen reichen Kaufmann aus'm Süden überfallen und ausgeraubt. War wohl schon etwas älter der Knabe und hat ins Gras gebissen.“ Celestiels Blick schnellte zu den beiden Männern hinter ihr und verharrte dort erschüttert in Starre. Erschüttert, weil sie so unverhofft wieder mit dem Tod ihres Vaters konfrontiert wurde und auch wegen den Worten des Fremden, der in einer Art und Weise von seinem Tod sprach, die ihrem Vater nicht gerecht wurde. „Tja, man sollte sich in diesen Zeit gar nicht mehr erst auf die Strassen trauen. Die lungern doch an jedem Wegesrand herum. Man sagt sogar...“ Der Mann hielt kurz inne, beugte sich zu seinem Gegenüber vor und fuhr hinter vorgehaltener Hand mit gedämpfter Stimme fort: „Ja, man munkelt, dass die Schwarzwolds gemeinsame Sache mit diesen seltsamen Gestalten aus Angmar machen.“ Noch während er sich wieder zurücklehnte, nickte er bedächtig und schwer, so als hätte er soeben eine ungeheuerlich bedeutende Nachricht verkündet. Sein Tischkumpane blickte ihn jedoch nur zweifelnd an und antworte skeptisch: „So'n Unsinn. Was sollten denn solche Kerle von lumpigen Hunden wie den Schwarzwolds wollen, he?“ Der andere Mann runzelte die Stirn, wohl ein wenig bedrängt, weil ihm keine Antwort einfallen wollte und er seinem Gegenüber nichts mehr entgegenzusetzen hatte. „Ehm...Na...Na, auf jeden Fall suchen sie hier was! Also muss hier ja was sein, sonst wären sie ja nicht hier, ne? Oder glaubst du diese Kerle machen hier 'nen Ausflug?“ Triumphierend sein Blick, so war er im Glauben, er hätte gerade so vortrefflich argumentiert, dass es schlicht kein Gegenargument mehr gab. „Ausgemachter Blödsinn! Der Krieg spielt sich woanders ab, nicht hier-...“ Die Stimme rückte in weite Ferne, die Tür glitt auf und der Tisch war wieder leer. Ein leerer Platz, der im nächsten Moment von den nächsten Gästen wieder besetzt wurde, so als wäre dort nie jemand gesessen.

Lang ihr Weg, der sie ziellos von Bree wegführte und tief das Dunkel, in das sie sich mit jedem Schritt, den sie von den Stadtmauern wegsetzte, mehr hineinstürzte. Alsbald spendete nur noch der volle Mond am dunklen Himmelsdach Licht, denn die Lichter der Stadt waren schon lange in der Ferne verblasst. All dies nahm Celestiel jedoch nicht mehr wahr. Abwesend schritt sie den Weg entlang, ohne Orientierung, ohne Zeitgefühl. Unzählige Gedanken hämmerten an ihre Schädeldecke, forderten Einlass, den sie ihnen nicht gewähren wollte. Doch sie drückten unerbittlich dagegen bis Celestiel dem nicht mehr standhalten konnte. Gedanken, Erinnerungen und Empfindungen brachen tosend über sie herein, die klaffende Leere in ihr drin verschwand jedoch nicht. Sie fühlte sich tot. So tot wie die Schatten der Bäume, die ihre knorrigen Arme nach ihr ausstreckten. Ein kalter Wind blies und liess sie frösteln und sie war froh darüber, so spürte sie die Kälte unter ihre Kleidung kriechen – Ein Gefühl des Lebendig seins. Sie blieb stehen und schickte ihren Blick in den pechschwarzen Schlund der Nacht, der sich vor ihr öffnete. Es war nicht zu sehen, ob der Weg gerade oder kurvig weiter verlief, geschweige denn wohin er führte. Ob ihr Vater mit seinen Waren hier entlanggekommen war? Kalte Fänge umklammerten ihr Herz, als sie daran dachte, dass er womöglich hier seinen Tod gefunden hatte. Einen Moment lang verharrte Celestiel regungslos mitten auf der Strasse und liess die kühle Brise mit geschlossenen Augen an sich vorbeiziehen. Auf allen Seiten lachte ihr die Dunkelheit höhnisch ins Gesicht, als sie ihre Augen wieder öffnete. Sie drehte sich um, bereit den Rückweg anzutreten und sich dem festen Griff der Dunkelheit zu entreissen. Einige Schritte legte sie zurück, bis sie abermals stehen blieb. Stimmen drangen in ihr Gehör. Dunkle Stimmen.
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Re: Celestiel Navayron

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IX. Gedankenfetzen (Jahr: 3014)

Das unruhige Züngeln der Flammen tat dem Dunkel der Nacht Abbruch. Ein warmer Lichtpegel durchflutete das kleine, von Holzpalisaden umsäumte Lager. Fast schon ein friedlicher Anblick, wären da nicht die dunklen Umrisse von Gestalten gewesen, die als Räuber und Diebe unverkennbar waren. Eine Vielzahl von ihnen hatte sich um ein loderndes Feuer gesetzt, grölend und saufend. Offenkundig vergnügten sie sich an den Bierflaschen, die sie an diesem Tage erbeutet hatten. Was war geschehen? Celestiel kniff die Augen zusammen, gepeinigt von einem hämmernden Schmerz in ihrem Kopf, der sie zwischen Bewusstsein und entrückten Traumreichen schwanken liess, so verfiel sie kurzzeitig immer wieder in eine Ohnmacht, aus der sie benommen erwachte. Was war geschehen? Ihr Blick flackerte wie die Flammen vor ihren Augen. Unruhig und ziellos tastete er sich durch das Lager und versuchte irgendeinen Anhaltspunkt zu finden, der die Erinnerung wach rufen konnte. Der reich verzierte Dolch ihres Vaters. Jene Waffe, die er auf Handelreisen immer mitzunehmen pflegte. Sie hatte ihn gesehen. In den Händen eines Schwarzwolds, der lautstark damit herumprahlte. Die Wut hatte ihr die Sinne geraubt – und gleichzeitig ihre Wachsamkeit. Ein Schlag auf den Kopf. Ein unsanftes, gewaltsames Ziehen an ihren Armen. Und dann? Ihre Züge verzerrten sich, als sie innerlich auf ihre Erinnerung einprügelte, damit ihr jene den fehlenden Gedankenfetzen offenbarte, nach dem sie suchte. Kraftlos zerrte sie an dem Seil, das sich in der Zwischenzeit in die Haut an ihren Handgelenken geschnitten und dort tiefrote Striemen hinterlassen hatte. Es war gleichzeitig ein zum Misserfolg verurteiltes Rütteln an einem dicken Eichenstamm. Man hatte sie gefangen genommen. Die Räuber? Celestiel drückte ihren Kopf gegen den Baum und versuchte verzweifelt und angestrengt, sich zu erinnern. Räuber ja, doch da war noch etwas anderes gewesen…
Ein Blitzen in ihren Augenwinkeln liess sie aufschrecken und brachte ihre Gedanken zu einem unfreiwilligen Abbruch. Das blaue Augenpaar weitete sich erschrocken, als sich ihr ein verwegener Räuber mit gezücktem Dolch näherte, ein überlegenes Grinsen zur Schau stellend. Ausdruck dafür, wie er sich an ihrem Leiden weidete und Vorfreude sie von ebendiesem zu erlösen. Ein erstickter Schrei wand sich aus ihrer Kehle, gedämpft von dem Tuch, mit dem man sie geknebelt hatte. Hilfesuchend wanderte ihr Blick durch das Lager und heftete sich an die drei Gestalten, welche die Erinnerungen tosend über sie hereinbrechen liessen. Angmarim! Es stimmte also. Die Schwarzwolds machten gemeinsame Sache mit den dunklen Schergen aus dem Norden.
Celestiel wehrte sich nun mehr denn je und zog fester an den Seilen, die sie an den Baum fesselten. Wie ein strampelndes Kind in einem See, das es gnadenlos in die Tiefe hinab zog. Blanke Angst füllte das Blau ihrer Augen aus, das starr auf die Angmarim gerichtet war, doch waren es nur zwei von drei Personen, die dort standen. Ihr Blick schweifte weiter, zu jener Gestalt, die sich auf den ersten Blick nicht einordnen liess. Ein Krieger, in gerüsteter, imposanter Montur, wild gestikulierend und verärgert auf die beiden Angmarim einredend, so als…Celestiel wagte kaum den Gedankenstrang weiterzuführen, zu brüchig war die Hoffnung, die sich vor ihr auftat. Wollte der Krieger die Angmarim etwa davon abhalten, den Räuber auf sie anzusetzen? Schweiss liess sich auf ihrem Gesicht nieder, als sie den Räuber nahen sah, mit seinem blossen Grinsen über sie triumphierend, obwohl seine Tat noch gar nicht begangen war. Ihr Rücken presste sich fest gegen den Stamm, so als wolle sie jeden Zentimeter ausnutzen, um sein Kommen hinauszuzögern. Er sollte sie jedoch nie erreichen, so drang dumpf eine Schwertspitze in seinen Rücken und bohrte sich durch seinen Körper. Das ungläubig geweitete Augenpaar Celestiel beobachtete das Tun des Kriegers, der das ganze Lager gegen sich aufhetzte und den Zorn seiner Auftraggeber aus Angmar mit voller Wucht zu spüren bekam, als sie die ganze Räuberschar nach ihm ausschickten. Celestiel spürte wie der Druck an ihren Handgelenken sich abschwächte, als der Krieger sich zu ihr hinab beugte und sie mit eiligen, ruckartigen Bewegungen aus den Fesseln löste. Er riss sie hoch und stürmte mit ihr hinaus, doch konnte sie kaum Schritt mit ihm halten und strauchelte hinter ihm her. Der Schmerz hatte sie in seinem folternden Griff und machte sie abermals benommen. Gedankenlos setzte sie einen Schritt vor den anderen und driftete in kurzen Abständen in Bewusstlosigkeit ab, nur um sogleich wieder wie ein in die Enge getriebenes Tier aufzuschrecken und sich hektisch umzublicken. Der Krieger beendete ihren Leidensweg schliesslich, als er sie in ein Waldstück führte und sie dort auf den Boden drückte. Die erste Röte des Tages war am Horizont zu erkennen, doch verdunkelte sich die noch währende Nacht um Celestiel herum. Während sie das Licht zu erhaschen versuchte, das die Dunkelheit bannen konnte, bettete der Krieger ihren Hinterkopf vorsichtig in seine Handfläche und legte den zierlichen Körper auf den Boden. Gehetzt schickte sie ihren Blick in alle Richtungen aus und erst als der Krieger sich seines Helmes entledigte, richtete sich ihr Blick ruhig auf sein enthülltes Gesicht. Tückisch langsam kam die Erinnerung über sie, um schliesslich wie ein Blitz durch ihren Kopf zu zucken. Eine Erinnerung, die soweit zurücklag und entrückt war, dass sie im ersten Moment ungreifbar schien. Schwärze umnebelte ihren Blick und liess sie in einen dunklen Abgrund fallen – zusammen mit der Erinnerung an den Söldner aus Cair Andros. Ganred.
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Re: Celestiel Navayron

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X. Die Jahre in Bree... (Jahre: 3014-3018)

Menschen kann man nicht ändern. Genauso wenig wie man seine Herkunft und Vergangenheit einfach abstreifen kann. So schlüssig und verständlich uns diese Einsicht erscheint, so wenig wird sie befolgt und so häufig missachtet.
Doch dies allein erklärt nicht, wieso sich ausgerechnet eine feine Dame wie Celestiel mit einem Mann einliess, der das Söldnerhandwerk mit derselben Leidenschaft ausübte wie andere sich eines ruhigen, beschaulichen Lebens erfreuten. Und weitaus unglaubhafter ist die Tatsache, dass sie Ganred in eine Gemeinschaft folgte, die Aussenstehende bestenfalls „Söldnerhaufen“ genannt hätten.
Wieso also bandelte die edle Dame aus Gondor mit einem Mann und gleichzeitig einem Leben an, das all ihren Wertvorstellungen widersprach und nicht mit dem Umfeld in Einklang zu bringen war, dessen strenge Pachtherrin sie doch stets gewesen war?

Nach dem Vorfall im Schwarzwold-Lager und dem unverhofften Wiedersehen mit Gandred, der höchstens noch eine verblasste Kindheitserinnerung gewesen war, brauchte es seine Zeit bis Celestiel wieder bei vollen Kräften war und das Erlebte verkraftet hatte. Was blieb, war die Angst vor Schwarzwold-Dieben, die sie bis heute nicht ablegen konnte. Und diese Leere, die sich schlicht nicht füllen liess.
Es ist der Menschen Eigenart und Verhängnis zugleich, ihr verlorenen Glück bei Menschen zu suchen im Glauben, ebendieses dort zu finden. Es ist so leicht an Dinge zu glauben, die man unbedingt glauben will. Und so unbeschreiblich schwer ist es schliesslich von diesem falschen Glauben abzulassen, wo man sich doch dadurch Seelenfrieden erhoffte.
Celestiel suchte ihr Glück bei Ganred, da sie nichts mehr in ihrem Leben hatte, das ihr Halt geben oder sie in irgendeiner Art und Weise ausfüllen konnte. Sie war eine Fremde in einem noch fremderen Land, jedes Menschen beraubt, der ihr wichtig gewesen war. Die Eltern waren beide tot, der Bruder galt als verschollen und der Rest ihrer Familie leistete in Gondor ihren fürstlichen Dienst in Selbstprunk und Arroganz für einen Krieg, mit dem sie sich so fern der Heimat nicht mehr identifizieren konnte.
Celestiels Zeit mit Ganred und bei den Söldnern war von dem allgegenwärtigen Wissen begleitet und geprägt, nicht in dieses Milieu zu gehören. Dieses mangelnde Zugehörigkeitsgefühl gepaart mit der Umtriebigkeit von Ganred, der scheinbar nur das Schlachtfeld als seine wahre Heimat anerkannte und mehr ausser Lande weilte als an Celestiels Seite zu sein, machten es Celestiel schwer das Leben zu leben, das sie damals in Gondor zurückgelassen hatte. Dennoch war es keine vorgespielte Zuneigung, die sie an Ganred band. Sie war echt, nur war sie zu schwach, um sich den Namen Liebe zu verdienen. Sie hatte sich die Liebe glaubhaft gemacht, weil sie einer solchen als Stütze und Halt unbedingt habhaft werden wollte.
Naiv, nicht wahr?
Doch lassen wir uns nicht alle gerne auf Träume ein und von deren Süsse verlocken, wohl wissend, dass diese irgendwann bitter platzen werden?

Als Ganred von einem Auftrag nicht mehr wiederkehrte und monatelang vermisst wurde, liess sich selber der kleinste Funken Hoffnung nicht mehr aufrechterhalten Vreawyn, jene Kriegerin, die kurz vor Ganreds Verschwinden in Bree aufgetaucht war und sich als einstige Waffengefährtin von Ganred aus ihren Zeiten in Thal herausgestellt hatte, erbrachte ihr schliesslich Gewissheit, als sie im Auftrag Celestiels von ihrer Suche nach Ganred zurückkehrte. Ihr Fund: Eine Klinge, die eine Schneedecke im Nebelgebirge unter sich begraben hatte und die der Ganreds zu ähnlich sah, als dass man sich noch länger an Zweifel hätte klammern können. Verluste sind immer schmerzvoll, doch was, wenn man gleichzeitig zur Einsicht gelangt, dass jene Person, der man sich so plötzlich beraubt fühlt, einem in Wahrheit schon lange fern ist? Wie ein davon huschender, flüchtender Schatten, dessen Schemen man zwar immer im Blickfeld hat, hinter dem man jedoch vergebens hinterher rennt, weil er zu flink ist und einem stets durch die Finger gleitet.
Ja, so fühlte es sich an. Sie, wie sie stets versucht hatte, mit diesem Schatten Schritt zu halten, um Ganred nicht zu verlieren, doch nun schien irgendeine fremde Gewalt den Schatten auseinandergestoben zu haben, unerreichbar für sie und ihrer Welt entflohen.

Ein Streich des Schicksals, dass sich all dies letzten Endes als grosser Irrtum offenbaren sollte, so stand nur wenige Monate nach der Nachricht seines Todes Ganred auf ihrer Türschwelle, lebendiger denn je und einem Scheintod gänzlich fern. Und obgleich sie von einer Last befreit wurde, die brennende Narben hinterlassen hatte, so waren ihre beiden Lebenslinien auseinander gedriftet und liessen sich nicht mehr vereinen. Beim Bruch zwischen Celestiel und Ganred blieben die Scherben jedoch aus, so wussten sie beide gut genug, dass ihnen ein gemeinsamer Weg nie vorbestimmt war.
Losgelöst von dem ständigen Bangen und Hoffen, das sie immer dann gepeinigt hatte, wenn er sich in fernen Landen ins Schlachtgetümmel gestürzt hatte, ging Celestiel wieder ihren eigenen Weg und wurde an ihre Anfänge zurückgeschleudert, denn wie einige Jahre zuvor, war sie nun wieder alleine in Bree, ziellos und zerrissen, ihrer Heimat entwurzelt und doch voller Sehnsucht, das Licht in der Bucht von Belfalas wieder erstrahlen zu sehen.
Doch wo ein Licht erlischt, geht bekanntlich irgendwo ein anderes auf, und dies sollte plötzlicher geschehen als erwartet...
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Re: Celestiel Navayron

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XI. Eine schicksalshafte Begegnung (Jahr: 3018)

Unverhofft war das Aufeinandertreffen mit dem gondorischen Krieger auf dem Vorplatz des Gasthauses zu Bree. Als Taldaras Arnum stellte er sich vor, Anführer einer Gemeinschaft mit dem Namen ‚Meigol i Estel’. Scheinbar eine gewöhnliche Gemeinschaft aus Abenteuern und Reisenden, die sich zusammengeschlossen hatten, um Abenteuer zu bestehen. Wahrlich nichts Weltbewegendes, so waren dieser Tage viele solcher Gruppierungen unterwegs. Ohne festen Hintergrund. Lose oder auch feste Zusammenschlüsse, Anlaufstellen für all jene, die der Einsamkeit trotzen wollten. Und so liess sich auch Celestiel auf eine solche Gemeinschaft ein, in der Hoffnung der Einsamkeit zu entfliehen. Niemand hätte sie jedoch darauf vorbereiten können, was in den kommenden Monaten folgen sollte.
Ominöse Angriffe, die von Mal zu Mal an Bedrohung gewannen, zwangen die Gemeinschaft dazu, sich eine schützende Tarnung zu geben. So sollte die Meigol i Estel fortan nur noch als gondorischer Trupp in Bree und Umland bekannt sein und Celestiel als Schreiberin eben jenes Trupps. Die genauen Hintergründe dieser Gemeinschaft blieben jedoch ebenso verschleiert wie die Angriffe, deren Verursacher namen- und gesichtslos waren. Eine aufreibende Zeit, die nur mit starkem Zusammenhalt bewältigt werden konnte. Dieser Zusammenhalt wandelte sich bei Celestiel und Taldaras in eine starke Zuneigung, der jedoch Steine in den Weg gelegt waren. Taldaras verstand sich vortrefflich darin, jedwede Gefühlsregung hinter seiner stoischen Miene zu verbergen. War Celestiel also nicht im Begriff wieder den gleichen Fehler zu begehen? Einen Mann zu lieben, den sie sich wieder mit dem Schlachtfeld teilen musste und der nie ganz ihr gehören würde?
Menschen sind in Liebesdingen nicht nur blind. Sie sind auch unbelehrbar.
Oder war Celestiels Handeln nur von ihrer Naivität bestimmt?
Egal, was schlussendlich der Grund war, Celestiel knüpfte ein enges Band zu Taldaras, mit jenem stolzen Krieger Gondors, der in Gefühle ein Übel sah, das es zu vermeiden galt, lenkten ihn diese doch von seiner eigentlichen Aufgabe ab.
Eine Aufgabe, die nur Eingeweihte kannten.
Eine Aufgabe, die ganze Schicksale bestimmte.
Eine Aufgabe, die er nie zu Ende führen sollte.


>>Was tun, wenn ein Teil deines Herzens wegbricht? Stehst du gerade und wirst dem Schmerz trotzen? Oder lässt du dich von ihm wegtreiben? Ein schnellend, reissender Fluss, der tosend über dich hereinbricht und dich mitreissen wird, an einen Ort, wo keine Menschenseele auf dich warten wird. Ja, du wirst allein sein, mit dem Wissen, dass nach deinem Fall niemand mehr da sein wird, der dich auffangen kann. Denn dieser jemand - er ist hinfort.<<


Innerlich wusste sie es bereits, als sie das Wappen Gondors in seinem Waffenrock eingestickt sah. Mit ihrem tapferen Lächeln schien sie jedoch zu versuchen ihre innere Gewissheit herauszufordern, zu einem Kampf, den sie nimmer gewinnen konnte. Regungslos und stumm beobachtete sie wie der Bote stramm das Pergament aufrollte und in monotoner Stimme vorzulesen begann:
"Wir bedauern zutiefst Euch mitteilen zu müssen, dass Euer Gemahl und unser treuer Kamerad Hauptmann der zweiten Verteidungswall Taldaras Arnum im Kampf um die Verteidigung Gondors gefallen ist. So möchten wir unser tiefstes Bedauern aussprechen. Gondor hat einen tapferen Sohn und Krieger verloren. Doch war sein Tod nicht vergebens, diente jener doch einem höherem Zweck. Mögen seine ruhmreichen Taten, sein Opfer nicht in Vergessenheit geraten und sein Mut auf uns alle übergehen. Gezeichnet Bentalas Jorsan, Feldherr der vierten Verteidigunswall, Minas Tirith."
Sie sah die Blicke nicht, die in stummer Trauer zu Boden sanken. Sie nahm nicht wahr, wie Grisgrim in die Halle stürmte. Sie hörte das Schluchzen von Kanwyn nicht, ebenso wenig wie sie hörte, dass der Krug aus Kanwyns Händen glitt und scheppernd auf den Boden knallte, um dort in unzählige Stücke zu zerbrechen. Sie bemerkte nicht einmal, dass ebendies auch mit ihrem Herz geschah. Es zerbrach, wurde von einer unsichtbaren Klaue zerquetscht, die sich fest um ihr Herz drückte. Vom Schicksal eingeholt und gemeistert, zu Boden gedrückt und mit Tritten gepeinigt.
"D-das...das ist doch Unsinn! Das kann nicht sein...Taldaras ist in Gondor, bei den Letzten seiner Familie!"
Celestiel begann hektisch um sich zu blicken, suchte mit ihrem Blick fieberhaft nach der Bestätigung, die sie in ihrem Innern misste. Ihre Züge resignierten ob der Verzweiflung, die von ihr Besitz ergriff, als rundherum nur stummes Kopfschütteln sie erwartete. Der menschliche Verstand spielte ihr Streiche, wollte nicht erfassen, was längst geschehen und nicht mehr rückgängig zu machen war. Und doch hielt sie an einem irrwitzig kleinen Funken Hoffnung fest, der einfach nicht weggefegt werden wollte. Ihrem Blick wohnte Unglauben inne. Unglauben darüber, dass all dies wirklich geschehen war. Dass man sie eines Menschen beraubt hatte, mit dessen Wegsterben ebenso ein Teil ihres Herzens verdorrte. Ein Gefühl machte sich in ihrem Bauch bemerkbar, das Wut gefährlich nah' kam. Aufrecht? Oh ja, sie stand aufrecht, doch konnte man schwerlich übersehen, dass sich jede Sehne in ihrem Körper dem Schmerz unterwarf, wie alles in ihr nachgab. Was bliebt war ein kümmerliches Abbild ihrer selbst. Sie driftete ab in einen Strudel an hereinbrechenden Gefühlen, unfähig alle Geschehnisse klar zu erfassen. Nur bruchstückhaft konnte sie sich später an diesen Abend erinnern. Gedankenfetzen, wirr aneinander gereiht und kaum zu ordnen, selbst dann nicht, als sie das Sippenhaus schliesslich verlassen und in Bree Zuflucht vor ihrem verfolgenden Schmerz gesucht hatte.

Taldaras kehrte nie aus Gondor zurück. Aufgebrochen, um sich um Familienangelegenheiten in der Heimat zu kümmern, fand er seinen Tod unter mysteriösen Umständen in einem Waldstück irgendwo in Gondor. Er hinterliess einen schlichten Schlüssel in Celestiels Obhut, dessen Zweck bis heute ungeklärt blieb. Sein Vermächtnis war jedoch auch eine Bürde, der sich eine Person annehmen musste. Vorerst galt es jedoch eine Trauer zu bekämpfen, die eine ganze Gemeinschaft ins Wanken brachte. Und Celestiel suchte ihren Trost an den Ufern Evendims. Ein schicksalsträchtiger Ort für sie und eine Person, deren Seele nicht minder gemartert war wie die ihre.
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Re: Celestiel Navayron

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XII. An den Ufern Evendims


>>Chancen sind da, um sie zu ergreifen. Doch was passiert, wenn eine solche so unverhofft in das eigene Leben tritt, dass es einem unfähig macht zu handeln, ja, gar zu atmen?
Mut zur Stärke oder zur Schwäche? Stark im Sinne von, das Wagnis eingehen. Und Schwach im Sinne von, sich den entscheidenden Luftzug nicht rauben zu lassen, sondern einen Schritt zurückzugehen. Oder ist es schwach, sich durch das Ergreifen einer Chance in die Knie zwingen zu lassen? Und bedeutet dann etwa, der Versuchung standzuhalten, stark zu sein?
Unerwartete Begegnungen können verwirrend sein.
Und so ungeahnt bedeutungsvoll und schicksalsträchtig...<<


Das Wasser flutete das Ufer, welches in völliger Stille dazuliegen schien. Von weit her hörte man ein Dröhnen, das zeitweise von dumpfem Gebrüll untermalt wurde. Ihr Blick gleitete gen Süden, wo sich Umrisse einer Stadt im letzten Tageslicht zeigten. Eine Stadt, die aus einer Zeit stammte, wo die alten Könige noch herrschten und das nördliche Königreich in seiner ganzen Blüte war. Annuminas, das einstige Juwel von Arnor. Noch heute künden die ramponierten, in Mitleidenschaft gezogenen und verwitterten Gemäuer von dem Glanz und der Schönheit, welche diese Stadt einst verkörpert haben musste.
Noch konnte sich der Tag nicht entscheiden, ob er in die Nacht hinüber gleiten wollte. Am fernen Horizont dämmerte es. Zwielicht über dem Nenuial See, der in der Sprache der Elben ebenso See des Zwielichts geheissen wurde. Zwielichtig war auch das Land. Der Schatten griff nach Evendim. Angmarim fielen laufend in die einstige Königsstadt Annuminas ein. Um das zu fordern, was ihnen nicht gehörte. Um das zu schänden, das erbaut worden war, um die Ewigkeit zu überdauern. Und doch leisteten einige unerbittlich Widerstand. Dunedain, die letzten des edlen Geschlechtes. Ein Lichtstrahl am sich verdunkelnden Himmel.

Die Dunkelheit verscheuchte den letzten Lichtfetzen am Himmel. Sterne begannen das Himmelszelt zu sprenkeln. Stumme Hüter über ein Land, das um seinen Frieden bangte. Und über zwei Personen, die nach Linderung für ihre gemarteten Seele suchten. Celestiel blickte über ihre Schulter zu dem kleinen Lager auf der Insel. Sie war wieder alleine am Ufer. Schreckhafte Sehnsucht verriet ihr Blick, der zu dem Grasfleck zurückwanderte, wo soeben noch jene Person gestanden war, die sich fest in ihr Gedächtnis eingebrannt hatte und wie sie später erkennen sollte: In ihr Herz.
Sie drehte sich wieder um und schickte ihren Blick über die dunkle Wasseroberfläche aus, abwesend über das Tuch in ihren Händen streichend, auf das in filigranen, mit Gold durchwirkten Linien die Initialen C.N. eingestickt waren. Das Tuch ihres Bruders. Befleckt mit Blut. Doch es war weder ihres, noch seines.

"Viele Wunden vergehen, Celestiel. Einige jedoch nicht."

Sie hatte ihm gegenüber Gegenteiliges behauptet und nun, höchstens eine Stunde später, musste sie ihr Urteil revidieren. Nein, es gab wahrhaftig Wunden, die sich so tief in die Haut geschnitten hatten, dass sie nimmer mehr richtig verheilen würden. Schliessen konnten sie sich und auch der Schmerz konnte vergehen, doch existieren würde sie bis in alle Ewigkeit. Die Kunst war es zu lernen, mit einer solchen Wunde zu leben.
Was hatte er für eine Wunde davongetragen, die nun seine Seele überschattete? Wie sie war auch er vor irgendetwas geflüchtet, in der Hoffnung, in Evendim Seelenfrieden zu finden, mochte dieser auch noch so kurzweilig sein.
Ein Lächeln schlich sich auf ihre Lippen, als sie an die Begegnung vor wenigen Wochen zurückdachte. Stolz und erhaben war er ihr an den Ufern von Tinnundir begegnet. Die Sonne hatte ein Lichtspiel auf seine stattliche Rüstung gezaubert, welche der Handfertigkeit der Dunedain entsprungen war. Ein Krieger, dessen Gesicht von der Zeit gezeichnet war, seine Jugend und Schönheit jedoch fast bewahrt hatte. Wach hatte das intensive Grün in seinen Augen gefunkelt und eine Weisheit offenbart, die kaum mit dem Alter zu erklären war, welches er ausstrahlte.
Falandir, Faladors Sohn. Anführer einer Gemeinschaft, die sich die Agar Teryn nannte und zugleich Heeresführer, in dessen Körper das Blut der Dunedain floss.

Ein oder zwei Wochen waren seit dieser Begegnung vergangen. Sie konnte es nicht genau sagen, zuviel hatte sich in diesen Tagen ereignet. Dinge, zu denen sie sich nie im Stande gesehen und gefühlt hatte. Mit völliger Hingabe hatte sich Falandir dem Kampf gegen die Angmarim verschrieben, um seinen Brüder, die Waldläufer, zur Seite zu stehen. Und sie hatte ihn dabei ohne zu Zögern unterstützt, so als hätte Falandir die unerklärliche Gabe gehabt, in ihr einen Mut zu schüren, den sie nicht einmal existent geglaubt hatte. Taten hatte sie folgen lassen, über die sie im Nachhinein nur den Kopf schütteln konnte. Wie konnte sie, die edle Dame aus Gondor, welche in keinster Weise in der Kampf- und Kriegskunst unterrichtet worden war, zum Schwert greifen und zusammen mit einem Fremden den Angmarim die Stirn bieten?
Abermals lächelte sie, als ihr Blick auf das Tuch in ihren Händen zurücksank. Mit ihren Fingerkuppen befühlte sie den feinen Stoff und fuhr fort, ihr stummes Lächeln zu lächeln. Ja, ihr Bruder wäre wohl stolz auf sie gewesen.
Ihr Finger wanderte zu dem trockenen Blutfleck weiter, der enstanden war, als sie die Wunde von Falandir gesäubert hatte. In seiner bedachten, wohlüberlegten Wortwahl zumeist distanziert wirkend, war er für sie einen Moment greifbarer geworden, als er es zugelassen hatte, dass sie seine Wunde versorgte. Ein stetiger Schatten umfing diesen Mann und entrückte ihn von allem Greifbaren und Begreifbaren. Etwas ward vor langer Zeit zerbrochen in seinem Innern und peinigte ihn mit erdrückender Macht. Eine Wunde, die nicht heilen wollte und ihn seinen Weg nicht verfolgen liess. Denn da waren Selbstzweifel, die sie für Bruchteile von Sekunden gespürt und gesehen hatte.
Doch ehe sie hätte erfahren können, was das Schicksal ihm angetan hatte, hatten sich ihre Wege getrennt, auch wenn sie den gleichen Rückweg hatten: Von Evendim zurück nach Bree. Standort ihrer Gemeinschaften, die ihrer führenden Hand bedurften.

Auch sie musste zurück. Zurück zu einer Gemeinschaft, die auf ihre Bestimmung wartete. So faltete sie behutsam das Tuch zusammen und strich ein letztes Mal zärtlich über die Initialen ihres Bruders und abschliessend über den Blutfleck, den sie bis heute nicht ausgewaschen hat.
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