Ristredin, Réadredens Sohn

Schreibt hier die Geschichte Eures Charakters nieder.

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Ristredin
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Ristredin, Réadredens Sohn

Beitrag von Ristredin »

Ristredin (Thordir), Réadredens Sohn
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Ein Inhaltsverzeichnis, Worterklärungen, Ergänzungen und weitere Informationen lassen sich hier finden. Nachfolgende Einträge werden dort lediglich im gleichen Beitrag editiert und erscheinen nicht als Antwort darunter. Zu jedem neu hinzugefügtem Kapitel wird auch der Informationsbeitrag erweitert.
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Prolog

Das Gasthaus
Auf der Suche
Scharf schlug der Regen gegen die Fenster und Gemäuer des kleinen Gasthauses. Die Dachziegel zitterten durch den starken Wind, der durch die Ebenen jagte. Ein Feuer im Kamin, versuchte vergeblich den Raum zu erwärmen, in dem zu dieser späten Zeit nur noch wenige Menschen saßen. Der Raum wurde durch das Prasseln des Regens und die Pfiffe des Windes mit Getöse erfüllt, und nur die junge Bedienung hörte manches mal, wenn sie an den einzelnen Tischen vorbeiging, ein leise Stimmen, wenn die Kunden sich miteinander unterhielten. Sie erwartete bei diesem Wetter keine Gäste mehr und begann damit, den Eingangsbereich sauber zu fegen. Doch sie irrte sich. Sie hatte noch nicht einmal den Besen angesetzt, da hört sie schwere Schritte, die sich stetig auf die Tür zu bewegten. Mit großer Kraft wurde sie aufgeschoben und ein Mann, tief in einen Umhang gehüllt, erschien zwischen den Türpfosten. Mit einem kurzen Nicken begrüßte er die, noch immer mit dem Besen in der Hand stehende, Bedienung. Zielstrebig ging er auf das Feuer zu und setzte sich auf einen Hocker, seinen Körper nah an das Feuer gebeugt. Sein Umhang fiel, durch das schnelle hinsetzten, hinter seine Schultern und eine lederne Rüstung kam zum Vorschein. Sein Schwert behielt er auf dem Rücken. Die Kapuze des Umhangs immer noch tief im Gesicht, sich der neugierigen Blicke bewusst.

Von seiner Theke aus, beobachtete der Wirt die dunkle Gestalt, die so eben in sein Gasthaus gekommen war und ohne einen Gruß sich an das Feuer gesetzt hatte. Neugierde packte ihn aber auch Angst vor dem Ungewissen, das von diesem Menschen ausging. Mut war noch nie seine Stärke gewesen. Mit einem Blick gab er seiner Bedienung zu verstehen, dass sie dem Gast zur Verfügung stehen soll.

Langsam näherte sie sich dem Mann. Seine Schultern hoben und senkten sich, durch den schweren Atem, der noch von einer großen Anstrengung zeugte. Um ihn nicht zu erschrecken, bleibt sie einige Schritte hinter ihm stehen, nicht wissend, wie sie diesen Kunden nun ansprechen sollte.

Sein Weg war entbehrlich gewesen. Das Unwetter hatte ihn mitten auf seiner Reise überrascht. Die kahlen Berge, die die Täler und Ebenen formten, boten nur schlechten Schutz. Durch einen glücklichen Zufall hatte er die Lichter der Herberge entdeckt. Die Wärme des Feuers kroch langsam in seinen Körper und es fiel ihm wieder leichter, seine Finger zu bewegen. Langsam näherten sich ihm feine Schritte, die nur ein leichtes Gewichten zu tragen schienen. Es konnte nur die Bedienung sein, alle anderen in diesem Raum hatte er, bei seinem Eintritt, als Männer erkennen können.

"Mein Herr, möchtet Ihr etwas trinken und vielleicht auch etwas essen?" Mit zittriger Stimme, versucht sie die Aufmerksamkeit des gerade eingetretenen Mannes zu gewinnen. Langsam bewegte sich die Kapuze in ihre Richtung.
"Etwas Wärmendes. Habt Ihr eine Suppe für mich?" Die Stimme überraschte sie. Die Stimme, sie war noch nicht alt, sie entsprach mehr dem Klang eines Manne Anfang zwanzig. Mit einer leichten Verbeugung, die ihre Antwort auf die Bestellung vortäuschen sollte, versuchte sie einen Blick auf das Gesicht, des scheinbar noch jungen Mannes zu erhaschen. Doch nur den Mund und sein rasiertes Kinn konnte sie erkennen. "Sehr gern. Bitte habt einen kurzen Augenblick Geduld."

Die leichten Schritte entfernten sich wieder von ihm und einige ruhige Minuten bis zur erneuten Störung waren ihm gewiss. Er zog seine Handschuhe aus und seine Hand fuhr in einen Beutel, an seiner linken Seite befestigt. Nach einem kurzen Moment kam sie mit einem zusammengerollten Pergament zum Vorschein. Langsam rollte er es auf, und seine Augen huschten von Wort zu Wort, keines auslassend.


Mein Sohn,

Siebzehn Jahre sah ich dich heranwachsen. Jeden Tag erfülltest du mich mit Stolz. Oft saß ich, in deinen jungen Tagen, an deinem Bett und atmete jeden Atemzug mit dir. Wir waren oft auf den weiten Ebenen der Mark. Früh begannst du mit mir den Kampf mit Schwert, Speer und der Faust zu üben. Du sagtest mir jeden Abend, dass du eines Tages wie ich, dein Vater, sein willst.

Schnell wurdest du größer und stärker und ich wusste, dass der Tag kommen wird, an dem du dein Schwert unserem Marschall zu Füßen legst und ewige Treue schwörst. So, wie ich es auch vor dir tat. So, wie es unser Geschlecht schon immer tat. Mit Stolz legte ich dir deine erste Rüstung an, mit Stolz überreichte ich dir dein erstes Schwert, mit Stolz war ich dein Lehrer und mit größtem Stolz dein Vater.

Als deine Mutter während der Geburt deiner Schwester starb und sie mit ihr ging, warst du es, der mir Halt gab.
Sie sprach oft davon, dass die Ahnen ihrer Eltern, einst vor langer Zeit, in Arnor lebten. Ein Land, dass sie nie mit eigenen Augen sehen konnte. Und doch lag ein Teil ihres Herzens stets dort. Es liegt nun an mir, diesen Ort für sie aufzusuchen.

Überquere den Meringstrom und lerne die Kultur deiner Mutter kennen. Seit den Tagen Eorls verbindet uns ein Eid mit Gondor. Die Soldaten dort könnten eines Tages deine Waffenbrüder sein. Die Familie deiner Mutter wird dich aufnehmen. Eomod und unsere Knechte kümmern sich in dieser Zeit um unseren Hof.

Ristredin, bedenke immer, wer du bist und woher du kommst. Bleibe dem König und der Mark treu. Stähle deinen Willen, denn ich sehe und spüre den Schatten in deinen Augen. Lasse ihn nicht Herr deine Sinne werden. Denn diesen Schatten kannst nur du besiegen.

Réadreden


Behutsam rollte er das Pergament wieder zusammen. Die sanften Schritte näherten sich wieder und kurz darauf wurde ihm eine wohlduftene Suppe gereicht. "Mein Herr, Eure Suppe. Ich wünsche Euch einen guten Appetit." Zum Dank drückte er ihr einige Kupfermünzen in die Hand, Worte ließ er aus. Er musste seine Kräfte sparen, er würde sie alle brauchen.
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Ristredin
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Beitrag von Ristredin »

Der Traum
Aufbruch
Mit einem kräftigen Schwung schob er den Vorhang des großen Zeltes beiseite und betrat den Innenraum. In der Mitte stand ein großer Tisch auf dem eine einzige Karte der Ostfold lag. Oben links wurde sie durch einen Kerzenhalter mit brennender Kerze beschwert. Weiter hinten im Zelt waren zwei Stühle um einen kleineren Tisch zu sehen, auf dem etwas Obst in einer Schale lag. An die Zeltwände waren in regelmäßigen Abständen weiße Pferde im Wechsel mit Eberköpfen eingenäht worden. Die einzige Lichtquelle ging von der Kerze auf dem Tisch aus. Über den Kartentisch war eine große Gestalt, die schon gute vierzig Jahre alt sein musste, gebeugt. Sie sah auf, als er den Raum betrat.
„Ristredin, endlich seid Ihr hier.“ Mit großen Schritten kam die Gestalt auf ihn zu und umarmte ihn freundschaftlich. „Eomod, es tut gut Euch zu sehen. Sagt wie steht es mit der Planung? Wie ich sehe seid Ihr gerade dabei die Karte zu studieren.“ Er und der Hofnachbar seines Vaters gingen zu dem Tisch hinüber, an dem ihm der Stand der Dinge erklärt wurde. „Von dieser Seite aus werden wir Aldburg erreichen, die Orks scheinen bis dorthin noch nicht vorgedrungen zu sein. Eomod sah ihn an, während er selbst nur verstehend nicken konnte. Der Mann klopfte ihm auf die Schulter und lachte herzlich. „Aber, mein junger Freund, Ihr schaut wirklich gut und vor allem kräftig aus. Haben Euch die zwei Jahre in Anorien also gut getan?“ Der Besitzer des Zeltes führte ihn zu den beiden Stühlen, die sich gegenüber standen, bot ihm einen davon an, während er sich auf den anderen setzte. „Die Familie meiner Mutter hat mich herzlich empfangen. Gen des Meringsstroms füllte ich mich fast wie auf dem Hof meines Vaters. Aber diese vier Wochen in Mundburg reichten mir. Zu viel Stein.“ Eomod und er lachten laut auf. „Aber ich bin froh wieder König Theoden dienen zu dürfen.“ Der ältere Krieger klopfte ihm auf die Schulter. „Es ist gut, dass Ihr zurück seid. Éawyn fragt oft nach Euch. Sie scheint besorgt zu sein. Nennt mir aber keinen Grund. Dennoch kümmert Sie sich gut mit den Knechten Eures Vaters um den Hof.“ Er nickte. „Ich bin für ihre Freundschaft dankbar.“ „Und ich bin Euch dankbar, dass Ihr an Stelle Eures Vaters gekommen seid, nun wo er noch immer jenseits der Pforte verschollen scheint. Die freundschaftliche Verbundenheit zwischen unseren Familien bedeutet mir viel.“ Sein Blick starte kurz auf die Zeltwand, während seine Gedanken sich mit dem bevorstehenden Ereignis befassten. „Mein Großvater und Euer Vater sind schon unter dem selben Banner geritten. Es ist mir eine große Ehre nun mit Euch nach Aldburg zur Heerschau zu reiten.“

Dunkelheit umgab ihn.

Die Nord-Süd-Straße
Das Morgenrot tauchte die Zelte der Reiter in ein malerisches Licht, als sie aufrecht in der weiten Ebene vor Aldburg ragten. Die Sonne im Rücken verließen zwei Männer das Zeltlager, einer von ihnen die Zügel seines Pferdes in den Händen. "Ihr kennt nicht einmal den Weg, noch seid Ihr Euch sicher, wo Euer Vater überhaupt ist. Und was hinter der Pforte liegt wisst Ihr so wenig wie ich. Ich will Euch ein letztes Mal raten mit mir zurückzureiten und dort auf ihn zu warten." Mit einem Handzeichen gab er seinem Gegenüber zu verstehen, dass sie sich weit genug vom Lager entfernt hatten. "Eomod, es führt nur eine Straße durch Dunland und Enedwaith. Ihr brauche ich zu folgen. So wenige Händler und Reisende diese noch nutzen, sollten Éagor und ich nicht auffallen." Ein Seufzen war zu vernehmen. "Ihr habt Eure Entscheidung getroffen. Dann wünsche ich Euch einen sicheren Weg und bringt Euren Vater zurück. Die Dunländer scheinen sich weiter in das Landesinnere zu wagen und selbst in Rhûn werden Bewegungen gemeldet. Von den Orks brauchen wir erst gar nicht reden. Er und Ihr werdet bei uns gebraucht. Seine verdammte Suche muss warten." Ristredin reichte ihm die Hand. "Ihr wisst, treuer Freund, dass mein Vater sein Land liebt und seinen Eid erfüllen wird." Eomod nickte, klopfte ihm auf die Schulter, lächelte noch einmal kurz und wandte sich dann dem Zeltlager wieder zu.

Éagor trug ihn ruhig durch die Westfold, die Pforte von Rohan und hinter die Grenzen zum Dunland. Die meisten Straßensteine waren zerbrochen und überall wucherten Wurzeln und Wildpflanzen aus zerborstenen Steinen, auf denen noch immer die Gravierungen der Numenorer zu erkennen waren. Sie schien schon seit langer Zeit keine befestigte Straße mehr zu sein. Er war sich nicht sicher, ob dies die Nord-Süd-Straße sein sollte. Die ersten Knospen der Büsche und Pflanzen, die auf den Grasebene wuchsen, begannen sich zu öffnen, die Farbe ihrer Blüten zeigend. Die Windbrise war angenehm warm und irgendwo weit im Westen lag das Meer, von dem er mehrmals gehört es aber niemals gesehen hat. Im Osten waren die Ausläufer des Nebelgebirges zu sehen, hinter denen Orthanc in die Höhe ragte. Dunländer schienen sich nicht in der Nähe der Straße aufzuhalten, nur zweimal war er Wanderern in den letzten Tagen begegnet. Der erste war, als er in Sichtweite gekommen war, in den Ebenen verschwunden, der zweite war ein Händler, der mit einem Lied auf den Lippen ihm entgegenkam. Mit einem kurzen Nicken grüßte er den Eorlinga, als sei er heute schon zwei Dutzend Reisenden begegnet und lief, das Lied gleich wieder singend, weiter.

Langsam begann die Abendsonne die Welt um ihn herum in ein violett-rotes Licht zu färben. Weit vor ihm konnte er ein Feuer und zwei schemenhafte Gestalten sehen, die auf den ersten Blick Menschen ähnelten. Desto näher er kam, desto mehr konnte er beide erkennen. Es waren ein Mann und eine Frau. Ihr blondes Haar, die gleichen Gesichtszüge und ihre Sprache ließ darauf deuten, dass sie Geschwister nahe seiner Heimat waren. Er gab seinem Hengst zu verstehen neben dem provisorischen Lager stehenzubleiben. "Westu hál." Beide grüßten ihn zurück. "Ich bin auf der Suche nach der Nord-Süd-Straße. Wisst Ihr wo diese liegt?" Die Geschwister sahen sich kurz etwas verwirrt an, da sich der Reiter bereits auf der genannten Straße befand aber er schien unwissend zu sein. Der Bruder ergriff das Wort: "Eh, ja. Wir können Euch gerne den Weg zeigen. Wir wollen die selbe Straße weiter im Norden aufsuchen." Selbstzufrieden lächelte er dem Reiter zu, der nachdenkend seinen Blick durch die Umgebung schweifen ließ. Noch weiter nach Norden. Etwas scheint seinen Vater wirklich zu beschäftigen, dass er so weit seiner Heimat nach etwas gesucht hatte. Der Bruder ergriff wieder das Wort. „Ich kenne sichere Wege nach Norden. Es gibt nicht viele Orte dort, die jemanden interessieren dürften. Mit Eurem Schwert an unserer Seite, könnt Ihr mich und meine Schwester gerne begleiten.“ Ein letztes Mal sah er für diesen Tag nach Norden, wo sich die Straße langsam in der Dunkelheit der Nacht verlor und sagte dann zu.

Dunkelheit umgab ihn.
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Schwinden aller Sinne
Tagelang waren sie der Straße nach Norden gefolgt. Nie hatte er sich vorstellen können, wie weit an Ferne das Land war ohne das Meer zu erreichen. Und nun kamen sie an diesen scheußlichen und doch faszinierenden Ort. Gefüllt von Hügelgräbern, zwischen denen ein grauer dichter Nebel hing. Die Grabsteine waren mit kunstvollen Mustern und Symbolen verziert, die ihm fremd waren. Für ihn ein faszinierender Anblick. Und doch ging von dem Ort eine Kälte aus, als ob die Sonne nicht durch den Nebel dringen konnte.
Weitere Schritte vor ihm gestikulierten die Geschwister, die Schwester schien aufgebracht zu sein. Worte wie „Deine Sucht nach Gold“, „Fluch“ und „plötzliche Dunkelheit“ fielen immer häufiger in ihrem fast panischen reden. Er richtete sich auf um etwas besser die Landschaft zu erkennen. Doch sein Pferd sträubte sich weiter zu reiten, schien sich aufbäumen zu wollen. Dunkle schemenhafte Gestalten konnte er erkennen, Gestalten die sie beobachteten zu schienen. Andere, die langsam auf sie zu kamen. Dann traf ihn etwas am Kopf und der graue Nebel verwandelte sich in ein sichtraubendes Schwarz.

Als er erwachte war es still um ihn. Eine durchdringende Kälte fing an sich in seinem Körper auszubreiten seinem Hals stets näher kommend. Er wollte sie abschütteln, doch sein Körper war wie erstarrt. Es war wie ein finsterer Traum, alles war düster um ihn herum, doch diese Kälte war real. Überall schienen Schwaden von eiskalter Luft über ihn hinweg zu schweben. Die Kälte überwand seinen Hals und seine Sinne begannen wieder zu schwinden. Dunkler Gesang war aus der Ferne zu hören oder war es Wahn, den diese fürchterliche Kälte auslöste. Die Stimmen wurden lauter, bis das Surren eines Pfeils alles verstummen ließ. Beschwerlich kam etwas Wärme wieder in seinen Kopf, doch sein Körper war immer noch regungslos, wehrlos den Schock zu überwinden. Eine breite Gestalt beugte sich über ihn. Er versuchte etwas zu sagen, doch sein Körper gab zu diesem Zeitpunkt auf.

Dunkelheit umgab ihn.

Gastfreundschaft
Er wachte in einem weichen Bett auf. Dumpfer Schmerz hämmerte gegen seine Schädeldecke und verhinderte klare Gedanken fassen zu können. Seine Hand versuchte den Grund des Schmerzes herauszufinden, doch ein großzügig angelegter Verband verhinderte ein Abtasten. Er sah sich um. Der Raum, in dem er lag, war gefüllt von dem Duft gebratenen Fleisches und herben Bier. Besonders groß war er nicht, doch kam vom Kamin eine wohltuende Wärme. In die Steinwände waren Bäume eingemeißelt und viele Kerzen erhellten das Zimmer.
In einem anderen Raum schien jemand in einer tiefen Stimme zu singen, die Sprache war ihm unbekannt. Ihr lauter werden, ließ auf ein näher kommen des Sängers schließen. Um die Ecke kam ein Zwerg kräftiger Natur. Er trug einen kurzen weißen Bart und blaue Kleidung aus Stoff. In seinen Händen hielt er eine Schüssel mit dampfenden Wasser. „Ha, endlich wach?“, brummte dieser ihm zu Begrüßung entgegen. „Hast lang geschlafen, Junge. Fragte mich schon, ob Ihr die Augen überhaupt nicht mehr auf bekommt.“
Was war passiert? Weshalb lag er hier und wer war dieser Zwerg? Nur langsam kamen die Erinnerungen wieder: Die Geschwister, die Hügelgräber, die Kälte, der Bogenschütze.

„Habt Ihr die Pfeile abgeschossen, Herr Zwerg? Wart Ihr es? Und …?“. Der Zwerg brach ihn mit einer Handbewegung ab. „Alles nacheinander, Junge. Lass mich erst mal die Wunde reinigen, solange das Wasser noch warm ist.“ Behutsam nahm ihm der Zwerg den Verband ab und fing an die Verletzung mit einem Tuch abzutupfen. „Hattet Glück, dass ich durch diese Gräber musste. Ich verabscheue diesen Ort. Bei Durins Bart, was habt Ihr da getrieben? Da ist jeder Trampelpfad durch die Wälder sicherer.“ Da erzählte er ihm, dass er mit zwei Geschwistern hierher gekommen war und dass sie meinten, die Hügelgräber durchqueren zu müssen. „Wisst Ihr, wo die beiden sind? Und wo ist Maew, meine weiße Stute.“ Der Zwerg seufzte tief. „Nein, neben Euch lag niemand weiteres nur ein Pferd, wie du sagst weiß, kam mir an der Grenze der Gräberhöhen entgegen. Sie folgte mir bis hier her und rastet nun in meinem Stall. Nun erst mal zum förmlich, da seid Ihr Menschen doch immer so visiert. Ich bin Gaimlin.“ Freundlich hielt er ihm seine Hand hin, die er kräftig schüttelte. „Ristredin, habt vielen Dank für alles, Herr Gaimlin. Wie kann ich Euch danken?“ Der Zwerg begann einen neuen Verband um seinen Kopf zu wickeln. „Da gibt es zwei Dinge: Einmal den Kopf still halten, und zum andern, bitte nur Gaimlin. Euer „Herr“ gebt Euresgleichen.“ Der Zwerg lachte laut auf. „Kannst aufstehen, komm mit. Hab‘ eine deftige Suppe gekocht. Wird Euch sicherlich gut tun.“ Vorsichtig half ihm der Zwerg auf die Beine und führte ihn in einen zweiten, größeren Raum.

In der Mitte befand sich ein großer Tisch, der mit allerlei Dingen gedeckt war: Tellern, Besteck, Schalen, Büchern, Schreibfedern, Pergament, Tintenfässer, Beeren, Brot und Käse. Dieser Raum war ebenfalls mit Steinwänden umgeben. Diese waren aber nun in einem dunkel braun gefärbt. Auf Bauchhöhe waren wieder die Bäume in ihrem wiederkehrenden Muster eingemeißelt worden. Weiter hinten konnte er ein großes Holzfass ausmachen hinter dem ein Gemälde an der Wand hing. Es zeigte einen Pfad der hinauf zu einem See am Fuße eines Berges führte. Diesen Ort hatte er selbst nie gesehen aber Geschichten von einsamen Orten zogen ihn als Kind schon immer in den Bann. "Khazad-Dûm", beantwortete Gaimlin seine stumme Frage. Der Zwerg ging eiligen Schrittes auf die Feuerstelle zu und rührte mit einer Kelle einige Male im Kessel um. Dann verschwand er im dritten und letzten Raum und kam mit einem Sessel wieder, den er ihm vor die Füße stellte. „Setzt Euch nur, Suppe ist gleich fertig.“

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Beitrag von Ristredin »

Etwas Heimat
Das letzte Feuerholz warf er in die Feuerstelle und hielt kurz inne, die Wärme genießend. Obwohl Gaimlin es als unwichtig abtat, er pflegte regelmäßig die drei Feuerstellen im Haus und schlug neues Feuerholz oder kaufte es in den Hallen Thorin Eichenschilds. Langsam gewöhnte er sich daran, unter Zwergen zu leben, jeden zu überragen und Bärte zur Tagesordnung zu zählen. So aus seinem gewohnten Leben gerissen, fielen ihm die Unterschiede zwischen seinem Volk und dem Volk der Zwerge markant auf. Zwerge waren arbeitsam, besonders starrköpfig, wenn es um Handel ging und in ihren Hallen herrschten andere Zeiten, als über dem Berg. Spät in der Nacht und früh am Morgen feuerten ihre Essen, stießen Hämmer auf Eisen und Ambosse. Mit einer Eigenart hatte er zu kämpfen. Ihr Argwohn anderen Völkern gegenüber, gab ihm das Gefühl ausgeschlossen zu sein. Bis auf einen misstrauischen Blick wurde ihm keine Aufmerksamkeit geschenkt.

Seine Hand fühlte nach der Kopfverletzung, die gut verheilt war. Nur noch ein kleiner Riss erinnerte an sie. Unter Gaimlin hatte sie eine gute Pflege erfahren. Eines Tages würde er dem Zwerg dafür danken. Er ging zum Tisch zurück auf dem eine Karte lag, auf der der Verlauf der Nord-Süd-Straße aufgezeigt war, die Straße die ihn unweigerlich in die Obhut eines Zwerges brachte. Gaimlin hatte sie für ihn erstanden und ihm ein Zimmer eingerichtet. Er durfte bei ihm leben, um seine Verletzung auszukurieren. Er tat sich noch schwer, dieses Angebot anzunehmen. Zwar war in den letzten Wochen eine Freundschaft zwischen beiden entstanden, doch war Gaimlin immer noch ein Zwerg und er ein Mensch. In Rohan hatte er nicht einmal einen gesehen.

Ein Klopfen an der Tür, weckte ihn aus seinen Gedanken. War Gaimlin schon zurückgekehrt? Als er die Tür öffnete, stand eine junge Frau vor ihm, die ihn überrascht ansah. Ihr Haar trug sie offen und fiel nach einem überraschten Schritt zurück hinter ihre Schultern. Scheinbar hatte auch sie jemand anderes als ihn erwartet. „Westù Hal! Ihr wollt sicherlich zu Gaimlin, oder?“ Ein kurzes Nicken kam als Antwort. „Er ist noch nicht zurückgekehrt, doch...“. Kurz musterte er sie nochmals. Er kannte die Menschen aus dem Breeland nicht. Viel erzählte man nicht über sie und keine großen Geschichte sang oder erzählte man sich über jene. Doch bis zu den Hallen Thorins war es ein langer Weg, den sie vielleicht von Bree bis hierher zurückgelegt hatte und vor der Tür lag viel zu viel Schnee um sie draußen stehen zu lassen. Gaimlin würde sicherlich nichts einzuwenden haben, wenn er sie im Haus warten ließe. „Ich wollte Euch nicht stören, entschuldigt. Ich werde später noch mal vorbeikommen.“ Sie begann sich schüchtern wieder abzuwenden. „Nein, nein.“ Er winkte ab. „Wenn Ihr mögt, könnt Ihr gerne auch im Haus auf Gaimlin warten. Hier draußen ist es nicht besonders angenehm.“ Durch einen Schritt zur Seite machte er ihr den Blick und Weg frei in das Haus. Sie verharrte an ihrem Standpunkt und blickte ihn musternd an. „Ich möchte Euch wirklich nicht stören.“ Er winkte sie herein. „Und ich möchte nicht Gaimlin erklären müssen, warum ich Euch habe draußen frieren lassen. Das würde er mir ewig nachtragen.“

„Habt vielen Dank!“ Noch etwas zögernd trat sie ein und folgte ihm zum Kamin. „Macht es Euch auf den Fellen nur bequem.“ Mit einer Handbewegung wies er auf die Felle, die vor der Feuerstelle lagen um die Wärmequelle etwas bequemer zu gestalten. Er selbst ging zu der Kochstelle, um nach dem kochenden Wasser zu sehen. Mit einer Kelle schöpfte er etwas von dem Wasser aus dem Kessel, das ihm eigentlich als eine Zutat für seine Brühe dienen sollte. Mit einigen Kräutern brühte er das Wasser zu Tee und füllte eine Schale mit süßen Beeren. Mit dem Tee, der Schale und zwei Bechern kehrte er zu der jungen Frau zurück und setzte sich zu ihr. Wieder musterte sie ihn: „Ihr grüßt wie einer von meinem Volk, wie einer aus Riddermark. Kommt Ihr von dort?“ Ein bejahendes Nicken war seine erste Antwort. Sie war also keine Breeländerin. Jetzt, wo er sie mit diesem Wissen betrachtete, kam er sich dumm vor. Ihre Abstammung war leicht zu erkennen. Vielleicht war es das Gefühl, weit entfernt von der Mark zu sein, dass er andere Eorlingas hier für unmöglich hielt.
„Ja,ich stamme aus der Fenmark. Direkt am östlichen Ufer des Meringstorms, den Firienwald in Sichtweite. Wart Ihr schon einmal dort?“ Sie schüttelte den Kopf. „Nein, ich habe das Hargtal nie nach Osten hin verlassen aber ich habe oft die Geschichten über Folca gehört. Lycande ist mein Name, wie lautet Eurer?“ Er bot ihr etwas von den Beeren an, während er selbst nach seinem Becher griff. „Ristredin. Sagt, was führte Euch nach Eriador?“


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Ristredin, Réadredens Sohn

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Das alte Königreich
Evendim, das Land der Könige lag vor ihm. Seine Mutter hatte oft von diesem alten Königreich erzählt und nun war es das Land, in dem er seinen Vater vermutete. Wenn er etwas gesucht hatte, dann muss es mit seiner verstorbenen Mutter zu tun gehabt haben. Kontakte hatten ihm einen Waldläufer empfohlen, der an der Grenze zu den Nordhöhen leben sollte. Er soll einen sicheren Pfad nach Annúminas kennen. Hier irgendwo, zwischen all den Ruinen sollte er ihn treffen. Vor seinem Aufbruch hatte er an zwei, drei große Ruinen gedacht, doch nun musste er einsehen, dass Evendim wohl nur aus Ruinen bestand. Der zerfallene Stein begrub Blick für Blick die Hoffnung seinen Vater wiederzusehen. Das Land wirkte Tod, gestorben vor lange Zeit. Er wäre umgekehrt hätte man ihm gesagt, dass dieses Land nur aus Ruinen besteht.

Es war ein alte, fast hustende Stimme, die seine Aufmerksamkeit in eine weitere Ruine zog. „Ihr sucht mich, nicht wahr? Euer kommen wurde mir angekündigt.“ Ein tiefes Husten unterbrach die Stimme und gab ihm Zeit sich umzudrehen und nach dem Herrn der Stimme zu suchen. Ein alter Mann, in der Uniform eines Waldläufers, lehnte an eine Mauer, die einmal zu einem großen Gebäude gehört hatte. Hinter ihm standen zwei weitere Menschen. Er konnte durch ihre Verhüllung des Gesichtes nicht erkennen, ob es Frauen oder Männer waren. „Wahrlich oft kommen Menschen nicht hierher. Dann seid Ihr der Krieger auf der Suche?“ Ein weiteres Husten ließ den alten Mann fast in sich zusammensacken. Die Wächter kamen dem alten Dunedain zu Hilfe und stützen ihn. „Ja, Herr, ich bin Ristredin, Réadredens Sohn.“ Der Anblick des in die Jahre gekommenen Mannes gab ihm keine Zuversicht. Wie sollte jemand in einem so hohen Alter noch mitbekommen, wer durch diese Lande streift? Er konnte den Gedanken nicht zu Ende denken. „Hört zu! Diese Lande sind seit Jahrhunderten nicht mehr sicher. Nur wenige Menschen leben hier. Ich hoffe, Ihr habt einen guten Grund hier her zu kommen.“ Er hustete ein weiteres Mal. „Dieses Land wird von Angmars Knechten heimgesucht. Angmarin, Orks und Trolle treiben sich hier herum. Wenn Ihr in die alte Stadt wollt, dann steigt den dahinterliegenden Berghang hinab. Die Stadttore sind zu bewacht. Es wäre reinster Wahnsinn, die Straße zu nehmen.“ Er nickte während er bemerkte, dass der alte Waldläufer ihn näher betrachtete. „Eure Augen, sie sehen kaum Schlaf, oder?“ Für einen Moment musste er stocken. Eine solche Frage hatte er nicht erwartet. „Was meint Ihr damit, alter Mann?“ Der Waldläufer lachte leise auf. „Ich war in genug Schlachten um diese, in der Nacht aufkommenden, Todesschreie zu kennen. Genug um sie nicht mehr loszuwerden. Sie Nacht für Nacht wieder zu hören. Seid wachsam auf Euch!“ Er vermochte dem Waldläufer nicht zu antworten, dass er sie seit seinem siebten Lebensjahr jede Nacht hörte. Ein Schrei aus einer Kehle, der mit jeder Schlacht mehr an Stimmen gewann.

Dunkelheit umgab ihn.

Selbstgewählter Abschied
Ein letztes Mal sah er auf seine verfassten Abschiedsworte. Viele Anläufe hatte er gebraucht, bis er dem Zittern seiner Hand Herr wurde. Seine misslungenen Versuche warf er ins Lagerfeuer, den vollendeten Brief rollte er zusammen und klemmte ihn zwischen Schwert und Rüstung um seine Hände frei zur Verfügung zu haben. Mit dem letzten roten Wachs, das er bei sich führte und durch die Wärme der kleinen Flamme, die das Feuer noch hergab, verschloss er den Brief. „Danke für alles Lycande, danke.“ Leise flüsterte er dem Brief seine Dankesworte zu und drückte diesen einem Kurier in die Hände.
Vor seiner Reise nach Evendim hatten sie viel Zeit miteinander verbracht. Oft über vergangene Geschehnisse der Riddermark gesprochen und über Taten der letzten Tage. Mit ihr konnte er über Gefühle und Gedanken sprechen, die er nie dem Zwerg hätte mitteilen können. Es kam ihm vor, als hätte er in ihr etwas von seiner Heimat gefunden. Doch was bringt die Heimat, wenn sie nicht mehr das ist, was sie einmal war? Wenn sich plötzlich alles verändert?
Sein Ziel stand fest: Annúminas. Seinen Vater finden und befreien. All seine Hoffnungen befanden sich in diesem Vorhaben. Und wenn er ihn nicht fand, dann war es an der Zeit sich dieser nächtlichen Schreie endlich zu entledigen. Ein bitterer Geschmack machte sich in seinem Mund breit. Er trocknete seinen Hals aus. War es der Geschmack von Verzweiflung, der ihn nun lenkte? Es war Zeit aufzubrechen.

Dunkelheit umgab ihn.

Verhängnis
Annúminas. So sah die einstige Hauptstadt Arnors also aus. Nach all der Zeit sah sie noch immer atemberaubend aus. Von hier oben konnte er die Gebäude gut überblicken. Den Berg, den er zuvor erklommen hatte, war hervorragend dazu geeignet. Obwohl die Stadt als verlassen galt, tummelte sich einige dunkle Gestalten in den Gassen und Straßen herum. Wäre er nicht ein ausgebildeter Soldat, so wäre es gleich in die Stadt hinabgestiegen aber die Sonne ging schon unter und er kannte die Stadt und ihre Schlupfwinkel nicht. Es wäre töricht im Dunkeln nach seinem Vater zu suchen. Sein Blick richtete sich gen Himmel. Diese Nacht würde kalt werden. Keine Wolke war am Himmel und die ersten Sterne begangen zu leuchten. Wie gebannt blieb seine Aufmerksamkeit am Himmelszelt hängen. Unten wütete die Dunkelheit und der Schrecken, doch oben waren Lichter, die das Firmament zu einen hellen Kontrast gegen den Boden werden ließen. „Es mag Hoffnung geben, selbst in diesen dunklen Zeiten.“ Ein Seufzen folgte seinen Worten. Er sah wieder auf die Stadt der Könige herunter. Viel hatten die Dunedain bereits verloren und auch seine eigene Heimat wurde mehr und mehr bedroht.
Ein leises Rascheln schreckte ihn auf. Aus dem Rascheln wurden Schritte, die sich zügig auf ihn zubewegten. Seine Hand griff nach dem Heft seines Schwertes. Wenn der Feind ihn hier entdeckt hatte, dann sollte er kein wehrloses Opfer vorfinden. Doch als eine ihm wohl bekannte Person aus dem Schatten trat, nahm er die Hand wieder von seiner Waffe und stellte sich vor Überraschung auf. „Lycande, was machst du hier?“ Die junge Frau stützte mit beiden Armen ihren Oberkörper auf den Knien ab. Das Atmen viel ihr noch schwer, ihre Brust sank und hob sich noch viel zu schnell um klar zu reden und ein leises Keuchen war nach jedem Atemzug zu vernehmen. „Ristredin. Endlich! Gaimlin und ich … wir suchen dich. Zum Glück … habe ich dich gefunden.“ Er ging einige Schritte auf sie zu um ihr beim Hinsetzten zu helfen. „Hat dich der Brief so schnell erreicht?“ Ein aufgeregtes Nicken kam als Antwort. „Du bist außer Sinnen! Du kannst doch nicht blindlings da rein marschieren! Annúminas ist vollgestopft von Angmars Pest. Das würdest du nie überleben.“ Sein Blick wand sich von ihrem ab und richtete sich auf die alte Stadt unter ihm. „Ich will nicht … .“ Stille kam über beide. Wie sollte er diese Situation erklären? Nie war er so ausführlich über seine Familie geworden. Er wollte sie nicht verletzen. „Lycande, ich möchte nicht … . Mein Vater, er ist der Letzte aus der Familie. Weder meine Schwester noch meine Mutter…“ Seine Stimme versagte. Aus seinem Brustbeutel nahm er den Brief seines Vaters, den er zuletzt in der stürmischen Nacht gelesen hatte. Er reichte ihn Lycande und sie las ihn ruhig durch. Dann sah sie auf und ihr Blick suchte den Seinen. „Ristredin, es gibt so viel für das wir kämpfen und leben dürfen. Sollte dein Vater dort unten sein, nach dieser langen Zeit, so wirst du ihn nicht alleine finden können.“ Sie wurde kurz still und griff nach seinen Händen. „Hast du denn nichts mehr, dass dich hier hält?“ Diese Frage ging ihm wieder und wieder durch den Kopf. Hatte er etwas, dass ihn hier hielt? Unweigerlich musste er kurz lächeln. Ja, hatte er. Es wurde ihm gerade zum Verhängnis. Ihre Nähe spendete ihm immer Wärme und Zuversicht. Seine sonst so kräftige Stimme bedurfte dieses mal viel Luft, als er ihre Hand fester umgriff und ihr in die Augen sah. „Doch, das gibt es. Du spürst es auch, oder?“ Mit Tränen in den Augen nahm sie ihn in den Arm.

Die Dunkelheit lichtete sich.
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Das Erwachen
Eine zweite Heimat
Die linke Hand umgriff die Schneide seines Schwertes um ein Klirren durch ein Zusammentreffen mit seiner Kleidung zu verhindern. Sie stand mit dem Rücken zu ihm und sah den Hügel hinunter, der zum See führte. Er konnte nicht sagen, wie lange sie hier gewartet hatte aber sie schien in ihren Gedanken verloren. Selbst als er direkt hinter ihr stand nahm sie ihn nicht war. Langsam umfassten seine Arme ihre Taille und drückten ihren Körper an seinen. Ein Zeit lang standen sie einfach nur da und genossen den Moment. „Na, Ly.“ Nicht mehr als ein flüstern war seine Stimme. Bei seinen Worten öffnete sie wieder ihre Augen und wandte sich ihm zu. „Ich genieße jede einzelne Sekunde mit dir.“ Sie gab ihm einen zärtlichen Kuss. Ein breites Lächeln entfaltete sich auf seinem Gesicht. Sichtlich suchte er nach Worten aber war sprachlos. Es störte sie nicht. „Wenn du wüsstest, wie glücklich du mich machst. Endlich ergibt das alles hier wieder einen Sinn für mich.“ Während er immer noch nach seinen Worten suchte, glitt seine rechte Hand durch ihr Haar. „Warst du es nicht, die mich genau daran erinnert hat?“ Mit beiden Händen umgriff sie seinen Kopf, führte ihn behutsam neben ihren und flüsterte ihm in sein Ohr: „Ich hätte es einfach nicht zulassen können. Du bist etwas ganz Besonders.“ Ihre Worte hallten in seinem Kopf wieder. Sie schoben die anderen Gedanken in den Hintergrund, ihren Platz nahm ihre Stimme ein. „Wollen wir zum See runter?“ Sie nahm seine Hand und zog ihn hinter sich her.

Er ließ sich rücklings in das Gras fallen. Der Duft der Wiesen kroch ihm in die Nase und wirkte beruhigend. Die Sonne stand im Zenit, so dass er die Augen schloss. Weiter südlich, am anderen Ufer des Baranduin, mussten irgendwo Vögel singen, denn ihr Gesang machte ihn schläfrig.
Sanft strich ihm eine Hand durchs Gesicht. „Du schläfst doch nicht an einem unsere wenigen gemeinsamen Tage ein, na?!“ Leise wurden ihm die Worte in sein Ohr geflüstert. Er blinzelte, vom hellen Sonnenschein noch geblendet, Lycande zu. Sie war scheinbar wieder vom Ufer hochgekommen, hatte sich die letzten Meter herangeschlichenen und sich leise neben ihn gesetzt. Ein Grinsen konnte er sich nicht verkneifen. „Nein Ly, wie kommst du denn darauf?“. „Du liegst im Gras und hast die Aug…“, weiter kam sie nicht, da hatte er sie schon gepackt und zu sich runter gezogen und sie auf den Rücken gerollt. Um ein Aufstehen zu verhindern, beugte er sich über sie und fixierte ihre Arme am Boden. „Nun, so wie ich das sehe, bist du diejenige, die hier im Gras liegt.“ Darauf erwiderte sie ein Lächeln und einen Kuss. „Ly, ich liebe dich.“ Drei Worte, die die letzten Wochen mit Leben gefüllt hatten. Drei Worte, die ihm viel bedeuteten. Er setzte sich neben sie. Als sie es ihm gleich tat, nahm er ihre Hand. „Ly, ich weiß, wie sehen uns nicht oft aber ich bin mir sicher, dass es trotzdem richtig ist. Für meine Sehnsucht nach dir ist es das Richtige.“ Er blickte ihr in die Augen. „Willst du mich heiraten?“ Er war zum Schluss selbst über sich erstaunt. Einen Heiratsantrag hatte er nicht geplant. Bis jetzt hatte er nie eine Hochzeit in den Gedanken durchgespielt und doch fühlte es sich gut an. Lycande lächelte ihn nur an, bis sie ihn in den Arm nahm und ihm zuflüsterte: „Ja Liebster, will ich.“


Versprochen
Zärtlich berührte ihr Atem seine linke Wange. Ihr Körper schmiegte sich eng an seinen, den oberen Arm auf seiner Brust ruhend. Aus den Augenwinkeln konnte er erkennen, dass ihre Augen geschlossen waren. Ihr kaum erkennbares Lächeln lies ihn zufrieden durchatmen. Immer wieder strich er mit dem Daumen über den Namenszug, der auf sein Amulett eingraviert war. Ihr Geschenk für diesen besonderen Tag. Eine Gabe, die sie, wohl wegen der Aufregung, vergessen hatte und die durch Zufall noch ihren Weg gefunden hatte. Sie schien etwas beschämt, die beiden Amulette vergessen zu haben. Dabei war ihr größtes Geschenk schon weit vor der Botin angekommen. Sie war da; für ihn. Nicht nur an diesem Tag, sondern bis zum Letzten.
Er schloss die Augen, ließ seinen Atem ruhig werden und seinen Sinne diesen Moment genießen. Der Duft des Nen Harn, die warme Luft, die über seine Haut strich und ihr leises einatmen, dem ein kurzer Luftstoß an seine Wange folgte. Die Augen wieder geöffnet, sah er zu ihr. Ihre Gesicht war unverändert. Unmöglich war zu erkennen, ob sie schon schlief oder wie er den Moment genoss. Er drehte sich auf die Seite, sein Gesicht ihr zugewandt. Sanft strich er mit einer Hand durch ihr rotes Haar, bevor er wieder seine Augen schloss, seine Frau in den Arm nahm und einschlief.


Annúminas
Ruckartig wachte er auf. Sein Nachtgewand klebte am ganzen Körper und an seiner Stirn liefen Schweißperlen herunter. Sein Herz hämmerte gegen seinen Brutkorps. Diese Träume. In dieser wurde er von ihnen wieder heimgesucht. Er befreite sich von seiner Bettdecke. Frische Luft war es, was er nun brauchte. Aufgerichtet, lief er an das andere Ende seines Zeltes, wo auf einem kleineren Tisch, eine Schale und ein Krug mit frischem Wasser standen. Sein Nachtgewand warf er zurück auf sein Bett und wusch sich den Schweiß von der Haut. Seine Leinenhose und ein Stoffhemd sollten ihm erst mal als Kleidung reichen. Hätte er sie doch lieber für diese Nacht bei ihm gelassen anstatt sie in Sicherheit zu bringen. Gerade jetzt wäre ihre Anwesenheit die Ruhe gewesen um diese Düsternis zu überstehen. Barfuß verließ er sein Zelt und betrachtete den Sternenhimmel. Ein Vollmond hoch am Himmelszelt erhellte das Lager. Er war also viel zu früh aufgewacht. Doch heute war ihm dieses Schicksal nicht alleine zugeteilt. Außer den Wachen saßen einige Krieger vor ihren Zelten an den Feuern. Entweder alleine und tief in Gedanken in das Feuer starrend oder in Gruppen zusammen, in denen sie flüsternd untereinander sprachen.

Er blickte zurück zu seinem Zelt und seinem Feuer. Erst jetzt fiel ihm sein Knappe auf, der mehr kauernd als sitzend, sich an seinem Feuer wärmte. Ein Vater dieser halb verlassenen Feste hatte ihm seinen Sohn anvertraut, damit dieser am Waffentraining und an der Erstürmung Annúminas teilnehmen konnte. „Kannst du nicht schlafen?“ So sachte wie möglich sprach er ihn an um ihn nicht zu erschrecken. Sein Blick und seine geschwollenen Augen zeigten ihm, dass er die ganze Nacht keinen Schlaf gefunden hatte. „Nein, Herr. Ich kann nicht schlafen.“ Seine Stimme zitterte. Er setzte sich neben ihn und blickte in die Richtung der riesigen Türme der alten Herrschaftsstadt. Feuer erhellten dort den Himmel.
„Du denkst an den Morgen, nicht wahr?“ Ohne seinen jungen Knappen anzublicken, wählte er diese Worte. „Ja, Herr. Ich habe Angst.“ Er kannte diese Gedanken, die Ängste vor der ersten Schlacht. Wo vorher noch heroische Gedanken die Sinne blendeten, kamen nun die Ängste, die der Krieg mitbrachte: Verlust, Gewalt, Willkür, Tod. Die Stimme seines jungen Schützlings holte ihn aus seinen Gedanken. „Habt Ihr keine Angst, Herr?“ „Angst?“ Laut wiederholte er das Wort, das ihn vorher noch in dem Träumen eingeholt hatte. „Ja, Herr. Angst. Angst zu sterben – qualvoll zu sterben.“ Freundschaftlich strich er dem Jungen über sein Haar. „Angst selbst zu sterben? Den Tod, mein Freund, wirst du nie besiegen können. Er ist und bleibt immer ein Teil von uns. Er ist unausweichlich. Der Tod kann furchtbar sein oder eine Erlösung.“
Ungläubig sah ihn sein Gegenüber bei seinen letzten Worten an. „Nein, der Tod gibt uns ein unentbehrliches Geschenk. Wir leben unsere Tage intensiver. Unsere Zeit verläuft wechselhaft. Mal kommt es uns so vor, als ob sie uns davon fliegt und mal trabt sie wie ein Ochse vor uns her. Was ist ein Tag für einen Elb? Einer von seinen tausenden. Und für uns? Ein Geschenk. Ein Tag mehr mit uns und unseren Mitmenschen. Verstehst du was ich meine? Für uns werden durch den Tod die Tage wertvoller und intensiver.“ Sein Knappe nickte. „Aber auch ich habe Angst.“ Sein Blick wanderte in das Feuer, dass ihnen vergeblich versuchte Wärme schenkte. „Angst nach dem Kampf das Schlachtfeld abzulaufen und die Toten in das Lager zurückzutragen. Angst, Waffenbrüdern nicht zur Seite stehen zu können, wenn der Feind sie überwältigt. Nur noch ihren Todesschrei zu hören. Vor den Nächten, wenn die Todesschreie zurückkehren. Wenn sie den Verstand rauben. Dann ist der Tod Erlösung.“ Er sah zu seinem Knappen, um zu sehen wie seine Worte auf ihn gewirkt hatten. Sein Gesichtsausdruck war regungslos, tief in Gedanken. „Warum kämpfen wir dann, Herr?“ Er seufzte kurz bevor er antwortete. „Es gibt Mächte auf dieser Welt, die uns ausrotten wollen. Nicht nur uns auf dem Schlachtfeld. Sondern auch unsere Familien und Freunde. Menschen, die unsere Tage mit Lebensfreude ausfüllen, die wir nicht verlieren möchten.“
„Herr, wer ist sie?“ Interessiert sahen ihn die jungen Augen an. Scheinbar hatte er ihn auf andere Gedanken gebracht. „Woher willst du wissen, dass ich von einer Frau spreche?“ Er musste auflachen. „Herr, eure Gefühle sind mir nicht fremd.“ „Wer hat es dir verraten?“ Schelmisch grinste ihn der Junge an. „Nun, es wurde meine Vermutung bestätigt.“
„Du hast recht,. Sie kommt wie ich aus der Riddermark. Ich habe sie hier im Norden kennengelernt. Ein wundervoller Mensch. Sie lässt mich jedes Mal den Krieg vergessen. Sie lässt die Schreie verstummen und jeder Tag wird aufs neue Lebenswert.“ „Ja, Herr. So jemanden möchte man nicht verlieren. Das würde ich auch nicht wollen.“ Er nickte seinem Knappen zu und lehnte sich zurück. Der Mond begann hinter den Bergen unterzugehen und ein leuchtendes Rot kündigte den Sonnenaufgang an. „Ich denke, es wird Zeit. Sieh nach meinem Pferd und komm dann zu mir um meine Rüstung anzulegen. Ich erwarte dich in meinem Zelt.“ Sein Knappe stand auf. „Ja, Herr!“

Auf seinem Tisch im Zelt lagen noch immer Pergament und seine Schreibfeder. Gestern wollte er noch einige Worte niederschreiben, doch die Müdigkeit der letzten Tage war ihm zuvor gekommen. Noch hatte er Zeit und so tauchte er die Feder nochmals in das Tintenfass.

Ich möchte diesen Moment nutzen, um dir Worte zu sagen, die ich dir nie gesagt habe und wenn doch, dann viel zu selten.
Lass mich dir danken, dass ich einen so bedeutenden Platz in deinem Leben und Herzen einnehmen darf. Ich erinnere mich noch an unser Gespräch, in dem du mich fragtest, ob es nicht etwas gibt, dass mein Leben lebenswert macht. Ich genieße es jeden Tag aufs Neue, dass du es bist, die mich liebt.
Könnte ich die Zeit nur zurückdrehen. Ich hätte dich schon vorher gesucht und gefunden. Dieser Krieg würde dann vielleicht nie zwischen uns stehen. Wir wären noch dort, was wir Heimat nennen.
Und doch bin ich nicht traurig, dass es nun so gekommen ist. Ohne dich wäre ich nicht der, der ich nun bin. Du hast mir gezeigt, dass Hass und Gewalt nicht das Leben sind. Du hast mir gezeigt, dass Menschen auch in den dunkelsten Tagen noch lieben und hoffen können. Dafür bin ich dir unendlich dankbar.
Ich möchte mit den Worten abschließen, die mir am Herzen liegen und die hoffentlich einst meine letzten sein werden: Lycande, ich liebe dich.

Eilig rollte er das Pergament zusammen und holte die brennende Kerze von seinem Nachttisch. Er ließ einige Tropfen Wachs auf das zusammengerollte Pergament fließen. Dann ging er zu seiner Sitzbank hinüber, auf der seine Rüstung lag. Zuerst band er mit einem Ledergürtel sein Stoffhemd näher an seinen Körper und zog sich Socken und Stiefel an. Mit seinem zurückgekehrten Knappen begannen sie dann seine Rüstung anzulegen. Sein Schwert nahm er aus dem Waffenständer und befestigte es in seiner Halterung. Er mit dem Brief und der Knappe mit seinem Helm in der Hand verließen sein Zelt, vor dem Éagor schon wartete.
„Ist das Heer versammelt?“ Wieder nickte sein Begleiter. „Ja, Herr.“ „Dann lass uns nicht mehr warten und zu ihnen reiten. Komm!“ Beide saßen auf und ritten schweigend voran. Immer wieder passierten sie Männer, die wie sie auf dem Weg zu ihrem Heer waren. Viele waren gekommen. Als sie an einem älteren Mann vorbei ritten, der sein Pferd mit einigen Beuteln und Taschen belud, zog Ristredin die Zügel seines Pferdes zu sich. „Warte kurz.“, gab er seinem Lehrling zu verstehen und stieg vom Pferd. „Wartet Bote. Ich habe noch einen Brief, den ihr mitnehmen möget.“ Der alte Mann sah auf. „Nun, junger Mann. Ihr seid reichlich spät. Ich habe alle Briefe schon eingepackt. Da sollte ein extra Preis drin sein.“ Gierig grinsend sah ihn der Mann an, bis sein Knappe mit seinem Pferd neben ihm stand. „Euer Pferd ist so abgemagert, da solltet Ihr Euch glücklich schätzen noch ein paar Kupfermünzen mehr zu bekommen.“ Ristredin hob seine Hand, um seinem Knappen Einhalt zu gebieten. „Hier Bote, Ihr bekommt eine Silbermünze. Das muss reichen.“

Als sie das Heer erreicht hatten, sah ihn sein Knappe erwartungsvoll an. „Warte hier. Die Schlacht ist noch nicht dein Platz. Ich werde dich holen, wenn wir das Schlachtfeld ablaufen.“ Ein Nicken war die Antwort.

Siegreich. Mit diesem Wort kehrten sie aus Annúminas zurück. Das Wort halte wieder und wieder durch seinen Kopf. Zurückgedrängt, so würde er es nennen. Der Feind war geflohen, nicht besiegt. Es schien nur eine Frage der Zeit bis er wieder in die Mauern zurückkehren würde. Eine Wunde, bald nur noch eine Narbe. Mehr als das hatten sie nicht hinterlassen. Doch vielleicht war das schon mehr, als zu Beginn erwartet wurde. Doch jetzt war erst einmal die Zeit gekommen die Toten aufzubahren, damit sie Einlass in die Hallen ihrer Väter gewährt bekamen. Und dann zu Lycande heimzukehren.


Liebe ist das stärkste Band in der Ferne
Sie saßen sie sich gegenüber. Neben ihnen schenkte das Kaminfeuer beiden Wärme. Die Felle, auf denen sie saßen, hatte Lycande selbst gegerbt. Ihr eigenes Heim, nicht weit von Bree. Klein, so wie sie es wollten. Ein Platz, wo sie verweilen konnten, wenn das Wetter sie nicht an den See ließ.

„Ich habe da noch eine Frage, welche mich schon längere Zeit beschäftigt.“ Ihre Stimme erfüllte den kleine Raum. „Und nun, da ich erneut um dein Leben bangen muss, möchte ich doch eine Antwort.“ Sie streichelte mit ihre Hand über seine Wange und führte mit leiser Stimme weiter: „Sonst werde ich vielleicht nie ruhen können.“ Mit der linken Hand strich er ihr über ihren rechten Oberschenkel während er versuchte nicht besorgt zu schauen aber es war ihm nicht möglich seine Gefühle vor ihr zu verbergen. Er seufzte: „Das klingt ja gar nicht gut.“. Sie nahm seine Hände in ihre und lächelte ihm zu: "Naja, so schlimm ist nun auch wieder nicht. Ich frage mich nur einfach ...“ Sie stockte kurz. „Was fragst du dich, Ly?“ Sie umschloss seine Hände stärker. „Naja … warum ausgerechnet ich? Ich hatte in meinem bisherigen Leben immer mit dem Schicksal zu hadern, nie meinte es das Schicksal gut zu mir.“ Sie fixierte seine Augen. „Bis zu jenem Tag als ich dich traf.“ Tief holte sie Luft. „Und das ist es, was mich so fragend zurück lässt. Du schenktest mir dein Herz und deine Liebe.“ Wieder lächelte sie ihm zu. „Doch warum ausgerechnet mir? Ich habe weder großes geleistet noch bin ich reich oder habe Einfluss. Warum dann ausgerechnet ich?“.

Ihr Gesichtausdruck wandelte sich. Er konnte sich nicht entscheiden, wie er ihn beschreiben sollte. Besorgt, liebevoll, aufgeregt? Es war eine Mischung aus allen. Ihre Worte hallten durch seinen Kopf. Er erinnerte sich an Annúminas, wo sie ihn fand.

„Ristredin, es gibt so viel für das wir kämpfen und leben dürfen. Sollte dein Vater da unten sein, nach dieser langen Zeit, so wirst du ihn nicht alleine finden können.“ Sie wurde kurz still. „Hast du denn nichts mehr, dass dich hier hält?“

Ihre zahlreichen Gespräche am Ufer des Nen Harn.

"Solange ich an deiner Seite sein kann." Freudestrahlend antwortete sie ihm und hakte sich demonstrativ in seinen linken Arm ein. Er nickte: "Wirst du. Dafür wirst du aber auch einige hinter dir lassen müssen." Sie schmiegte ihre Wange an seine Schulter. "Du meinst...meine Freunde und mein Heim?" Wieder nickte er ihr bejahend zu: "Zumindest immer wieder für eine längere Zeit." Für ihre Antwort holte sie tief Luft: "Wenn ich dich dafür bekomme dann soll es so sein. Denn ohne dich möchte ich einfach nicht mehr sein."

Er schüttelte den Kopf. „Nein, reich an Gold und groß an Einfluss bist du nicht.“ Mit leichtem Druck löste er eine Hand aus ihrer und strich ihr durchs Haar. „Aber du hast Großes geleistet.“ Er wollte ihr über die Wange streicheln, doch diese Handbewegung nutze sie, um ihren Kopf in seiner Handfläche zu betten. Ihr Blick fixierte weiterhin seinen. „Erinnerst du dich noch an unsere ersten Tage in Gaimlins Haus, Ly?“. Sie nickte behutsam, den Platz auf seiner Handfläche nicht hergebend. „Ja, an jeden einzelnen Moment.“ Er nahm tief Luft. „Mein Körper wurde wieder stark aber innerlich blieb ich zerbrochen." Er beugte sich zu ihr nach vorn um in ihr Ohr zu flüstern: "Bis du kamst." Innig nahm er sie in seine Arme.
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Ristredin
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Ristredin, Réadredens Sohn

Beitrag von Ristredin »

[Anm.: Einige Tage später, im Hochsommer, bekam Ristredin den Auftrag nach Minas Tirith zu reisen und Informationen über einen Verräter zu sammeln, der viele Tode der Gründergeneration seiner Gemeinschaft zu verantworten hatte. Mit den Informationen, die er fand, machte er sich auf den Rückweg.]

Die Rückkehr
Ein unvorhergesehener Umweg
Laut krachend brach auch der letzte Stützbalken des Bauernhauses zusammen. Mit ihm fiel das Feuer zu Boden, das auf dem Steinboden kläglich verhungert. Kupferreste, verformt und teils verschmolzen, glühten noch schwach, der Rest des Hausinventars schien verbrannt. Asche lag rings um das Grundstück und bedeckte Erdboden und Gras. Sein Blick glitt langsam über das Gerippe des Hauses, bis er das Land dahinter erkennen konnte. Nur noch die größten Häuser, die auf der anderen Seite des Dorfes standen, vergingen noch in den Flammen. Durch den dichten Rauch waren sie kaum zu erkennen. Der Wind blies stark über die sonst grüne Ebene der Westfold und trieb Ruß, glimmende Feuerspäne und den Lärm der einstürzenden Häuser in seine Richtung. Er zog sich die Kapuze seines Umhangs tiefer ins Gesicht und begann das Haus zu umlaufen. Vor dem Brand mussten hier etwa dreißig Häuser und Scheunen gestanden haben. Keines war verschont worden. Der Dorfplatz, der im vorderen Teil der Siedlung stand, war vom Feuer unberührt. Felle, Körbe und kleineres Werkzeug lagen wie verloren im Gras. Nur zwei Eimer auf dem Brunnenrand, der das Zentrum des Platzes markierte, standen noch gefüllt auf ihrem eigenen Boden. Den Handschuh abgezogen, schöpfte er mit der freien Hand Wasser aus einem der Eimer um sein Gesicht vom Ruß zu reinigen und die Haut abzukühlen. Ohne den Dreck im Gesicht sah er wieder klarer über den Dorfplatz in Richtung der größeren Häuser. Nirgends war jemand zu erblicken noch Waffen zu erkennen, nur auf dem Boden, etwa vierzig Schritte vor ihm, reflektiert etwas das Feuer in einem orangeroten Licht wieder. Eine, aus vielen Brocken Bernstein zusammengesetzte Kette, lag zwischen den Gräsern und reflektierte das Lodern der Flammen. Auf den Knien hob er die Kette auf und betrachtete sie kurz. Etwa vierzig schmale Steine waren an einer kleinen Schnur befestigt und umschlossen sie vollständig. Das Haus, dessen Flammen sich in der Kette spiegelten, fiel schwerfällig in sich zusammen und die herunterfallenden Balken schlugen die glühende Asche in einen weiten Umkreis. Es war Zeit, diesen Ort zu verlassen.
Doch noch im Aufstehen spürte er einen plötzlich brennenden Schmerz auf seiner rechten Wange und ein Schatten, der ihn ein zweites Mal angriff. Noch in der Bewegung erkannte er, dass es der Schatten einer jungen Frau war und der vermeintliche Schmerz von ihrem Dolch in der Hand stammte. Er zog sein Schwert, parierte den Dolchstoß des zweiten Angriffes und stieß die Angreiferin mit seinem Gewicht zu Boden. Einen Schritt fiel sie zurück und verzog ihr Gesicht vor Schmerzen. Ihre Kleidung, eine aus Leder gefertigte Hose war vom Ruß vollständig verdeckt, ihre Stiefel in der Stoffschicht zerrissen als sei sie durch das Unterholz gerannt, ihr Stoffhemd an den Stellen schwarz gefärbt, die ihr Umhang nicht abdeckt. Nur ihr blondes Haar hatte seine Farbe behalten, denn eine Kapuze hatte jene vor den Ruß-Wolken geschützt. Ängstlich und doch mit großen Augen sah sie zu ihm herauf. Ihre Stimme war nicht mehr als ein Flüstern. „Ihr … Ihr seid kein Dunländer?“ Er schüttelte schweigend den Kopf während er ihr beim aufstehen half. „Ich dachte, sie seien zurückzukommen um unser Dorf zu plündern.“ Er zog sie an beiden Händen zu sich hoch. Eine dürftige Entschuldigen dafür, dass sie ihm fasst das Augen zerstochen hätte aber so verstört, wie sieh um sich sah, war der Satz wohl schon mehr als erwartet. „Wir sollten diesen Ort hier verlassen. Reicht mir Euren Dolch und ich trage Euch zu meinem Rastplatz.“ Eine weitere Wunde mit der Klinge musste nicht sein. Sie sah ihn kurz zögernd an, reichte ihm aber dann das Messer und ermöglichte es ihm sie aus dem Dorf tragen. Ihr Körper zitterte und unter ihrer Kapuze erschienen tropfende Schweißperlen. Ein kleiner gestapelter Steinhaufen zeigte ihm den Weg an, den er rasch aufgebaut hatte um den Weg zu seinem versteckten Ross zurückzufinden, als er die großen schwarzen Rauchwolken aufsteigen sah. Er blickte wieder auf die junge Frau. Ihre Augen geschlossen, lies sie sich durch den kühlenden Wind der Westfold tragen.
Ihr Oberkörper schien keine Blutspuren zu haben, die Kleidung war trocken nur ihr rechtes Bein hing schwer herunter und die Lederhose war unterhalb des Knies merklich roter geworden. Der Rohirrim begann schnellere Schritte zurückzulegen, um die Wunde rascher verbinden zu können.

Maew wieherte ihm entgegen als er hinter dem letzten Felsen auftauchte. Seine Stute, ein Geschenk seines Vaters, kennt er seit ihrer Geburt. Eomod hatte sie großgezogen und eingeritten. Als er Minas Tirith nach seinem erfüllten Auftrag verlassen hatte, blieb er für einige Tage bei seiner Familie. Er war froh seinen Vater lebend angetroffen zu haben und seine Befürchtungen als Falsch zu wissen. Réadreden war bereits an der Grenze zum Dunland gescheitert, als ihm zu spät auffiel, dass sein Nachtlager von einer Gruppe Dunländer umzingelt war. Sie nahmen ihn gefangen. Wenn die Zeit reif war, sollte er als Pfand dienen. Reiter Rohans befreiten ihn, als sie ihre verhassten Feinde weiter zurück hinter ihre Landesgrenze drängen wollten. Er war nur wenige Tage vor ihm in der Fenmark wieder eingetroffen. Der Vater sah, dass Éagor zu alt und für weite Strecken nur noch begrenzt zu gebrauchen war, weshalb Eomod ihm einen Tausch mit Maew vorschlug.

„Ein schönes Ross. Gehört es Euch?“ Sie nickte in die Richtung seines Pferdes. „Maew ist ihr Name.“ Er stellte sie auf die Beine und durchsuchte die Satteltaschen nach Verbänden und Wasser. „Die Wunde muss gereinigt werden und danach mit einem Verband zusammengepresst werden. Dann sollten wir etwas essen, ich glaube ich habe noch etwas Trockenes.“ Sie nickte erneut. „Danke.“ Der Krieger kniete sich vor ihr Bein, während die junge Frau ihr rechtes Hosenbein hochkrempelte. Die Wunde war zum Glück nicht tief und sie sollte bald geheilt sein. Der Verband ließ sich ohne Schwierigkeiten anbringen.
Kurze Zeit später saßen beide hinter dem Felsen in den Händen Trockenfleisch und etwas Brot. „Dunländer haben das Dorf angegriffen?“ Er erwartete keine Antwort. „Wagen sie sich nun schon so weit heraus.“ Sie zuckte mit dem ganzen Oberkörper. „Wir sahen sie mit Fackeln kommen und haben alles liegen lassen. Alle flohen wohin sie konnten.“ Er griff in seine Brusttasche und holte die gefundene Bernstein-Kette hervor. „Dabei wurde diese hier verloren?“ Er hielt sie ihr hin, worauf sie sich diese einsteckte. „Ja, ich kenne die Besitzerin.“ Er erhob sich und sah in Richtung Süden. „Helms Klamm ist nicht weit von hier. Wenn wir die Nacht auf Maew durchreiten, sollten wir noch vor dem Morgengrauen in der Hornburg sein.“ Sie stellte sich neben ihn. „Ihr wollt dorthin?“ Er schüttelte den Kopf und nahm noch einen Bissen vom Brot. „Nein, aber ich denke, Ihr wollt dort nach Eurer Familie suchen und sicher nicht allein diese Strecke bewältigen, oder?“ Sie legte ihre Hand auf seine Schulter. „Ihr habt recht.“ Er wand sich dem Lager wieder zu. „Wir können gleich aufbrechen.“

Als sie das Lager beendet hatten, tauchte die untergehende Sonne die Westfold in ein dunkelrotes Licht. Die Stute ließ sich von seinen Zeichen nicht beeinflussen und ritt schneller als er es vorgab. Durch die Dämmerung waren sie immer schwieriger zu erkennen und mit dem Aufgang des Mondes nur noch zu hören. Sie lehnte sich müde an seinen Rücken. „Was treibt Euch gen Westen? Dort, wo diese Wilden herkommen?“ Der Eorlinga sah kurz hinter sich. „Ich reite nach Eriador zurück. Von Beginn an war diese Reise befristet.“ Ein aufhorchen kam von ihr. „Ihr habt keine Familie hier, die ihr alleine lasst?“ Er lachte leise auf. „Mein Vater ist noch jung genug, um seinen Hof überblicken zu können. Und sein Schwert führt er wahrscheinlich besser als ich das Meinige.“ „Dann wartet also jemand in Eriador auf Euch? Er schwieg. Die Antwort, dass er einem Trupp unter gondorischer Administration angehöre, würde bei ihr wohl mehr Fragen aufwerfen als die Reisezeit bis zu Helms Klamm bieten dürfte. „Ich habe eine zweite Heimat in Eriador gefunden. Eines Tages werden wir zurückkehren. Ich hoffe bald.“ Er strich mit seiner rechten Hand über Maews Kamm. „Es schmerzt mich im Herzen, die Mark in solchen Zeiten zu verlassen. Ich wurde als Eorlinga geboren und werde als Eorlinga sterben. Hier in der Mark.“ Kein Laut war mehr hinter ihm zu vernehmen, nur das Gewicht ihres Körper, der an seinen gelehnt war, machte sie noch bemerkbar. Weshalb er die Stille zum Beenden des Themas nutzte: „Reden wir nicht weiter über den Krieg. Er wird in den kommenden Tagen unsere Gedanken genug belasten.“

Die Nacht über waren nur noch Maews Hufschläge zu hören. Der Atem der Frau ließ darauf schließen, dass sie sich in einem Halbschlaf befand. In der Morgensonne lies sich der Klammbach erkennen, dessen Wasser die Festung bereits hinter sich gelassen hatte. An einer seichten Flussstelle zog er die Zügel um seine Stute im langsamen Schritt durch das hüfttiefe Wasser waten zu lassen.

„Wir sind fast angekommen!“ Er konnte ihre blonden Haare im Augenwinkel sehen und ihren Arm, der eher als Geste nach vorne zeigte. Vor ihnen baute sich der Hornfelsen auf, der die Burg trägt. Maew blieb vor dem Fußweg, der zum Helms Damm führt, stehen, um beiden Reitern die Möglichkeit zu geben, abzusitzen. „Viel Glück bei der Suche Eurer Familie und Freunden.“ Er reichte ihr die Hand. „Vielen Dank für Euren Schutz. Mögen die Straßen frei von Unheil sein, wenn Ihr sie beschreitet.“ Ihre Hand drückte die Seine. Dann stieg sie die ersten sieben Stufen der Treppe, hob nochmals der Hand zum Abschied und wandte sich dann ganz dem Aufstieg zu.
Mit ein paar Handgriffen überprüfte er die Schnallen des Sattels auf ihre Festigkeit, saß dann wieder auf und flüsterte zu Maew: „Bis zum Nachmittag reisen wir noch, dann schlagen wir unser Nachtlager auf.“ Die Stute begann ihren Schritt nach Nordwesten zu richten und die Schlucht hinter sich zu lassen.


Die Ankunft
He, Ristredin. Maew scheint Euch ja kaum tragen zu können, wenn wir vor Euch an der Pforte sind!“ Aus dem Schatten eines großen Felsen führte Eomod sein Pferd heraus, zwei Reiter ihm folgend. Der hinterste ein Handpferd führend. Der Gerufene sah überrascht den Älteren an. „Der Weg wird scheinbar von Rache und Wut verschlungen, da hielt ich mich lieber im Süden auf.“ Von den vergangen Tagen zu berichten würde ihm noch mehr Zeit kosten aber seinen Gegenüber schien es auch nicht weiter zu interessieren. Dieser nickte lediglich, sah zu den Ausläufern des Nebelgebirges, verzog das Gesicht zu grimmigen Zügen und trat dann näher an ihn heran. „Hört mir zu! Auch wenn erst wenige Tage vergangen sind, als ihr Maew mitnahmt, möchte ich Euch bitten, es mir für zwei oder drei Tragzeiten zu geben. Wir haben drei Stuten an einem Tag verloren, ich muss den Verlust für die Zucht auffangen.“ Eomod gab dem hinteren Reiter ein Handzeichen und dieser brachte das Reiterlose Pferd. „Ich möchte Euch als Ersatz Andwis geben. Jünger als Maew aber alt genug, um Euch auf jeder Reise zu tragen.“ Ristredin stieg ab und reichte Eomod die Hand. „Wenn ich Euch helfen kann, alter Freund, dann will ich dies tun. Es wird reichen, wenn wir die Sattel und die Taschen tauschen.“

Die Dunkelheit der Nacht verschlang das restliche Abendrot, als sich Pferd und Reiter den ersten Siedlungen im Breeland näherten. „Denkt an Eure Heimat!“ Seit bereits neunzehn Tagen hatte er sich von Eomod verabschiedet und die Grenzen der Mark hinter sich gelassen. Nur die Worte die ihn verabschiedet hatten, blieben hängen als wären sie mit seinem neuen Hengst verwoben. „Denkt an Eure Heimat!“ Seine Heimat? Der Ort an dem er geboren und aufgewachsen war? Die Fenmark. Sein Vater. Die Menschen in seiner Siedlung. Dort, wo er die Geschichten und Lieder über Eorl, Brego, Folca und Helm Hammerhand lernte. Dort, wo er sein erstes Pferd bekam.
Seine neue Heimat? Fern ab der Mark, seiner Kultur, seiner Sprache. Seine Frau. Sie, die ihn die Schreie, die Feuer, die Wut, die Trauer vergessen ließ. Die ihn nach vorn‘ blicken ließ und nicht zurück. Sie, die ihn lehrte, dass er mehr als nur ein Krieger ist.

Er wies Andwis an den Hügel hinauf zulaufen, dem höchst stehenden Gebäude entgegen, dessen Garten von zwei Laternen erleuchtet wird. Vor der Tür stieg er ab, entlud das Gepäck und führte sein Pferd in den Stall. Müde und erschöpft nahm er den Striegel und massierte den schweren Körper seines Hengstes, der sich noch während des striegeln einschlief. Da legte auch er die Bürste beiseite, nahm auf dem Weg sein Gepäck auf und betrat das Haus seiner Gemeinschaft. Die Feuer waren in der Eingangshalle bereits erloschen nur in der Haupthalle schien im hintersten Bereich noch ein kleines Kerzenlicht. Über dem Tisch auf dem die Kerze stand, beugte sich ein großer Körper. Immer wieder eine weitere Rolle aus einem Stapel ziehend. „Egin!“ Der Anblick eines alten Bekannten lies ihn für einige Augenblicke seine Müdigkeit vergessen, sein Gepäck ablegen und auf den Tisch zugehen.


Wenn du im Glauben die Zeit hinter dir gelassen zu haben den nächsten Schritt wagst, so wird dich dein Schicksal wieder einholen, noch bevor dein Fuß den Boden wieder berührt, um auch diesen Schritt lenken.
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Ristredin
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Ristredin, Réadredens Sohn

Beitrag von Ristredin »

Kindheitserinnerungen - Halifirien
Die Stimme seines Vaters drang durch die Holzwände bis zu ihm in das Waschzimmer. „Er hätte es nicht mit ansehen sollen, so etwas muss er in seinen jungen Jahren nicht erleben.“ Frustration und Zweifel klangen in den Worten. Emotionen die er von seinem Vater nicht kannte. „Beruhige dich Réadreden, du konntest es nicht wissen!“ Sanft sprach seine Mutter auf ihn ein aber sie erreichte ihn nicht. „Die Orks haben ihn förmlich abgeschlachtet. An Hals und Bauch aufgeschlitzt. Ihn in Strömen bluten lassen bis sie ihm das Genick brachen.“ Die Männerstimme verstummte. Leises Flüstern hörte er von seiner Mutter, konnte sie aber nicht verstehen.

Das Wasser entfernte auch den letzten Dreck aus Gesicht und Händen. Mehrmals hatte er sein Gesicht in den Holzbottich eingetaucht und so kräftig im Wasser ausgeatmet, dass die Luftblasen zur Wasseroberfläche aufstiegen. Er liebte das Geräusch, wenn die Luftblasen an seinem Ohr vorbei an der Oberfläche aufplatzen. „Dürfen Ristredin und ich noch etwas nach draußen?“ Éawyn schien das Zimmer betreten zu haben, wo Vater und Mutter vorhin noch miteinander sprachen. Sie war die Tochter von Eomod. Er und seine Frau waren nach Edoras gereist um dort Pferde aus ihrer Zucht ihren Käufern zu überbringen. Éawyn blieb so lange bei ihnen. Er konnte förmlich seinen Vater Luftholen hören aber die Stimme seiner Mutter kam ihm zuvor. „Ja, aber bleibt auf der eingezäunten Wiese vor dem Haus, sodass wir euch sehen können.“ Leichte Schritte rannten aus dem Zimmer und eine junge Mädchenstimme erfüllte das Haus: „Ristredin, ich habe dein Pferd und reite es aus!“ Schnell zog er sich seine Stiefel an. Leinenhose und Stoffhemd sollten in dieser warmen Sommernacht reichen. Kein zukünftiger Reiter der Mark lässt sich sein Pferd nehmen. Flink huscht er durch die spärlich geöffneter Waschraumtüre und rannte nach draußen. Éawyn war auf dem Steckenpferd noch nicht weit gekommen. Er brauchte nicht lange bis er sie eingeholt hatte und den Stock ergriffen hatte. Beide stolperten wegen dem plötzlichen Halt und blieben nach dem Fall auf dem Rücken liegen.

Der Nachthimmel war klar und die Sterne hell. Keine Wolke störte die Sicht. Ruhig hörte er seinen hastigen Atem zur Ruhe kommen. Er mochte diese Stille, draußen, die schlafende Tierwelt um sich und doch nicht allein. Die Gipfel der Berge waren in der Nacht nur große Schatten. „Meinst du von dort oben kann man das Meer sehen?“ Fragend sah er Éawyn an. „Vom Halifirien bestimmt! Konntest du es nicht von Mundburg aus sehen?“ Er war vor einem Jahr mit seinen Eltern dort. Die Schwester seiner Mutter hatte ein Kind geboren und sie wollten gratulieren. Sein Vater und er waren zum ersten mal in der Weißen Stadt gewesen. Sie waren von ihrer Größe überwältigt. Nur der kalte Stein störte sie. „Nein, Mutter sagt, dass es noch einige Tage auf dem Pferd braucht bis das Meer zu sehen ist. Ich hätte es gern gesehen.“ Er seufzte. „Es soll bis zum Horizont gehen. Alles vor dir nur Wasser, keine Berge sondern nur blau bis es im Himmel verschwindet.“ Nachdenkliches Schweigen lag zwischen den Beiden, das nur von einer Eule durchbrochen wurde. „Ob man vom Halifirien die Sterne berühren kann?“ Éawyn starte bei ihrer Frage auf die Bergkette. „Er ist oft höher als die Wolken. Bestimmt!“ Bei seiner Antworte lachte sie freudig auf. „Dann will ich so einen Stern meinen Eltern mitbringen. Dann haben wir auch Licht in der dunkelsten Nacht.“ Mit ihrer Hand deutete sie ihm einen besonders hellen Stern. Mit seinen Augen folgte er ihrem Fingerzeig. „Ob dort oben auch die Hallen unserer Väter sind?“ Es war eine Frage, die ihn schon längere Zeit beschäftigt. Éawyn wandte ihren Körper ihm zu: „Dann schauen sie sicherlich auf uns hinab.“

Er konnte aus den Augenwinkel seine Eltern vor der Eingangstüre sehen. Sein Vater hatte den linken Arm um seine Frau gelegt und streichelte mit der Rechten ihren schwangeren Bauch. „Ich habe deinen Vater gehört. Was war passiert?“ Scheinbar hatte auch Éawyn seine Eltern gesehen. „Vater und ich waren auf der Jagd im Firienwald. Nicht weit hinein hörten wir Schwerter klirren. Als wir ankamen sahen wir zwei Orks und einen Jäger vor ihnen auf seinen Knien.“ Er atmete laut auf. „Sein Bauch und Hals bluteten, sein Blick war leer. Als die Orks uns sahen, schrie er laut auf, dann brachen sie sein Genick.“ Seine Stimme wurde zittrig. „Sein letzter Atemzug war ein Schrei. Ich höre ihn immer noch.“ „Glaubst du, der Schrei geht wieder fort?“ Seine Stimme war mehr ein Flüsterton:„Ich hoffe es.“ Wieder lag Stille über den beiden. Er spürte wie Tränen seine Wange herunterliefen. „Ich habe Angst, Éawyn.“ Vorsichtig berührte ihre Hand seine. „Braucht du nicht, dein Vater ist hier.“ Sie stand auf während er noch im Gras lag. „Ich habe Angst vor mir.“ Er schluckte trocken. „Ich spüre keine Trauer, nur Wut.“
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Ristredin
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Beitrag von Ristredin »

Das innere Niemandsland
Das Zirpen der Grillen erfüllte die nächtliche Stille. Ein voller Mond warf sein Licht auf die Landschaft und lies die Wetterberge als dunkle Schatten gen Himmel wachsen. Nur vereinzelt wuchsen Bäume und Büsche in dem kieshaltigen Kalkstein. Gute Ohren könnten die Nachträuber hören, die nachts ihre Beute aufsuchten. Aber in einer solchen Vollmondnacht waren sie auch mit dem bloßen Augen zu sehen.

Er saß auf der Bettkante. Von hier aus konnte er nach links schauend aus dem Fenster des Gasthauses sehen. Doch weder Kaminfeuer noch der Mond spendeten genug Licht um die Gravur zu erkennen. Ihm gegenüber, ganz an die rechte Wand geschoben, stand ein einfacher Holztisch. Darauf ein Holzbrett bestückt mit Brot und Käse. Daneben eine Kerze, gehalten von einem Kerzenhalter aus Messing, ein Pergament, ein kleines verschraubbares Tintenfass und ein Schreibkiel. Am unteren Teil des Zimmers, nahe der Tür, erwärmt ein kleines Kaminfeuer einen Kupferkessel mit Wasser. Sein Schwert lehnte gegen die untere Bettkante, sein Dolch lag auf dem Bett rechts neben ihm. Die Rüstung und Stiefel hatte er abgelegt. Nur noch seine Leinenhose und Kette trug er. Deutlich zeigten sich auf der Haut die Druckstellen seiner schweren Kleidung. Zwei Narben waren stumme Zeugen vergangener Schlachten. Eine schnitt sich von seiner rechten Schulter bis unter die Linke durch die Haut. Die Klinge eines Dunländers war ihr Ursprung. Die Zweite am Oberbauch war der Rest einer verheilten Pfeilwunde. Es war ein Pfeil aus Rhûn, mit solchem Hass geschossen, dass selbst seine Rüstung ihn nicht aufhalten konnte. Sein Blick fiel auf seine Kette. Es war ersichtlich, dass er das gravierte Amulett regelmäßig pflegte. Doch weder Kaminfeuer noch der Mond spendeten genug Licht um die Gravur zu erkennen.

Beide ihrer Hände verbargen das Geschenk. „Und du Schatz, du schließt jetzt die Augen und hältst deine Hand zu mir hin.“ Er schloss, wie sie ihn gebeten hatte, seine Augen und hielt ihr seine rechte Hand flach hin. Nachdem sie ihm einen Kuss auf die Lippen gab, lag sie etwas kleines in seine Hand. Behutsam schloss sie die Hand wieder. „Jetzt darfst du schauen.“ Er ließ seine Augen noch für einen kurzen Augenblick geschlossen und führte mit dem Daumen über ihr Geschenk. Als sein Finger den Schriftzug auf dem Amulett ertastete öffnete er seine Augen. Sie hielt ihm ein Zweites entgegen. „Es soll dich immer an mich erinnern, sollten sich unsere Wege auch trennen, so trägst du nun immer einen Teil von mir. Auch ich trage nun das passende Gegenstück.“

Er verbarg die Augen hinter seinen Händen. Ihre Stimme hallte nur noch leise in seinem Kopf. Nicht mehr als ein schwaches Flüstern. Ein Flüstern, dass er nicht mehr loslassen wollte.

Einige Wochen war es her, als er Anrangar das letzte Mal eine Nachricht sandte. Es gab keine neuen Erkenntnisse zu berichten. Mehr Zeit als er eingeplant hatte, suchte er nach einem sicheren Weg, zu den von Egin beschriebenen Bibliotheken, da die meisten Pfade immer mehr ihrem natürlichen Ursprung glichen. Am Ende fand er ihn. Kaum begehbar, viele wilde Tiere, die sich in den vielen Hügeln und Höhlen eingenistet haben. Hatte er anders erwartet, in einem Land wo Bären und Raubkatzen keine natürlichen Fressfeinde hatten?
Langsam erhob er sich, ging zwei Schritte in Richtung des Tisches und stütze sich mit beiden Händen über das Pergament um den Brief noch einmal zu lesen.

Anrangar

in der Hoffnung Spuren von Egin zu finden, brach ich gen Osten auf. Ich folgte der Ost-West-Straße, bis sie sich in den Hügeln in kaum erkennbare Trampelpfade und Wildwuchs auflöste. Mehrere Tage suchte ich nach einem Pfad, der südlich führt, weg von den Hügeln. Ich wurde fündig. Es muss der Weg sein, den Egin in seinem plötzlichen Aufbruch gewählt hat. Daran habe ich keinen Zweifel. Aber viele wilde Tiere hausen hier. Mich beschlich das Gefühl beobachtet zu werden aber ich konnte niemanden sehen. So gut es mir möglich war, habe ich eine Karte von meinem Fund erstellt. Diese lege ich dieser Botschaft bei. Mein Weg wird bald zurück in das Breeland führen.

Ristredin

Er rollte den Brief ein und tröpfelte Kerzenwachs auf das Ende des Pergaments um den Brief zuverlässig zu verschließen. In der Frühe wollte er ihn einem Boten übergeben, dass dieser seinen Weg in das Gasthaus von Bree fand. Der dortige Wirt wird den Empfänger finden.

Mit einer Schöpfkelle füllte er etwas von dem warmen Wasser in eine metallene Schale und stellte diese vor das Bett auf den Boden. Aus einer seiner Reisetaschen zog er ein etwa drei Handflächen großes Stück Stoff, legte dieses in das warme Wasser und setzte sich wieder auf die Bettkante. Zuerst reinigte er die Hände im Wasser von Dreck und Staub, der sich wie ein dunkler Nebel im Wasser ausbreitete. Ausgewrungen, wischte er sich dann mit dem Lappen durch das Gesicht. Als er damit begann seinen linken Arm zu reinigen, verweilte der Stoff für einen kurzen Augenblick auf seinem Oberarm. Er legte den Lappen zurück in das Wasser und fuhr noch einmal mit den Daumen über die Linien der Tätowierung. Zuerst über das „L“ dann über das „y“.

Wie oft hatte er sich vorgenommen die Vergangenheit zu vergessen? Die Zeit sie verwischen zu lassen? Aber wollte er diese Erinnerungen überhaupt vergessen? Hielt er nicht doch an ihnen fest?
Mehr Zeit hatte er ihr versprochen. Ein Weg abseits von Schlachten. Stille von Waffengeklirr. Stille von den letzten Atemzügen seiner Waffenbrüder. Krieg wurde zur Antwort. Diese ersehnte Stille hatte er nun hier; hier in diesem Gasthauszimmer. Eine Stille, in der Schwert und Dolch nur eine Armlänge von ihm entfernt lagen. Eine Armlänge davor alles zu vergessen.

„Warum ausgerechnet ich?“ Sie sah ihn erwartungsvoll an. „Du schenktest mir dein Herz und deine Liebe.“ Liebevoll strich sie mit ihrer Hand über sein Gesicht. „Doch warum ausgerechnet mir?“

Nur ein Dolchstoß entfernt alles zu vergessen. Er begrub sein Gesicht wieder in seinen Händen. Nicht heute. Nicht solange er sich wehren konnte.
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Ristredin
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Ristredin, Réadredens Sohn

Beitrag von Ristredin »

Asche
Asche aus des Feuers Glut, wo die letzte Hoffnung glimmt
Des erfahrenen Kriegers Mut, flüchtig mit dem Rauch entrinnt
Schmerz bis ins eigne Blut, der den schwarzen Tag bestimmt
Nur noch Asche nur noch Wut, der innere Konflikt erneut beginnt


Ausgebrannt
Wenn er die Hand ausstreckte, konnte er noch immer das heiße Steinfundament spüren. Wenn er die Augen schloss, sah er noch immer das verkohlte Holz und das verschmolzene Metall. Wenn er durch die Nase einatmete, roch er noch immer den schwarzen Rauch. Wenn er in sich hineinfühlte, spürte er noch immer diese ziellose Wut. Zwei Tage hatte er auf die Steine gestarrt als ob dort die Antwort auf seine Frage erscheinen würde. Wie ein Geier kreisend um seine sterbende Beute beobachtete er seine Hoffnung, die mit jedem Atemzug von seiner Wut verschlungen wurde. Schlaf konnte er keinen finden. Immer wenn er eindöste rissen ihn die Schreie wieder wach. Erinnerung, lange Zeit verdrängt, doch nie vergessen. Erwacht durch einen Schmerz, den er schon lange nicht mehr gespürt hatte. Der Körper zitterte durch seine angespannte Muskulatur. Seine Hände begannen taub zu werden, weil sie sich seit Stunden nicht von dem Schwertgriff gelösten hatten um den sitzend nach vorne gebeugten Körper zu stützen. Schwerfällig erhob er sich, ließ sein Schwert fallen doch seine Beine gaben nach. Gestützt auf Knien und Händen versuchte er sein Gleichgewicht wiederzufinden. Seine Muskulatur zitterte noch immer und im Körper breitete sich eine Hitze aus, die ihn aus jeder Pore schwitzen ließ. Die Welt um ihn begann sich zu bewegen und dann zu drehen. Er schloss die Augen aber er konnte nicht mehr verhindern, dass er Erbrechen musste. Mit tiefen bewussten Atemzügen versuchte er wieder Kontrolle über seinen Körper zu erlangen. Er ergriff das Heft seines Schwertes und richtete sich mit dessen Hilfe nochmals auf. Nur langsam hörten seine Beine auf zu zittern. Direkt hinter sich hörte er Andwis‘ Schnaufen. Sein Ross hatte die letzten zwei Tage hinter im in der Wiese gegrast aber sich nie weit entfernt. Am Sattel befestigte er seine Klinge und ging nochmals zurück zur Ruine ihres Hauses um etwas Asche in einen kleinen Beutel zu füllen. Mühsamer als sonst sattelte er auf. Sein Pferd trabte gleich los. Es schien den Weg zu kennen, den er nehmen wollte: Gen Norden.

Die Sonne ging hinter den Wetterbergen unter. Ein kräftiges Orange übergehend in ein tiefes Rot färbte den Horizont. Der Gesang von Sperlingsvögeln verabschiedete die warmen Strahlen der Sonne. Die Wärme hatten ihn den ganzen Tag nicht erreicht. Zwei Tage und zwei Nächte war da nur diese Leere: Keine Gedanken, keine Fragen, nur Sein. Langsam, auf dem Rücken seines Pferdes, kamen die Fragen. Er wusste von einer Schwester, an deren Namen er sich nicht einmal erinnern konnte. Aber selbst sie wusste nicht wo sie sich aufhielt. Sonst nichts. Nichts außer Vorwürfe. Vorwürfe an sich selbst. Warum war er nicht bei ihr geblieben? War der Sold für ihren Unterhalt wirklich wichtiger gewesen als seine Anwesenheit? War die Loyalität zu einem Haus Gondors und seiner Kiste wichtiger als seine Liebe zu ihr?

Andwis blieb einige Meter vor dem Ufer des Nen Harns stehen, windgeschützt neben dem Findling. Oft waren sie hier gewesen. Hier hatten sie ihren wichtigsten Moment miteinander. Ein Ort, der im Friede schenkte. Nicht heute. Er wühlte in seiner Brusttasche und holte einen Brief hervor. Vorsichtig rollte er ihn auf.

... Ja, nicht einmal eine Auskunft gebend wann ich meinen geliebten Mann wieder in meine Arme schließen kann. Ohne dich ist hier alles so leer, so kühl, und es wird von Tag zu Tag schwerer hier zu bleiben und auf dich zu warten. Ich fühle mich alleine. Alleine mit meinen Sorgen und Problemen. Ich weiß nicht wohin damit. Ich habe einen großen Fehler begangen und habe so einige Leute die mir vertrauen in Gefahr gebracht. Ich habe niemanden mit dem ich darüber reden kann.

Ein schmerzender Stich durchbrach sein Herz. Er versuchte ihn mit seiner Hand zu ergreifen aber seine Schlag endete an seiner Brust. Langsam ging er die letzten Schritte zum Ufer, berührte mit seiner rechten Hand das kühle Wasser. Es war klar. Er konnte dem Seebett einige Meter mit den Augen folgen bevor es von der Tiefe verschluckt wurde.

Was ist denn mit mir? Ich brauche dich doch auch. An dem Tag unserer Hochzeit dachte ich von nun an hätte ich den Menschen, der mir die Kraft gibt niemals aufzugeben, an meiner Seite. Ich dachte wir können von nun an unsere Probleme gemeinsam lösen und uns etwas zusammen aufbauen,vielleicht sogar eines Tages eine Familie gründen. Doch sag mir wie soll das gehen? Wie soll es gehen wenn du mich hier allein zurück lässt...

Vorsichtig löste er das Band, das seinen mit etwas Asche gefüllten Beutel verschloss. Mit festem Griff drückte er die Aschebrocken zu Pulver. Etwas von diesem Pulver stieg in die Luft und ließ seine Augen tränen.

Du weißt ich schätze dich sehr und versuche dich zu verstehen, doch es fällt mir nicht leicht. Ich brauche dich!

Deine Ly

Für einige Schritte drang er in das Wasser ein, soweit bis das Nass den Schafft seiner Stiefel erreichte. Gleichmäßig verteilte er die Asche auf der Wasseroberfläche, die der See stetig zu sich in die Mitte holte. Er wollte diese Stille mit seiner Stimme durchbrechen aber seine Worte versagten. Die Erschöpfung überwältigte seinen Körper und der Schlaf erreichte ihn endlich.

Sie lies den Bogen zum Boden gleiten. Das Gras fing ihn sanft auf. „Im Umgang mit dem Bogen bin ich noch sicher, auch wenn ich ihn schon lange nicht mehr brauchte.“ Er nahm ihre freigewordene Hand in seine. „Zum Glück bist du dafür nicht hier.“ „Nein das bin ich wirklich nicht. Aber wenn ich helfen kann, dann werde ich es tun.“ Er atmete tief durch. „Das tust du gerade.“ „Ach was. Das war ich jetzt mache war nur schon längst überfällig.“ Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Ich hoffe, dann bleibt das unser ganzes Leben überfällig.“ „Heißt das, du kannst dich daran gewöhnen?“ „Lycande, ich kann… ich will nicht mehr auf dich verzichten müssen. Mir ist der Ort gleich geworden. Nur noch du.“ Ein leises flüstern kam von ihr zurück. „Ja, ich bin hier, hier bei dir.“ „Ich kann mich daran gewöhnen.“ Sie lächelte ihm liebevoll zu. „Dann fange schon mal damit an. Vielleicht ist das ja nun endlich unsere gemeinsame Zukunft. Tag für Tag, Seite an Seite, nur mit dir.“ „Ich liebe dich, Ly.“ „Ich liebe dich auch.“
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