Ristred, Réadreden's Sohn

Schreibt hier die Geschichte Eures Charakters nieder.

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Ristred
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Ristred, Réadreden's Sohn

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Ristred, Réadreden's Sohn
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Ein Inhaltsverzeichnis, Worterklärungen, Ergänzungen und weitere Informationen lassen sich hier finden. Nachfolgende Einträge werden dort lediglich im gleichen Beitrag editiert und erscheinen nicht als Antwort darunter. Zu jedem neu hinzugefügtem Kapitel wird auch der Informationsbeitrag erweitert.
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Prolog

Gasthaus
Auf der Suche
Finstere Wolken verdunkelten die karge Landschaft, die sonst von goldbraunen Böden und grünen Berggipfeln geprägt war. Die wenigen Büsche und Bäume, die, vereinzelt und mit großem Abstand zueinander, aus dem Kalkboden hervorsprossen, wankten wehrlos im stürmischen Wind. Scharf schlug der Regen gegen die Fenster und Gemäuer des kleinen Gasthauses. Die Dachziegel zitterten durch den starken Wind, der durch die Ebenen jagte. Ein Feuer im Kamin, versuchte vergeblich den Raum zu erwärmen, in dem zu dieser späten Zeit nur noch wenige Menschen saßen. Der Raum wurde durch das Prasseln des Regens und die Pfiffe des Windes mit Getöse erfüllt, und nur die junge Bedienung hörte manches Mal, wenn sie an den einzelnen Tischen vorbeiging, leise Stimmen, wenn die Kunden sich miteinander unterhielten. Sie erwartete bei diesem Wetter keine Gäste mehr und begann damit, den Eingangsbereich sauber zu fegen. Doch sie irrte sich. Sie hatte noch nicht einmal den Besen angesetzt, da hört sie schwere Schritte, die sich stetig auf die Tür zu bewegten. Mit großer Eile wurde sie aufgeschoben und ein Mann, den Rücken nach vorne gebeugt, den Blick zu Boden gerichtet und tief in einen Umhang gehüllt, erschien zwischen den Türpfosten. Mit einem kurzen Nicken begrüßte er die, noch immer mit dem Besen in der Hand stehende, Bedienung. Zielstrebig ging er auf das Feuer zu und setzte sich auf einen der vier Hocker aus hellem Holz, seinen Körper nah an das Feuer gebeugt. Sein Umhang fiel, durch das schnelle hinsetzten, hinter seine Schultern und eine lederne Rüstung über dem Kettenhemd kam zum Vorschein. Sein Schwert behielt er befestigt im Wehrgehänge. Die Kapuze des Umhangs immer noch tief im Gesicht, sich der neugierigen Blicke bewusst.

Von seiner Theke aus, beobachtete der Wirt die dunkle Gestalt, die soeben in sein Gasthaus gekommen war und ohne einen Gruß sich an das Feuer gesetzt hatte. Neugierde packte ihn, aber auch Angst vor dem Ungewissen, das von diesem Menschen ausging. Mut war noch nie seine Stärke gewesen. Mit einem Blick gab er seiner Bedienung zu verstehen, dass sie dem Gast zur Verfügung stehen soll.

Langsam näherte sie sich dem Mann. Seine Schultern hoben und senkten sich, durch den schweren Atem, der noch von einer großen Anstrengung zeugte. Um ihn nicht zu erschrecken, bleibt sie einige Schritte hinter ihm stehen, nicht wissend, wie sie diesen Kunden nun ansprechen sollte.

Sein Weg war entbehrlich gewesen. Das Unwetter hatte ihn mitten auf seiner Reise überrascht. Die kahlen Berge, die die Täler und Ebenen formten, boten nur schlechten Schutz. Durch einen glücklichen Zufall hatte er die Lichter der Herberge entdeckt. Die Wärme des Feuers kroch langsam in seinen Körper und es fiel ihm wieder leichter, seine Finger zu bewegen. Langsam näherten sich ihm feine Schritte, die nur ein leichtes Gewichten zu tragen schienen. Es konnte nur die Bedienung sein, alle anderen in diesem Raum hatte er, bei seinem Eintritt, als Männer erkennen können.

„Mein Herr, möchtet Ihr etwas trinken und vielleicht auch etwas essen?“ Mit zittriger Stimme, versucht sie die Aufmerksamkeit des gerade eingetretenen Mannes zu gewinnen. Langsam bewegte sich die Kapuze in ihre Richtung. „Etwas Wärmendes. Habt Ihr eine Suppe für mich?“ Die Stimme überraschte sie. Seit deren Betreten war der Rücken der Gestalt nach vorne gebeugt und der Kopf hing von den Schultern hinab. Aber die Stimme entsprach mehr dem Klang eines Mannes in den zwanzigern. Es war wohl die Erschöpfung, die dem Körper die Kraft nahm, sich aufzurichten. Mit einer leichten Verbeugung, die ihre Antwort auf die Bestellung vortäuschen sollte, versuchte sie einen Blick auf das Gesicht, des scheinbar noch jungen Mannes zu erhaschen. Doch nur den Mund und sein rasiertes Kinn konnte sie erkennen. „Sehr gern. Bitte habt einen kurzen Augenblick Geduld.“

Die leichten Schritte entfernten sich wieder von ihm und einige ruhige Minuten bis zur erneuten Störung waren ihm gewiss. Er zog seine Handschuhe aus und seine Hand fuhr in einen Beutel, an seiner linken Seite befestigt. Nach einem kurzen Moment kam sie mit einem zusammengerollten Pergament zum Vorschein. Langsam rollte er es auf, und seine Augen huschten von Wort zu Wort, keines auslassend.


Mein Sohn,

Siebzehn Jahre sah ich dich heranwachsen. Jeden Tag erfülltest du mich mit Stolz. Oft saß ich, in deinen jungen Tagen, an deinem Bett und atmete jeden Atemzug mit dir. Wir waren oft auf den weiten Ebenen der Mark. Früh begannst du mit mir den Kampf mit Schwert, Speer und der Faust zu üben. Du sagtest mir jeden Abend, dass du eines Tages wie ich, dein Vater, sein willst.

Schnell wurdest du größer und stärker und ich wusste, dass der Tag kommen wird, an dem du dein Schwert unserem Marschall zu Füßen legst und ewige Treue schwörst. So wie ich es auch vor dir tat. So wie es unser Geschlecht schon immer tat. Mit Stolz legte ich dir deine erste Rüstung an, mit Stolz überreichte ich dir dein erstes Schwert, mit Stolz war ich dein Lehrer und mit größtem Stolz dein Vater.

Als deine Mutter während der Geburt deiner Schwester starb und sie mit ihr ging, warst du es, der mir Halt gab.
Sie sprach oft davon, dass die Ahnen ihrer Eltern, einst vor langer Zeit, in Arnor lebten. Ein Land, dass sie nie mit eigenen Augen sehen konnte. Und doch lag ein Teil ihres Herzens stets dort. Es liegt nun an mir, diesen Ort für sie aufzusuchen.

Überquere den Meringstrom und lerne die Kultur deiner Mutter kennen. Seit den Tagen Eorls verbindet uns ein Eid mit Gondor. Die Soldaten dort könnten eines Tages deine Waffenbrüder sein. Die Familie deiner Mutter wird dich aufnehmen. Eomod und unsere Knechte kümmern sich in dieser Zeit um unseren Hof.

Ristred, bedenke immer, woher du kommst. Bleibe unserem König und der Mark treu. Stähle deinen Willen, denn ich sehe den Schatten in deinen Augen. Lasse ihn nicht Herr deine Sinne werden. Denn diesen Schatten kannst nur du besiegen.

Réadreden


Behutsam rollte er das Pergament wieder zusammen. Die sanften Schritte näherten sich wieder und kurz darauf wurde ihm eine wohlduftende Suppe gereicht. „Mein Herr, Eure Suppe. Ich wünsche Euch einen guten Appetit.“ Zum Dank drückte er ihr einige Kupfermünzen in die Hand, Worte ließ er aus. Er musste seine Kräfte sparen, er würde sie alle brauchen.
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Ristred
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Traum
Aufbruch
Mit einem kräftigen Schwung schob er den Vorhang des großen Zeltes beiseite und betrat den Innenraum. In der Mitte stand ein großer Tisch, auf dem eine einzige Karte der Ostfold lag. Oben links wurde sie durch einen Kerzenhalter mit brennender Kerze beschwert. Weiter hinten im Zelt waren zwei Stühle, um einen kleineren Tisch zu sehen, auf dem etwas Obst in einer Schale lag. In die Zeltwände waren in regelmäßigen Abständen weiße Pferde im Wechsel mit Eberköpfen eingenäht worden. Die einzige Lichtquelle ging von der Kerze auf dem Tisch aus. Über den Kartentisch war eine große Gestalt, die schon gute vierzig Jahre alt sein musste, gebeugt. Sie sah auf, als er den Raum betrat.

„Ristred, endlich seid Ihr hier.“ Mit großen Schritten kam die Gestalt auf ihn zu und umarmte ihn freundschaftlich. „Eomod, es tut gut Euch zu sehen. Sagt, wie steht es mit der Planung? Wie ich sehe, seid Ihr gerade dabei, die Karte zu studieren.“ Er und der Hofnachbar seines Vaters gingen zu dem Tisch hinüber, an dem ihm der Stand der Dinge erklärt wurde. „Von dieser Seite aus werden wir Aldburg erreichen, die Orks scheinen bis dorthin noch nicht vorgedrungen zu sein.“ Eomod sah ihn an, während er selbst nur verstehend nicken konnte. Der Mann klopfte ihm auf die Schulter und lachte herzlich. „Aber, mein junger Freund, Ihr schaut wirklich gut und vor allem kräftig aus. Haben Euch die zwei Jahre in Anorien also gutgetan?“ Der Besitzer des Zeltes führte ihn zu den beiden Stühlen, die sich gegenüberstanden, bot ihm einen davon an, während er sich auf den anderen setzte. „Die Familie meiner Mutter hat mich herzlich empfangen. Gen des Meringsstroms füllte ich mich fast wie auf dem Hof meines Vaters. Aber diese vier Wochen in Mundburg reichten mir. Zu viel Stein.“ Eomod und er lachten laut auf. „Aber ich bin froh, wieder König Theoden dienen zu dürfen.“ Der ältere Krieger klopfte ihm auf die Schulter. „Es ist gut, dass Ihr zurück seid. Éawyn fragt oft nach Euch. Sie scheint besorgt zu sein. Nennt mir aber keinen Grund. Dennoch kümmert sie sich gut mit den Knechten Eures Vaters um den Hof.“ Er nickte. „Ich bin für ihre Freundschaft dankbar.“ „Und ich bin Euch dankbar, dass Ihr an Stelle Eures Vaters gekommen seid, nun wo er noch immer jenseits der Pforte verschollen scheint. Die freundschaftliche Verbundenheit zwischen unseren Familien bedeutet mir viel.“ Sein Blick fiel auf die Zeltwand, während seine Gedanken sich mit dem bevorstehenden Ereignis befassten. „Mein Großvater und Euer Vater sind schon unter demselben Banner geritten. Es ist mir eine große Ehre, nun mit Euch nach Aldburg zur Heerschau zu reiten.“

Dunkelheit umgab ihn.

Die Nord-Süd-Straße
Das Morgenrot tauchte die Zelte der Reiter in ein malerisches Licht, als sie aufrecht in der weiten Ebene vor Aldburg ragten. Die Sonne im Rücken verließen zwei Männer das Zeltlager, einer von ihnen die Zügel seines Pferdes in den Händen. "Ihr kennt nicht einmal den Weg, noch seid Ihr Euch sicher, wo Euer Vater überhaupt ist. Und was hinter der Pforte liegt, wisst Ihr so wenig wie ich. Ich will Euch ein letztes Mal raten mit mir zurückzureiten und dort auf ihn zu warten." Mit einem Handzeichen gab er seinem Gegenüber zu verstehen, dass sie sich weit genug vom Lager entfernt hatten. „Eomod, es führt nur eine Straße durch Dunland und Enedwaith. Ihr brauche ich zu folgen. So wenige Händler und Reisende diese noch nutzen, sollten Éagor und ich nicht auffallen.“ Ein Seufzen war zu vernehmen. „Ihr habt Eure Entscheidung getroffen. Dann wünsche ich Euch einen sicheren Weg und bringt Euren Vater zurück. Die Dunländer scheinen sich weiter in das Landesinnere zu wagen und selbst in Rhûn werden Bewegungen gemeldet. Von den Orks brauchen wir erst gar nicht zu reden. Er und Ihr werdet bei uns gebraucht. Seine verdammte Suche muss warten.“ Ristred reichte ihm die Hand. „Ihr wisst, treuer Freund, dass mein Vater sein Land liebt und seinen Eid erfüllen wird.“ Eomod nickte, klopfte ihm auf die Schulter, lächelte noch einmal kurz und wandte sich dann dem Zeltlager wieder zu.

Éagor trug ihn ruhig durch die Westfold, die Pforte von Rohan und hinter die Grenzen zum Dunland. Die meisten Straßensteine waren zerbrochen und überall wucherten Wurzeln und Wildpflanzen aus zerborstenen Steinen, auf denen noch immer die Gravierungen der Numenorer zu erkennen waren. Sie schien schon seit langer Zeit keine befestigte Straße mehr zu sein. Er war sich nicht sicher, ob dies überhaupt die Nord-Süd-Straße sein sollte. Die ersten Knospen der Büsche und Pflanzen, die auf den Grasebenen wuchsen, begannen sich zu öffnen, die Farbe ihrer Blüten zeigend. Die Windbrise war angenehm warm und irgendwo weit im Westen lag das Meer, von dem er mehrmals gehört, es aber niemals gesehen hat. Im Osten waren die Ausläufer des Nebelgebirges zu erkennen, hinter denen Orthanc in die Höhe ragte. Dunländer schienen sich nicht in der Nähe der Straße aufzuhalten, nur zweimal war er Wanderern in den letzten Tagen begegnet. Der erste war, als er in Sichtweite gekommen war, in den Ebenen verschwunden, der zweite war ein Händler, der mit einem Lied auf den Lippen ihm entgegenkam. Mit einem kurzen Nicken grüßte er den Eorlinga, als sei er heute schonmehreren Reisenden begegnet und lief, das Lied gleich wieder singend, weiter.

Langsam begann die Abendsonne die Welt um ihn herum in ein violett-rotes Licht zu färben. Weit vor ihm konnte er ein Feuer und zwei schemenhafte Gestalten entziffern, die auf den ersten Blick Menschen ähnelten. Desto näher er kam, desto mehr konnte er beide erkennen. Es waren ein Mann und eine Frau. Ihr blondes Haar, die gleichen Gesichtszüge und ihre Sprache ließ darauf deuten, dass sie Geschwister nahe seiner Heimat waren. Er gab seinem Hengst zu verstehen, neben dem provisorischen Lager stehenzubleiben. „Westu hál.“ Beide grüßten ihn zurück. "Ich bin auf der Suche nach der Nord-Süd-Straße. Wisst Ihr, wo diese liegt?" Die Geschwister sahen sich kurz etwas verwirrt an, da sich der Reiter bereits auf der genannten Straße befand, aber er schien unwissend zu sein. Der Bruder ergriff das Wort: „Eh, ja. Wir können Euch gerne den Weg zeigen. Wir wollen dieselbe Straße weiter im Norden aufsuchen.“ Selbstzufrieden lächelte er dem Reiter zu, der nachdenkend seinen Blick durch die Umgebung schweifen ließ. Noch weiter nach Norden. Etwas scheint seinen Vater zu beschäftigen, dass er so weit seiner Heimat nach etwas gesucht hatte. Der Bruder ergriff wieder das Wort. „Ich kenne sichere Wege nach Norden. Es gibt nicht viele Orte dort, die jemanden interessieren dürften. Mit Eurem Schwert an unserer Seite, könnt Ihr mich und meine Schwester gerne begleiten.“ Ein letztes Mal sah er für diesen Tag nach Norden, wo sich die Straße langsam in der Dunkelheit der Nacht verlor, und sagte dann zu.

Dunkelheit umgab ihn.
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Schwinden aller Sinne
Tagelang waren sie der Straße nach Norden gefolgt. Nie hatte er sich vorstellen können, wie weit an Ferne das Land war, ohne das Meer zu erreichen. Und nun kamen sie an diesen scheußlichen und doch faszinierenden Ort. Gefüllt von Hügelgräbern, zwischen denen ein grauer, dichter Nebel hing. Die Grabsteine waren mit kunstvollen Mustern und Symbolen verziert, die ihm fremd waren. Für ihn ein faszinierender Anblick. Und doch ging von dem Ort eine Kälte aus, als ob die Sonne nicht durch den Nebel dringen konnte.
Weitere Schritte vor ihm gestikulierten die Geschwister, die Schwester schien aufgebracht zu sein. Worte wie „Deine Sucht nach Gold“, „Fluch“ und „plötzliche Dunkelheit“ fielen immer häufiger in ihrem fast panischen Reden. Er richtete sich auf, um etwas besser die Landschaft zu erkennen. Doch sein Pferd sträubte sich weiterzureiten, schien sich aufbäumen zu wollen. Dunkle schemenhafte Gestalten konnte er erkennen, Gestalten, die sie beobachteten. Andere, die langsam auf sie zukamen. Dann traf ihn etwas am Kopf und der graue Nebel verwandelte sich in ein sichtraubendes Schwarz.

Als er erwachte, war es still um ihn. Eine durchdringende Kälte fing an sich in seinem Körper auszubreiten, seinem Hals stets näherkommend. Er wollte sie abschütteln, doch sein Körper war wie erstarrt. Es war wie ein finsterer Traum, alles war düster um ihn herum, doch diese Kälte war real. Überall schienen Schwaden von eiskalter Luft über ihn hinweg zu schweben. Die Kälte überwand seinen Hals und seine Sinne begannen wieder zu schwinden. Dunkler Gesang war aus der Ferne zu hören oder war es Wahn, den diese fürchterliche Kälte auslöste. Die Stimmen wurden lauter, bis das Surren eines Pfeils alles verstummen ließ. Beschwerlich kam etwas Wärme wieder in seinen Kopf, doch sein Körper war immer noch regungslos, wehrlos den Schock zu überwinden. Eine breite Gestalt beugte sich über ihn. Er versuchte, etwas zu sagen, doch sein Körper gab zu diesem Zeitpunkt auf.

Dunkelheit umgab ihn.

Gastfreundschaft
Er wachte in einem weichen Bett auf. Dumpfer Schmerz hämmerte gegen seine Schädeldecke und verhinderte klare Gedanken fassen zu können. Seine Hand versuchte, den Grund des Schmerzes herauszufinden, doch ein großzügig angelegter Verband verhinderte ein Abtasten. Er sah sich um. Der Raum, in dem er lag, war gefüllt von dem Duft gebratenen Fleisches und herben Bier. Besonders groß war er nicht, doch kam vom Kamin eine wohltuende Wärme. In die Steinwände waren Bäume eingemeißelt und viele Kerzen erhellten das Zimmer.
In einem anderen Raum schien jemand in einer tiefen Stimme zu singen, die Sprache war ihm unbekannt. Ihr lauter werden, ließ auf ein näher kommen des Sängers schließen. Um die Ecke kam ein Zwerg kräftiger Natur. Er trug einen kurzen weißen Bart und blaue Kleidung aus Stoff. In seinen Händen hielt er eine Schüssel mit dampfendem Wasser. „Ha, endlich wach?“, brummte dieser ihm zu Begrüßung entgegen. „Ihr habt lange geschlafen, Pferdeherr. Fragte mich schon, ob Ihr die Augen überhaupt nicht mehr aufbekommt.“
Was war passiert? Weshalb lag er hier und wer war dieser Zwerg? Nur langsam kamen die Erinnerungen wieder: die Geschwister, die Hügelgräber, die Kälte, der Bogenschütze.

„Habt Ihr die Pfeile abgeschossen, Herr Zwerg? Wart Ihr es? Und …?“. Der Zwerg brach ihn mit einer Handbewegung ab. „Alles nacheinander. Lasst mich erst mal die Wunde reinigen, solange das Wasser noch warm ist.“ Behutsam nahm ihm der Zwerg den Verband ab und fing an, die Verletzung mit einem Tuch abzutupfen. „Ihr hattet Glück, dass ich durch diese Gräber musste. Ich verabscheue diesen Ort. Furchtbare Sicht und dieser Gestank! Bei Durins Bart, was habt Ihr da getrieben? Da ist jeder Trampelpfad durch die Wälder sicherer.“ Da erzählte er ihm, dass er mit zwei Geschwistern hierhergekommen war und dass sie meinten, die Hügelgräber durchqueren zu müssen. „Wisst Ihr, wo die beiden sind? Und wo ist Maew, meine weiße Stute.“ Der Zwerg seufzte tief. „Nein, neben Euch lag niemand weiteres, nur ein Pferd, wie Ihr sagt, weiß, kam mir an der Grenze der Gräberhöhen entgegen. Sie folgte mir bis hier her und rastet nun in meinem Stall. Doch erst mal zum förmlichen! Ich bin Gaimlin.“ Freundlich hielt er ihm seine Hand hin, die er kräftig schüttelte. „Ristred, habt vielen Dank für alles, Herr Gaimlin. Wie kann ich Euch danken?“ Der Zwerg begann, einen neuen Verband um seinen Kopf zu wickeln. „Einmal den Kopf stillhalten, damit ich ihn ordentlich verbinden kann.“ Der Zwerg lachte laut auf. „Ihr könnt aufstehen, kommt mit. Ich habe eine deftige Suppe gekocht. Wird Euch sicherlich guttun.“ Vorsichtig half ihm der Zwerg auf die Beine und führte ihn in einen zweiten, größeren Raum.

In der Mitte befand sich ein großer Tisch, der mit allerlei Dingen gedeckt war: Tellern, Besteck, Schalen, Büchern, Schreibfedern, Pergament, Tintenfässer, Beeren, Brot und Käse. Dieser Raum war ebenfalls mit Steinwänden umgeben. Diese waren aber hier in einem dunkelbraun gefärbt. Auf Bauchhöhe waren wieder die Bäume in ihrem wiederkehrenden Muster eingemeißelt worden. Weiter hinten konnte er ein großes Holzfass ausmachen, hinter dem ein Gemälde an der Wand hing. Es zeigte einen Pfad, der hinauf zu einem See am Fuße eines Berges führte. Diesen Ort hatte er selbst nie gesehen, aber Geschichten von einsamen Orten zogen ihn als Kind schon immer in den Bann. "Khazad-Dûm", beantwortete Gaimlin seine stumme Frage. Der Zwerg ging eiligen Schrittes auf die Feuerstelle zu und rührte mit einer Kelle einige Male im Kessel um. Dann verschwand er im dritten und letzten Raum und kam mit einem Sessel wieder, den er ihm vor die Füße stellte. „Setzt Euch nur, Suppe ist gleich fertig.“

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Beitrag von Ristred »

Etwas Heimat
Das letzte Feuerholz warf er in die Feuerstelle und hielt kurz inne, die Wärme genießend. Obwohl Gaimlin es als unwichtig abtat, er pflegte regelmäßig die drei Feuerstellen im Haus und schlug neues Feuerholz oder kaufte es in den Hallen Thorin Eichenschilds. Langsam gewöhnte er sich daran, unter Zwergen zu leben, jeden zu überragen und Bärte zur Tagesordnung zu zählen. So aus seinem gewohnten Leben gerissen, fielen ihm die Unterschiede zwischen seinem Volk und dem Volk der Zwerge markant auf. Zwerge waren arbeitsam, besonders starrköpfig, wenn es um Handel ging, und in ihren Hallen herrschten andere Zeiten, als über dem Berg. Spät in der Nacht und früh am Morgen feuerten ihre Essen, stießen Hämmer auf Eisen und Ambosse. Mit einer Eigenart hatte er zu kämpfen. Ihr Argwohn anderen Völkern gegenüber, gab ihm das Gefühl ausgeschlossen zu sein. Bis auf einen misstrauischen Blick wurde ihm keine Aufmerksamkeit geschenkt.

Seine Hand fühlte nach der Kopfverletzung, die gut verheilt war. Nur noch ein kleiner Riss erinnerte an sie. Unter Gaimlin hatte sie eine gute Pflege erfahren. Eines Tages würde er dem Zwerg dafür danken. Er ging zum Tisch zurück, auf dem eine Karte lag, auf der der Verlauf der Nord-Süd-Straße aufgezeigt war, die Straße, die ihn unweigerlich in die Obhut eines Zwerges brachte. Gaimlin hatte sie für ihn erstanden und ihm ein Zimmer eingerichtet. Er durfte bei ihm leben, um seine Verletzung auszukurieren. Er tat sich noch schwer, dieses Angebot anzunehmen. Zwar war in den letzten Wochen eine Freundschaft zwischen beiden entstanden, doch war Gaimlin immer noch ein Zwerg und er ein Mensch. In Rohan hatte er nicht einmal einen gesehen.

Ein Klopfen an der Tür weckte ihn aus seinen Gedanken. War Gaimlin schon zurückgekehrt? Als er die Tür öffnete, stand eine junge Frau vor ihm, die ihn überrascht ansah. Ihr Haar trug sie offen und fiel nach einem überraschten Schritt zurück hinter ihre Schultern. Scheinbar hatte auch sie jemand anderes als ihn erwartet. „Westù Hal! Ihr wollt sicherlich zu Gaimlin, oder?“ Ein kurzes Nicken kam als Antwort. „Er ist noch nicht zurückgekehrt, doch...“. Kurz musterte er sie nochmals. Er kannte die Menschen aus dem Breeland nicht. Viel erzählte man nicht über sie und keine großen Geschichten sang oder erzählte man sich über jene. Doch bis zu den Hallen Thorins war es ein langer Weg, den sie vielleicht von Bree bis hierher zurückgelegt hatte und vor der Tür lag viel zu viel Schnee, um sie draußen stehenzulassen. Gaimlin würde sicherlich nichts einzuwenden haben, wenn er sie im Haus warten ließe. „Ich wollte Euch nicht stören, entschuldigt. Ich werde später noch mal vorbeikommen.“ Sie begann sich schüchtern wieder abzuwenden. „Nein, nein.“ Er winkte ab. „Wenn Ihr mögt, könnt Ihr gerne auch im Haus auf Gaimlin warten. Hier draußen ist es nicht besonders angenehm.“ Durch einen Schritt zur Seite machte er ihr den Blick und Weg frei in das Haus. Sie verharrte an ihrem Standpunkt und blickte ihn musternd an. „Ich möchte Euch wirklich nicht stören.“ Er winkte sie herein. „Und ich möchte nicht Gaimlin erklären müssen, warum ich Euch habe, draußen frieren lassen. Das würde er mir ewig nachtragen.“

„Habt vielen Dank!“ Noch etwas zögernd trat sie ein und folgte ihm zum Kamin. „Macht es Euch auf den Fellen nur bequem.“ Mit einer Handbewegung wies er auf die Felle, die vor der Feuerstelle lagen, um die Wärmequelle etwas bequemer zu gestalten. Er selbst ging zu der Kochstelle, um nach dem kochenden Wasser zu sehen. Mit einer Kelle schöpfte er etwas von dem Wasser aus dem Kessel, das ihm eigentlich als eine Zutat für seine Brühe dienen sollte. Einige wilde Kräuter nutze er, um das Wasser zu Tee zu brühen und füllte eine Schale mit süßen Beeren. Bestückt mit dem Tee, der Schale und zwei Bechern kehrte er zu der jungen Frau zurück und setzte sich zu ihr. Wieder musterte sie ihn: „Ihr grüßt wie einer von meinem Volk, wie einer aus Riddermark. Kommt Ihr von dort?“ Ein bejahendes Nicken war seine erste Antwort. Sie war also keine Breeländerin. Jetzt, wo er sie mit diesem Wissen betrachtete, kam er sich blind vor. Ihre Abstammung war deutlich zu erkennen. Vielleicht war es das Gefühl, weit entfernt von der Mark zu sein, dass er andere Eorlingas hier für unmöglich hielt.
„Ja, ich stamme aus der Fenmark. Direkt am östlichen Ufer des Meringstorms, den Firienwald in Sichtweite. Wart Ihr schon einmal dort?“ Sie schüttelte den Kopf. „Nein, ich habe das Hargtal nie nach Osten hin verlassen, aber ich habe oft die Geschichten über Folca gehört. Lycande ist mein Name, wie lautet Eurer?“ Er bot ihr etwas von den Beeren an, während er selbst nach seinem Becher griff. „Ristred. Sagt, was führte Euch nach Eriador?“


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Das alte Königreich
Evendim, das Land der Könige, lag vor ihm. Seine Mutter hatte oft von diesem alten Königreich erzählt und nun war es das Land, in dem er seinen Vater vermutete. Wenn er etwas gesucht hatte, dann muss es mit seiner verstorbenen Mutter zu tun gehabt haben. Kontakte hatten ihm einen Waldläufer empfohlen, der an der Grenze zu den Nordhöhen leben sollte. Er soll einen sicheren Pfad nach Annúminas kennen. Hier irgendwo, zwischen all den Ruinen, sollte er ihn treffen. Vor seinem Aufbruch hatte er an zwei, drei große Ruinen gedacht, doch inzwischen musste er einsehen, dass Evendim wohl nur aus Ruinen bestand. Der zerfallene Stein begrub Blick für Blick die Hoffnung seinen Vater wiederzusehen. Das Land wirkte Tod, gestorben vor lange Zeit. Er wäre umgekehrt, hätte man ihm gesagt, dass dieses Land nur aus Ruinen besteht.

Es war eine alte, fast hustende Stimme, die seine Aufmerksamkeit in eine weitere Ruine zog. „Ihr sucht mich, nicht wahr? Euer Kommen wurde mir angekündigt.“ Ein tiefes Husten unterbrach die Stimme und gab ihm Zeit sich umzudrehen und nach dem Herrn der Stimme zu suchen. Ein alter Mann, in der Uniform eines Waldläufers, lehnte an einer Mauer, die einmal zu einem großen Gebäude gehört hatte. Hinter ihm standen zwei weitere Menschen. Er konnte durch ihre Verhüllung des Gesichtes nicht erkennen, ob es Frauen oder Männer waren. „Wahrlich oft kommen Menschen nicht hierher. Dann seid Ihr der Krieger auf der Suche?“ Ein weiteres Husten ließ den alten Mann fast in sich zusammensacken. Die Wächter kamen dem alten Dunedain zu Hilfe und stützen ihn. „Ja, Herr, ich bin Ristred, Réadredens Sohn.“ Der Anblick des in die Jahre gekommenen Mannes gab ihm keine Zuversicht. Wie sollte jemand in einem so hohen Alter noch mitbekommen, wer durch diese Lande streift? Er konnte den Gedanken nicht zu Ende denken. „Hört zu! Diese Lande sind seit Jahrhunderten nicht mehr sicher. Nur wenige Menschen leben hier. Ich hoffe, Ihr habt einen guten Grund, hierherzukommen.“ Er hustete ein weiteres Mal. „Dieses Land wird von Angmars Knechten heimgesucht. Angmarin, Orks und Trolle treiben sich hier herum. Wenn Ihr in die alte Stadt wollt, dann steigt den dahinter liegenden Berghang hinab. Die Stadttore sind zu bewacht. Es wäre reinster Wahnsinn, die Straße zu nehmen.“ Er nickte, während er bemerkte, dass der alte Waldläufer ihn näher betrachtete. „Eure Augen, sie sehen kaum Schlaf, oder?“ Für einen Moment musste er stocken. Eine solche Frage hatte er nicht erwartet. „Was meint Ihr damit, alter Mann?“ Der Waldläufer lachte leise auf. „Ich war in genug Schlachten, um diese, in der Nacht aufkommenden, Todesschreie zu kennen. Genug, um sie nicht mehr loszuwerden. Sie Nacht für Nacht wieder zu hören. Seid wachsam auf Euch!“ Er vermochte dem Waldläufer nicht zu antworten, dass er sie seit seinem siebten Lebensjahr jede Nacht hörte. Ein Schrei aus einer Kehle, der mit jeder Schlacht mehr an Stimmen gewann.

Dunkelheit umgab ihn.

Selbstgewählter Abschied
Ein letztes Mal sah er auf seine verfassten Abschiedsworte. Viele Anläufe hatte er gebraucht, bis er dem Zittern seiner Hand Herr wurde. Seine misslungenen Versuche warf er ins Lagerfeuer, den vollendeten Brief rollte er zusammen und klemmte ihn zwischen Schwert und Rüstung, um seine Hände frei zur Verfügung zu haben. Mit dem letzten roten Wachs, das er bei sich führte und durch die Wärme der kleinen Flamme, die das Feuer noch hergab, verschloss er den Brief. „Danke für alles, Lycande, danke.“ Leise flüsterte er dem Brief seine Dankesworte zu und drückte diesen einem Kurier in die Hände.
Vor seiner Reise nach Evendim hatten sie viel Zeit miteinander verbracht. Oft über vergangene Geschehnisse der Riddermark gesprochen und über Taten der letzten Tage. Mit ihr konnte er über Gefühle und Gedanken sprechen, die er nie dem Zwerg hätte mitteilen können. Es kam ihm vor, als hätte er in ihr etwas von seiner Heimat gefunden. Doch was bringt die Heimat, wenn sie nicht mehr das ist, was sie einmal war? Wenn sich plötzlich alles verändert?
Sein Ziel stand fest: Annúminas. Seinen Vater finden und befreien. All seine Hoffnungen befanden sich in diesem Vorhaben. Und wenn er ihn nicht fand, dann war es an der Zeit sich dieser nächtlichen Schreie endlich zu entledigen. Ein bitterer Geschmack machte sich in seinem Mund breit. Er trocknete seinen Hals aus. War es der Geschmack von Verzweiflung, der ihn nun lenkte? Es war Zeit, aufzubrechen.

Dunkelheit umgab ihn.

Verhängnis
Annúminas. So sah die einstige Hauptstadt Arnors also aus. Nach all der Zeit sah sie noch immer atemberaubend aus. Von hier oben konnte er die Gebäude gut überblicken. Den Berg, den er zuvor erklommen hatte, war hervorragend dazu geeignet. Obwohl die Stadt als verlassen galt, tummelte sich einige dunkle Gestalten in den Gassen und Straßen herum. Wäre er nicht ein ausgebildeter Soldat, so wäre es gleich in die Stadt hinabgestiegen, aber die Sonne ging schon unter und er kannte die Stadt und ihre Schlupfwinkel nicht. Es wäre töricht, im Dunkeln nach seinem Vater zu suchen. Sein Blick richtete sich gen Himmel. Diese Nacht würde kalt werden. Keine Wolke war am Himmel und die ersten Sterne begangen zu leuchten. Wie gebannt blieb seine Aufmerksamkeit am Himmelszelt hängen. Unten wüteten die Dunkelheit und der Schrecken, doch oben waren Lichter, die das Firmament zu einem hellen Kontrast gegen den Boden werden ließen. „Es mag Hoffnung geben, selbst in diesen dunklen Zeiten.“ Ein Seufzen folgte seinen Worten. Er sah wieder auf die Stadt der Könige herunter. Viel hatten die Dunedain bereits verloren und auch seine eigene Heimat wurde mehr und mehr bedroht.
Ein leises Rascheln schreckte ihn auf. Aus dem Rascheln wurden Schritte, die sich zügig auf ihn zu bewegten. Seine Hand griff nach dem Heft seines Schwertes. Wenn der Feind ihn hier entdeckt hatte, dann sollte er kein wehrloses Opfer vorfinden. Doch als eine ihm wohlbekannte Person aus dem Schatten trat, nahm er die Hand wieder von seiner Waffe und stellte sich vor Überraschung auf. „Lycande, was machst Du hier?“ Die junge Frau stützte mit beiden Armen ihren Oberkörper auf den Knien ab. Das Atmen fiel ihr noch schwer, ihre Brust sank und hob sich noch viel zu schnell, um klar zu reden und ein leises Keuchen war nach jedem Atemzug zu vernehmen. „Ristred. Endlich! Gaimlin und ich … wir suchen Dich. Zum Glück … habe ich Dich gefunden.“ Er ging einige Schritte auf sie zu, um ihr beim Hinsetzten zu helfen. „Hat Dich der Brief so schnell erreicht?“ Ein aufgeregtes Nicken kam als Antwort. „Du bist außer Sinnen! Du kannst doch nicht blindlings da reinmarschieren! Annúminas ist vollgestopft von Angmars Pest. Das würdest Du nie überleben.“ Sein Blick wand sich von ihrem ab und richtete sich auf die alte Stadt unter ihm. „Ich will nicht …“ Stille kam über beide. Wie sollte er diese Situation erklären? Nie war er so ausführlich über seine Familie geworden. Er wollte sie nicht verletzen. „Lycande, ich möchte nicht … mein Vater, er ist der Letzte aus der Familie. Weder meine Schwester noch meine Mutter…“ Seine Stimme versagte. Aus seinem Brustbeutel nahm er den Brief seines Vaters, den er zuletzt in der stürmischen Nacht gelesen hatte. Er reichte ihn Lycande und sie las ihn ruhig durch. Dann sah sie auf und ihr Blick suchte den Seinen. „Ristred, es gibt so viel, für das wir kämpfen und leben dürfen. Sollte Dein Vater dort unten sein, nach dieser langen Zeit, so wirst Du ihn nicht allein finden können.“ Sie wurde kurz still und griff nach seinen Händen. „Hast Du denn nichts mehr, dass Dich hier hält?“ Diese Frage ging ihm wieder und wieder durch den Kopf. Hatte er etwas, dass ihn hier hielt? Unweigerlich musste er kurz lächeln. Ja, hatte er. Es wurde ihm gerade zum Verhängnis. Ihre Nähe spendete ihm immer Wärme und Zuversicht. Seine sonst so kräftige Stimme bedurfte dieses Mal viel Luft, als er ihre Hand fester umgriff und ihr in die Augen sah. „Doch, das gibt es. Du spürst es auch, oder?“ Mit Tränen in den Augen nahm sie ihn in den Arm.

Die Dunkelheit lichtete sich.
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Erwachen
Eine zweite Heimat
Die linke Hand umgriff die Schneide seines Schwertes, um ein Klirren durch ein Zusammentreffen mit seiner Kleidung zu verhindern. Sie stand mit dem Rücken zu ihm und sah den Hügel hinunter, der zum See führte. Er konnte nicht sagen, wie lange sie hier gewartet hatte, aber sie schien in ihren Gedanken verloren. Selbst als er direkt hinter ihr stand, nahm sie ihn nicht wahr. Langsam umfassten seine Arme ihre Taille und drückten ihren Körper an seinen. Eine Zeit lang standen sie nur da und genossen den Moment. „Na, Ly.“ Nicht mehr als ein Flüstern war seine Stimme. Bei seinen Worten öffnete sie wieder ihre Augen und wandte sich ihm zu. „Ich genieße jede einzelne Sekunde mit dir.“ Sie gab ihm einen zärtlichen Kuss. Ein breites Lächeln entfaltete sich auf seinem Gesicht. Sichtlich suchte er nach Worten, aber war sprachlos. Es störte sie nicht. „Wenn du wüsstest, wie glücklich du mich machst. Endlich ergibt das alles hier wieder einen Sinn für mich.“ Während er immer noch nach seinen Worten suchte, glitt seine rechte Hand durch ihr Haar. „Warst du es nicht, die mich genau daran erinnert hat?“ Mit beiden Händen umgriff sie seinen Kopf, führte ihn behutsam neben ihren und flüsterte ihm in sein Ohr: „Ich hätte es einfach nicht zulassen können. Du bist etwas ganz Besonders.“ Ihre Worte hallten in seinem Kopf wider. Sie schoben die anderen Gedanken in den Hintergrund, ihren Platz nahm ihre Stimme ein. „Wollen wir zum See runter?“ Sie nahm seine Hand und zog ihn hinter sich her.

Er ließ sich rücklings in das Gras fallen. Der Duft der Wiesen kroch ihm in die Nase und wirkte beruhigend. Die Sonne stand im Zenit, sodass er die Augen schloss. Weiter südlich, am anderen Ufer des Baranduin, mussten irgendwo Vögel singen, denn ihr Gesang machte ihn schläfrig.
Sanft strich ihm eine Hand durchs Gesicht. „Du schläfst doch nicht an einem unsere wenigen gemeinsamen Tage ein, na?“ Leise wurden ihm die Worte in sein Ohr geflüstert. Er blinzelte, vom hellen Sonnenschein noch geblendet, Lycande zu. Sie war scheinbar wieder vom Ufer hochgekommen, hatte sich die letzten Meter herangeschlichenen und sich leise neben ihn gesetzt. Ein Grinsen konnte er sich nicht verkneifen. „Nein Ly, wie kommst du denn darauf?“. „Du liegst im Gras und hast die Aug…“, weiter kam sie nicht, da hatte er sie schon gepackt und zu sich heruntergezogen und sie auf den Rücken gerollt. Um ein Aufstehen zu verhindern, beugte er sich über sie und fixierte ihre Arme am Boden. „Nun, so wie ich das sehe, bist du diejenige, die hier im Gras liegt.“ Darauf erwiderte sie ein Lächeln und einen Kuss. „Ly, ich liebe dich.“ Drei Worte, die die letzten Wochen mit Leben gefüllt hatten. Drei Worte, die ihm viel bedeuteten. Er setzte sich neben sie. Als sie es ihm gleichtat, nahm er ihre Hand. „Ly, ich weiß, wir sehen uns nicht oft, aber ich bin mir sicher, dass es trotzdem richtig ist. Für meine Sehnsucht nach dir ist es das Richtige.“ Er blickte ihr in die Augen. „Willst du mich heiraten?“ Er war zum Schluss selbst über sich erstaunt. Einen Heiratsantrag hatte er nicht geplant. Bis jetzt hatte er nie eine Hochzeit in den Gedanken durchgespielt und doch fühlte es sich gut an. Lycande lächelte ihn nur an, bis sie ihn in den Arm nahm und ihm zuflüsterte: „Ja, Liebster, will ich.“



Annúminas
Ruckartig wachte er auf. Sein Nachtgewand klebte am ganzen Körper und an seiner Stirn liefen Schweißperlen herunter. Sein Herz hämmerte gegen seinen Brutkorps. Diese Träume. In dieser wurde er von ihnen wieder heimgesucht. Er befreite sich von seiner Bettdecke. Frische Luft war es, was er nun brauchte. Aufgerichtet, lief er an das andere Ende seines Zeltes, wo auf einem kleineren Tisch, eine Schale und ein Krug mit frischem Wasser standen. Sein Nachtgewand warf er zurück auf sein Bett und wusch sich den Schweiß von der dreckigen Haut. Seine Leinenhose und ein Stoffhemd sollten ihm erst mal als Kleidung reichen. Hätte er sie doch lieber für diese Nacht bei ihm gelassen, anstatt sie in Sicherheit zu bringen. Gerade jetzt wäre ihre Anwesenheit die Ruhe gewesen, um diese Düsternis zu überstehen. Barfuß verließ er sein Zelt und betrachtete den Sternenhimmel. Ein Vollmond hoch am Himmelszelt erhellte das Lager. Er war also viel zu früh aufgewacht. Doch heute war ihm dieses Schicksal nicht allein zugeteilt. Außer den Wachen saßen einige Krieger vor ihren Zelten an den Feuern. Entweder allein und tief in Gedanken in das Feuer starrend oder in Gruppen zusammen, in denen sie flüsternd untereinander sprachen.

Er blickte zurück zu seinem Zelt und seinem Feuer. Erst jetzt fiel ihm sein Knappe auf, der, mehr kauernd als sitzend, sich an seinem Feuer wärmte. Ein Vater dieser halb verlassenen Feste hatte ihm seinen Sohn anvertraut, damit dieser am Waffentraining und an der Erstürmung Annúminas teilnehmen konnte. „Kannst du nicht schlafen?“ So sachte wie möglich sprach er ihn an, um ihn nicht zu erschrecken. Sein Blick und seine geschwollenen Augen zeigten ihm, dass er die ganze Nacht keinen Schlaf gefunden hatte. „Nein, Herr. Ich kann nicht schlafen.“ Seine Stimme zitterte. Er setzte sich neben ihn und blickte in die Richtung der riesigen Türme der alten Herrschaftsstadt. Feuer erhellten dort den Himmel.
„Du denkst an den Morgen, nicht wahr?“ Ohne seinen jungen Knappen anzublicken, wählte er diese Worte. „Ja, Herr. Ich habe Angst.“ Er kannte diese Gedanken, die Ängste vor der ersten Schlacht. Wo vorher noch heroische Gedanken die Sinne blendeten, kamen nun die Ängste, die der Krieg mitbrachte: Verlust, Gewalt, Willkür, Tod. Die Stimme seines jungen Schützlings holte ihn aus seinen Gedanken. „Habt Ihr keine Angst, Herr?“ „Angst?“ Laut wiederholte er das Wort, das ihn vorher noch in den Träumen eingeholt hatte. „Ja, Herr. Angst. Angst zu sterben – qualvoll zu sterben.“ Freundschaftlich strich er dem Jungen über sein Haar. „Angst, selbst zu sterben? Den Tod, mein Freund, wirst du nie besiegen können. Er ist und bleibt immer ein Teil von uns. Er ist unausweichlich. Der Tod kann furchtbar sein oder eine Erlösung.“
Ungläubig sah ihn sein Gegenüber bei seinen letzten Worten an. „Nein, der Tod gibt uns ein unentbehrliches Geschenk. Wir leben unsere Tage intensiver. Unsere Zeit verläuft wechselhaft. Mal kommt es uns so vor, als ob sie uns davonfliegt und mal trabt sie wie ein Ochse vor uns her. Was ist ein Tag für einen Elb? Einer von seinen tausenden. Und für uns? Ein Geschenk. Ein Tag mehr mit uns und unseren Mitmenschen. Verstehst du, was ich meine? Für uns werden durch den Tod die Tage wertvoller und intensiver.“ Sein Knappe nickte. „Aber auch ich habe Angst.“ Sein Blick wanderte in das Feuer, das ihnen vergeblich versuchte Wärme schenkte. „Angst nach dem Kampf das Schlachtfeld abzulaufen und die Toten in das Lager zurückzutragen. Angst, Waffenbrüdern nicht zur Seite stehen zu können, wenn der Feind sie überwältigt. Nur noch ihren Todesschrei zu hören. Vor den Nächten, wenn die Todesschreie zurückkehren, wenn sie den Verstand rauben. Dann ist der Tod Erlösung.“ Er sah zu seinem Knappen, um zu sehen, wie seine Worte auf ihn gewirkt hatten. Sein Gesichtsausdruck war regungslos, tief in Gedanken. „Warum kämpfen wir dann, Herr?“ Er seufzte kurz, bevor er antwortete. „Es gibt Mächte auf dieser Welt, die uns ausrotten wollen. Nicht nur uns auf dem Schlachtfeld. Sondern auch unsere Familien und Freunde. Menschen, die unsere Tage mit Lebensfreude ausfüllen, die wir nicht verlieren möchten.“
„Herr, wer ist sie?“ Neugierig sahen ihn die jungen Augen an. Scheinbar hatte er ihn auf andere Gedanken gebracht. „Woher willst du wissen, dass ich von einer Frau spreche?“ Er musste auflachen. „Herr, eure Gefühle sind mir nicht fremd.“ „Wer hat es dir verraten?“ Schelmisch grinste ihn der Junge an. „Nun, es wurde meine Vermutung bestätigt.“
„Du hast recht. Sie kommt wie ich aus der Riddermark. Ich habe sie hier im Norden kennengelernt. Ein wundervoller Mensch. Sie lässt mich jedes Mal den Krieg vergessen. Sie lässt die Schreie verstummen und jeder Tag wird aufs Neue lebenswert.“ „Ja, Herr. So jemanden möchte man nicht verlieren. Das würde ich auch nicht wollen.“ Er nickte seinem Knappen zu und lehnte sich zurück. Der Mond begann hinter den Bergen unterzugehen und ein leuchtendes Rot kündigte den Sonnenaufgang an. „Ich denke, es wird Zeit. Sieh nach meinem Pferd und komm dann zu mir, um meine Rüstung anzulegen. Ich erwarte dich in meinem Zelt.“ Sein Knappe stand auf. „Ja, Herr!“

Auf seinem Tisch im Zelt lagen noch immer Pergament und seine Schreibfeder. Gestern wollte er noch einige Worte niederschreiben, doch die Müdigkeit der letzten Tage war ihm zuvorgekommen. Noch hatte er Zeit und so tauchte er die Feder nochmals in das Tintenfass.

Ich möchte diesen Moment nutzen, um dir Worte zu schreiben, die ich dir nie gesagt habe und wenn doch, dann viel zu selten.
Lass mich dir danken, dass ich einen so bedeutenden Platz in deinem Leben und Herzen einnehmen darf. Ich erinnere mich noch an unser Gespräch, indem du mich fragtest, ob es nicht etwas gibt, dass mein Leben lebenswert macht. Ich genieße es jeden Tag aufs Neue, dass du es bist, die mich liebt.
Könnte ich die Zeit nur zurückdrehen, ich hätte dich schon vorher gesucht und gefunden. Dieser Krieg würde dann vielleicht nie zwischen uns stehen. Wir wären noch dort, was wir Heimat nennen.
Und doch bin ich nicht traurig, dass es nun so gekommen ist. Ohne dich wäre ich nicht der, der ich nun bin. Du hast mir gezeigt, dass Hass und Gewalt nicht das Leben sind. Du hast mir gezeigt, dass Menschen auch in den dunkelsten Tagen noch lieben und hoffen können. Dafür bin ich dir unendlich dankbar.
Ich möchte mit den Worten abschließen, die mir am Herzen liegen und die hoffentlich einst meine letzten sein werden: Lycande, ich liebe dich.

Eilig rollte er das Pergament zusammen und holte die brennende Kerze von seinem Nachttisch. Er ließ einige Tropfen Wachs auf das zusammengerollte Pergament fließen. Dann ging er zu seiner Sitzbank hinüber, auf der seine Rüstung lag. Zuerst band er mit einem Ledergürtel sein Stoffhemd näher an seinen Körper und zog sich Socken und Stiefel an. Mit seinem zurückgekehrten Knappen begannen sie dann seine Rüstung anzulegen. Sein Schwert nahm er aus dem Waffenständer und befestigte es in seiner Halterung. Er mit dem Brief und der Knappe mit seinem Helm in der Hand verließen sein Zelt, vor dem Éagor schon wartete.
„Ist das Heer versammelt?“ Wieder nickte sein Begleiter. „Ja, Herr.“ „Dann lass uns nicht mehr warten und zu ihnen reiten. Komm!“ Beide saßen auf und ritten schweigend voran. Immer wieder passierten sie Männer, die wie sie auf dem Weg zu ihrem Heer waren. Viele waren gekommen. Als sie an einem älteren Mann vorbeiritten, der sein Pferd mit einigen Beuteln und Taschen belud, zog Ristred die Zügel seines Pferdes zu sich. „Warte kurz“, gab er seinem Lehrling zu verstehen und stieg vom Pferd. „Wartet Bote. Ich habe noch einen Brief, den ihr mitnehmen möget.“ Der alte Mann sah auf. „Nun, junger Mann. Ihr seid reichlich spät. Ich habe alle Briefe schon eingepackt. Da sollte ein extra Preis drin sein.“ Gierig grinsend sah ihn der Mann an, bis sein Knappe mit seinem Pferd neben ihm stand. „Euer Pferd ist so abgemagert, da solltet Ihr Euch glücklich schätzen noch ein paar Kupfermünzen mehr zu bekommen.“ Ristred hob seine Hand, um seinem Knappen Einhalt zu gebieten. „Hier, Bote, Ihr bekommt eine Silbermünze. Das muss reichen.“

Als sie das Heer erreicht hatten, sah ihn sein Knappe erwartungsvoll an. „Warte hier. Die Schlacht ist noch nicht dein Platz. Ich werde dich holen, wenn wir das Schlachtfeld ablaufen.“ Ein Nicken war die Antwort.

Epilog Annúminas
Siegreich. Mit diesem Wort kehrten sie aus Annúminas zurück. Das Wort halte, wieder und wieder durch seinen Kopf. Zurückgedrängt, so würde er es nennen. Der Feind war geflohen, nicht besiegt. Es schien nur eine Frage der Zeit, bis er wieder in die Mauern zurückkehren würde. Eine Wunde, bald nur noch eine Narbe. Mehr als das hatten sie nicht hinterlassen. Doch vielleicht war das schon mehr, als zu Beginn erwartet wurde. Doch jetzt war erst einmal die Zeit gekommen, die Toten aufzubahren, damit sie Einlass in die Hallen ihrer Väter gewährt bekamen. Und dann zu Lycande heimzukehren.


Verbunden
Sie saßen sie sich gegenüber. Neben ihnen schenkte das Kaminfeuer beiden Wärme. Die Felle, auf denen sie saßen, hatte Lycande selbst gegerbt. Ihr eigenes Heim, nicht weit von Bree. Klein, so wie sie es wollten. Ein Platz, wo sie verweilen konnten, wenn das Wetter sie nicht an den See ließ.

„Ich habe da noch eine Frage, welche mich schon längere Zeit beschäftigt.“ Ihre Stimme erfüllte den kleinen Raum. „Und nun, da ich erneut um dein Leben bangen muss, möchte ich doch eine Antwort.“ Sie streichelte mit ihrer Hand über seine Wange und führte mit leiser Stimme weiter: „Sonst werde ich vielleicht nie ruhen können.“ Mit der linken Hand strich er ihr über ihren rechten Oberschenkel, während er versuchte nicht besorgt zu schauen, aber es war ihm nicht möglich seine Gefühle vor ihr zu verbergen. Er seufzte: „Das klingt ja gar nicht gut.“ Sie nahm seine Hände in ihre und lächelte ihm zu: "Na ja, so schlimm ist nun auch wieder nicht. Ich frage mich nur einfach ..." Sie stockte kurz. „Was fragst du dich, Ly?“ Sie umschloss seine Hände stärker. „Na ja … warum ausgerechnet ich? Ich hatte in meinem bisherigen Leben immer mit dem Schicksal zu hadern, nie meinte es das Schicksal gut zu mir.“ Sie fixierte seine Augen. „Bis zu jenem Tag, als ich dich traf.“ Tief holte sie Luft. „Und das ist es, was mich so fragend zurücklässt. Du schenktest mir dein Herz und deine Liebe.“ Wieder lächelte sie ihm zu. „Doch warum ausgerechnet mir? Ich habe weder großes geleistet noch bin ich reich oder habe Einfluss. Warum dann ausgerechnet ich?“.

Ihr Gesichtsausdruck wandelte sich. Er konnte sich nicht entscheiden, wie er ihn beschreiben sollte. Besorgt, liebevoll, aufgeregt? Es war eine Mischung aus allen. Ihre Worte hallten durch seinen Kopf. Er erinnerte sich an Annúminas, wo sie ihn fand.

„Ristred, es gibt so viel für das wir kämpfen und leben dürfen. Sollte dein Vater da unten sein, nach dieser langen Zeit, so wirst du ihn nicht allein finden können.“ Sie wurde kurz still. „Hast du denn nichts mehr, dass dich hier hält?“

Ihre zahlreichen Gespräche am Ufer des Nen Harn.

„Solange ich an deiner Seite sein kann.“ Freudestrahlend antwortete sie ihm und hakte sich demonstrativ in seinen linken Arm ein. Er nickte: „Wirst du. Dafür wirst du aber auch einige hinter dir lassen müssen.“ Sie schmiegte ihre Wange an seine Schulter. „Du meinst ... meine Freunde und mein Heim?“ Wieder nickte er ihr bejahend zu: „Zumindest immer wieder für eine längere Zeit.“ Für ihre Antwort holte sie tief Luft: „Wenn ich dich dafür bekomme, dann soll es so sein. Denn ohne dich möchte ich einfach nicht mehr sein."

Er schüttelte den Kopf. „Nein, reich an Gold und groß an Einfluss bist du nicht.“ Mit leichtem Druck löste er eine Hand aus ihrer und strich ihr durchs Haar. „Aber du hast Großes geleistet.“ Er wollte ihr über die Wange streicheln, doch diese Handbewegung nutze sie, um ihren Kopf in seiner Handfläche zu betten. Ihr Blick fixierte weiterhin seinen eigenen. „Erinnerst du dich noch an unsere ersten Tage in Gaimlins Haus, Ly?“. Sie nickte behutsam, den Platz auf seiner Handfläche nicht hergebend. „Ja, an jeden einzelnen Moment.“ Er nahm tief Luft. „Mein Körper wurde wieder stark, aber innerlich blieb ich zerbrochen.“ Er beugte sich zu ihr nach vorn, um in ihr Ohr zu flüstern: „Bis du kamst.“ Innig nahm er sie in seine Arme.
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Ristred, Réadreden's Sohn

Beitrag von Ristred »

[Anm.: Einige Tage später, im späten Frühling, bekam Ristred den Auftrag nach Minas Tirith zu reisen und Informationen über einen Verräter zu sammeln, der viele Tode der Gründergeneration seiner Gemeinschaft zu verantworten hatte. Mit den Informationen, die er fand, machte er sich auf den Rückweg.]

Rückkehr
Umweg Klammtal
Laut krachend brach auch der letzte Stützbalken des Bauernhauses zusammen. Mit ihm fiel das Feuer zu Boden, das auf dem Steinboden kläglich verhungert. Kupferreste, verformt und teils verschmolzen, glühten noch schwach, der Rest des Hausinventars schien verbrannt. Asche lag rings um das Grundstück und bedeckte Erdboden und Gras. Sein Blick glitt langsam über das Gerippe des Hauses, bis er das Land dahinter erkennen konnte. Nur noch die größten Häuser, die auf der anderen Seite des Dorfes standen, vergingen noch in den Flammen. Durch den dichten Rauch waren sie kaum zu erkennen. Der Wind blies stark über die sonst grüne Ebene der Westfold und trieb Ruß, glimmende Feuerspäne und den Lärm der einstürzenden Häuser in seine Richtung. Er zog sich die Kapuze seines Umhangs tiefer ins Gesicht und begann das Haus zu umlaufen. Vor dem Brand mussten hier etwa dreißig Häuser und Scheunen gestanden haben. Keines war verschont worden. Der Dorfplatz, der im vorderen Teil der Siedlung stand, war vom Feuer unberührt. Felle, Körbe und kleineres Werkzeug lagen wie verloren im Gras. Nur zwei Eimer auf dem Brunnenrand, der das Zentrum des Platzes markierte, standen noch gefüllt auf ihrem eigenen Boden. Den Handschuh abgezogen, schöpfte er mit der freien Hand Wasser aus einem der Eimer, um sein Gesicht vom Ruß zu reinigen und die Haut abzukühlen.

Ohne den Dreck im Gesicht sah er wieder klarer über den Dorfplatz in Richtung der größeren Häuser. Nirgends war jemand zu erblicken noch Waffen zu erkennen, nur auf dem Boden, etwa vierzig Schritte vor ihm, reflektiert etwas das Feuer in einem orangeroten Licht wieder. Eine, aus vielen Brocken Bernstein zusammengesetzte Kette, lag zwischen den Gräsern und reflektierte das Lodern der Flammen. Auf den Knien hob er die Kette auf und betrachtete sie kurz. Etwa vierzig schmale Steine waren an einer kleinen Schnur befestigt und umschlossen sie vollständig. Das Haus, dessen Flammen sich in der Kette spiegelten, fiel schwerfällig in sich zusammen und die herunterfallenden Balken schlugen die glühende Asche in einen weiten Umkreis. Es war Zeit, diesen Ort zu verlassen. Doch noch im Aufstehen spürte er einen plötzlich brennenden Schmerz auf seiner rechten Wange und ein Schatten, der ihn ein zweites Mal angriff. Noch in der Bewegung erkannte er, dass es der Schatten einer jungen Frau war und der vermeintliche Schmerz von ihrem Dolch in der Hand stammte. Er zog sein Schwert, parierte den Dolchstoß des zweiten Angriffes und stieß die Angreiferin mit seinem Gewicht zu Boden. Einen Schritt fiel sie zurück und verzog ihr Gesicht vor Schmerzen. Ihre Kleidung, eine aus Leder gefertigte Hose, war vom Ruß vollständig verdeckt, ihre Stiefel in der Stoffschicht zerrissen, als sei sie durch das Unterholz gerannt, ihr Stoffhemd an den Stellen schwarz gefärbt, die ihr Umhang nicht abdeckt. Nur ihr blondes Haar hatte seine Farbe behalten, denn eine Kapuze hatte jene vor den Ruß-Wolken geschützt. Ängstlich und doch mit großen Augen sah sie zu ihm herauf. Ihre Stimme war nicht mehr als ein Flüstern. „Ihr … Ihr seid kein Dunländer?“ Er schüttelte schweigend den Kopf, während er ihr beim Aufstehen half. „Ich dachte, sie seien zurückzukommen, um unser Dorf zu plündern.“ Er zog sie an beiden Händen zu sich hoch. Ein dürftiges Entschuldigen dafür, dass sie ihm beinahe das Auge zerstochen hatte, aber so verstört, wie sieh um sich sah, war der Satz wohl schon mehr als er erwarten konnte. „Wir sollten diesen Ort hier verlassen. Reicht mir Euren Dolch und ich trage Euch zu meinem Rastplatz.“ Eine weitere Wunde mit der Klinge musste nicht sein. Sie sah ihn kurz zögernd an, reichte ihm aber dann das Messer und ermöglichte es ihm sie aus dem Dorf tragen. Ihr Körper zitterte und unter ihrer Kapuze erschienen tropfende Schweißperlen.
Ein kleiner gestapelter Steinhaufen zeigte ihm den Weg an, den er rasch aufgebaut hatte, um den Weg zu seinem versteckten Ross zurückzufinden, als er zu Fuß loseilte, um die Verwüstung aus der Nähe erkunden wollte, die solch große schwarze Rauchwolken aufsteigen ließ. Er blickte wieder auf die junge Frau. Ihre Augen geschlossen, ließ sie sich durch den kühlenden Wind der Westfold tragen.
Ihr Oberkörper schien keine Blutspuren zu haben, die Kleidung war trocken, nur ihr rechtes Bein hing schwer herunter und die Lederhose war unterhalb des Knies merklich roter geworden. Der Rohirrim begann schnellere Schritte zurückzulegen, um die Wunde rascher verbinden zu können.

Maew wieherte ihm entgegen, als er hinter dem letzten Felsen auftauchte. Seine Stute, ein Geschenk seines Vaters, kennt er seit ihrer Geburt. Eomod hatte sie großgezogen und eingeritten. Als er Minas Tirith nach seinem erfüllten Auftrag verlassen hatte, blieb er für einige Tage bei seiner Familie. Er war froh, seinen Vater lebend angetroffen zu haben und seine Befürchtungen als falsch zu wissen. Réadreden war bereits an der Grenze zum Dunland gescheitert, als ihm zu spät auffiel, dass sein Nachtlager einer Gruppe Dunländer umzingelt war. Sie nahmen ihn gefangen. Wenn die Zeit reif war, sollte er als Pfand dienen. Reiter Rohans befreiten ihn, als sie ihre verhassten Feinde weiter zurück hinter ihre Landesgrenze drängen wollten. Er war nur wenige Tage vor ihm in der Fenmark wieder eingetroffen. Der Vater sah, dass Éagor zu alt und für weite Strecken nur noch begrenzt zu gebrauchen war, weshalb Eomod ihm einen Tausch mit Maew vorschlug.

„Ein schönes Ross. Gehört es Euch?“ Sie nickte in die Richtung seines Pferdes. „Maew ist ihr Name.“ Er stellte sie auf die Beine und durchsuchte die Satteltaschen nach Verbänden und Wasser. „Die Wunde muss gereinigt werden und danach mit einem Verband zusammengepresst werden. Dann sollten wir etwas essen, ich glaube, ich habe noch etwas.“ Sie nickte erneut. „Danke.“ Der Krieger kniete sich vor ihr Bein, während die junge Frau ihr rechtes Hosenbein hochkrempelte. Die Wunde war zum Glück nicht tief und sie sollte bald geheilt sein. Der Verband ließ sich ohne Schwierigkeiten anbringen.
Kurze Zeit später saßen beide hinter dem Felsen in den Händen Trockenfleisch und etwas Brot. „Dunländer haben das Dorf angegriffen?“ Er erwartete keine Antwort. „Wagen sie sich nun schon so weit heraus.“ Sie zuckte mit dem ganzen Oberkörper. „Wir sahen sie mit Fackeln kommen und haben alles liegen lassen. Alle flohen, wohin sie konnten.“ Er griff in seine Brusttasche und holte die gefundene Bernstein-Kette hervor. „Dabei wurde diese hier verloren?“ Er hielt sie ihr hin, worauf sie sich diese einsteckte. „Ja, ich kenne die Besitzerin.“ Er erhob sich und sah in Richtung Süden. „Helms Klamm ist nicht weit von hier. Wenn wir die Nacht auf Maew durchreiten, sollten wir noch vor dem Morgengrauen in der Hornburg sein.“ Sie stellte sich neben ihn. „Ihr wollt dorthin?“ Er schüttelte den Kopf und nahm noch einen Bissen vom Brot. „Nein, aber ich denke, Ihr wollt dort nach Eurer Familie suchen und sicher nicht allein diese Strecke bewältigen, oder?“ Sie legte ihre Hand auf seine Schulter. „Ihr habt recht.“ Er wand sich dem Lager wieder zu. „Wir können gleich aufbrechen.“

Als sie das Lager beendet hatten, tauchte die untergehende Sonne die Westfold in ein dunkelrotes Licht. Die Stute ließ sich von seinen Zeichen nicht beeinflussen und ritt schneller als er es vorgab. Durch die Dämmerung waren sie immer schwieriger zu erkennen und mit dem Aufgang des Mondes nur noch zu hören. Sie lehnte sich müde an seinen Rücken. „Was treibt Euch gen Westen? Dort, wo diese Wilden herkommen?“ Der Eorlinga sah kurz hinter sich. „Ich reite nach Eriador zurück. Von Beginn an war diese Reise befristet.“ Ein Aufhorchen kam von ihr. „Ihr habt keine Familie hier, die ihr allein lasst?“ Er lachte leise auf. „Mein Vater ist noch jung genug, um seinen Hof überblicken zu können. Und sein Schwert führt er wahrscheinlich besser als ich das Meinige.“ „Dann wartet also jemand in Eriador auf Euch?“ Er schwieg. Die Antwort, dass er einem Trupp unter gondorischer Administration angehöre, würde bei ihr wohl mehr Fragen aufwerfen als die Reisezeit bis zu Helms Klamm bieten dürfte. „Ich habe eine zweite Heimat in Eriador gefunden. Eines Tages werden wir zurückkehren. Ich hoffe bald.“ Er strich mit seiner rechten Hand über Maews Kamm. „Es schmerzt mich im Herzen, die Mark in solchen Zeiten zu verlassen. Ich wurde als Eorlinga geboren und werde als Eorlinga sterben. Hier in der Mark.“ Kein Laut war mehr hinter ihm zu vernehmen, nur das Gewicht ihres Körpers, der an seinen gelehnt war, machte sie noch bemerkbar. Weshalb er die Stille zum Beenden des Themas nutzte: „Reden wir nicht weiter über den Krieg. Er wird in den kommenden Tagen unsere Gedanken genug belasten.“

Die Nacht über waren nur noch Maews Hufschläge zu hören. Der Atem der Frau ließ darauf schließen, dass sie sich in einem Halbschlaf befand. In der Morgensonne ließ sich der Klammbach erkennen, dessen Wasser die Festung bereits hinter sich gelassen hatte. An einer seichten Flussstelle zog er die Zügel, um seine Stute im langsamen Schritt durch das hüfttiefe Wasser waten zu lassen.

„Wir sind fast angekommen!“ Er konnte ihre blonden Haare im Augenwinkel sehen und ihren Arm, der eher als Geste nach vorne zeigte. Vor ihnen baute sich der Hornfelsen auf, der die Burg trägt. Maew blieb vor dem Fußweg, der zum Helms Damm führt, stehen, um beiden Reitern die Möglichkeit zu geben, abzusitzen. „Viel Glück bei der Suche nach Eurer Familie und Freunden.“ Er reichte ihr die Hand. „Vielen Dank für Euren Schutz. Mögen die Straßen frei von Unheil sein, wenn Ihr sie beschreitet.“ Ihre Hand drückte die Seine. Dann stieg sie die ersten sieben Stufen der Treppe, hob nochmals der Hand zum Abschied und wandte sich dann ganz dem Aufstieg zu.
Mit ein paar Handgriffen überprüfte er die Schnallen des Sattels auf ihre Festigkeit, saß dann wieder auf und flüsterte zu Maew: „Bis zum Nachmittag reisen wir noch, dann schlagen wir unser Nachtlager auf.“ Die Stute begann ihren Schritt nach Nordwesten zu richten und die Schlucht hinter sich zu lassen.


Truppenhaus
He, Ristred. Maew scheint Euch ja kaum tragen zu können, wenn wir vor Euch an der Pforte sind!“ Aus dem Schatten eines großen Felsen führte Eomod sein Pferd heraus, zwei Reiter ihm folgend. Der hinterste, ein Handpferd führend. Der Gerufene sah überrascht den Älteren an. „Der Weg wird scheinbar von Rache und Wut verschlungen, da hielt ich mich lieber im Süden auf.“ Von den vergangenen Tagen zu berichten, würde ihm noch mehr Zeit kosten, aber sein Gegenüber schien es auch nicht weiter zu interessieren. Dieser nickte lediglich, sah zu den Ausläufern des Nebelgebirges, verzog das Gesicht zu grimmigen Zügen und trat dann näher an ihn heran. „Hört mir zu! Auch wenn erst wenige Tage vergangen sind, als Ihr Maew mitnahmt, möchte ich Euch bitten, sie mir für zwei oder drei Tragzeiten zu geben. Wir haben drei Stuten an einem Tag verloren, ich muss den Verlust für die Zucht auffangen.“ Eomod gab dem hinteren Reiter ein Handzeichen und dieser brachte das reiterlose Pferd. „Ich möchte Euch als Ersatz Andwis geben. Jünger als Maew, aber alt genug, um Euch auf jeder Reise zu tragen.“ Ristred stieg ab und reichte Eomod die Hand. „Wenn ich Euch helfen kann, alter Freund, dann will ich dies tun. Es wird reichen, wenn wir die Sattel und die Taschen tauschen.“

Die Dunkelheit der Nacht verschlang das restliche Abendrot, als sich Pferd und Reiter den ersten Siedlungen im Breeland näherten. „Denkt an Eure Heimat!“ Seit bereits neunzehn Tagen hatte er sich von Eomod verabschiedet und die Grenzen der Mark hinter sich gelassen. Nur die Worte, die ihn verabschiedet hatten, blieben hängen, als wären sie mit seinem neuen Hengst verwoben. „Denkt an Eure Heimat!“ Seine Heimat? Der Ort, an dem er geboren und aufgewachsen war? Die Fenmark. Sein Vater. Die Menschen in seiner Siedlung. Dort, wo er die Geschichten und Lieder über Eorl, Brego, Folca und Helm Hammerhand lernte. Dort, wo er sein erstes Pferd bekam.
Seine neue Heimat? Fern ab der Mark, seiner Kultur, seiner Sprache. Seine Frau. Sie, die ihn die Schreie, die Feuer, die Wut, die Trauer vergessen ließ. Die ihn nach vorn‘ blicken ließ und nicht zurück. Sie, die ihn lehrte, dass er mehr als nur ein Krieger ist.

Er wies Andwis an den Hügel hinaufzulaufen, dem höchst stehenden Gebäude entgegen, dessen Garten von zwei Laternen erleuchtet wird. Vor der Tür stieg er ab, entlud das Gepäck und führte sein Pferd in den Stall. Müde und erschöpft nahm er den Striegel und massierte den schweren Körper seines Hengstes, der sich noch während des striegeln einschlief. Da legte auch er die Bürste beiseite, nahm auf dem Weg sein Gepäck auf und betrat das Haus seiner Gemeinschaft. Die Feuer waren in der Eingangshalle bereits erloschen, nur in der Haupthalle schien im hintersten Bereich noch ein kleines Kerzenlicht. Über dem Tisch, auf dem die Kerze stand, beugte sich ein großer Körper. Immer wieder eine weitere Rolle aus einem Stapel ziehend. „Egin!“ Der Anblick eines alten Bekannten ließ ihn für einige Augenblicke seine Müdigkeit vergessen, sein Gepäck ablegen und auf den Tisch zugehen.
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Ristred
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Ristred, Réadreden's Sohn

Beitrag von Ristred »


In der Mark das erste Licht
des Meringsstromes Ufer nah
hocherhaben Halifirien in Sicht
dort wo der Schwur Eorls war
im Firienwald verborgen dicht
kalter Tod ihm in die Augen sah
letzter Schrei die Unschuld bricht
die Last der Erinnerung gebar


Kindheitserinnerungen - Halifirien
Die Stimme seines Vaters drang durch die Holzwände bis zu ihm in das Waschzimmer. „Er hätte es nicht mit ansehen sollen, Nesani, so etwas muss er in seinen jungen Jahren nicht erleben.“ Frustration und Zweifel klangen in den Worten. Emotionen, die er von seinem Vater nicht kannte. „Beruhige dich Réadreden, du konntest es nicht wissen!“ Sanft sprach seine Mutter auf ihn ein, aber sie erreichte ihn nicht. „Die Orks haben ihn förmlich abgeschlachtet. An Hals und Bauch aufgeschlitzt. Ihn in Strömen bluten lassen, bis sie ihm das Genick brachen.“ Die Männerstimme verstummte. Leises Flüstern hörte er von seiner Mutter, konnte sie aber nicht verstehen.

Das klare Wasser entfernte auch den letzten Dreck aus Gesicht und Händen. Mehrmals hatte er sein Gesicht in den Holzbottich eingetaucht und so kräftig im Wasser ausgeatmet, dass die Luftblasen zur Wasseroberfläche aufstiegen. Er liebte das Geräusch, wenn die Luftblasen an seinem Ohr vorbei an der Oberfläche aufplatzen. „Dürfen Ristred und ich noch etwas nach draußen?“ Éawyn schien das Zimmer betreten zu haben, wo Vater und Mutter vorhin noch miteinander sprachen. Sie war die Tochter von Eomod. Er und seine Frau waren nach Edoras gereist, um dort Pferde aus ihrer Zucht ihren Käufern zu überbringen. Éawyn blieb so lange bei ihnen. Er konnte förmlich seinen Vater Luftholen hören, aber die Stimme seiner Mutter kam ihm zuvor. „Ja, aber bleibt auf der eingezäunten Wiese vor dem Haus, sodass wir euch sehen können.“ Leichte Schritte rannten aus dem Zimmer und eine junge Mädchenstimme erfüllte das Haus: „Ristred, ich habe dein Pferd und reite es aus!“ Schnell zog er sich seine Stiefel an. Leinenhose und Stoffhemd sollten in dieser warmen Sommernacht reichen. Kein zukünftiger Reiter der Mark lässt sich sein Pferd nehmen. Flink huscht er durch die spärlich geöffneter Waschraumtüre und rannte nach draußen. Éawyn war auf dem Steckenpferd noch nicht weit gekommen. Er brauchte nicht lange, bis er sie eingeholt hatte und den Stock ergriffen hatte. Beide stolperten auf Grund des plötzlichen Halts und blieben nach dem Fall auf dem Rücken liegen.

Der Nachthimmel war klar und die Sterne hell. Keine Wolke störte die Sicht. Ruhig hörte er seinen hastigen Atem zur Ruhe kommen. Er mochte diese Stille, draußen, die schlafende Tierwelt um sich und doch nicht allein. Die Gipfel der Berge waren in der Nacht nur große Schatten. „Meinst du, von dort oben kann man das Meer sehen?“ Fragend sah er Éawyn an. „Vom Halifirien bestimmt! Konntest du es nicht von Mundburg aussehen?“ Er war vor einem Jahr mit seinen Eltern dort. Die Schwester seiner Mutter hatte ein Kind geboren und sie wollten gratulieren. Sein Vater und er waren zum ersten Mal in der Weißen Stadt gewesen. Sie waren von ihrer Größe überwältigt. Nur der glatte, kalte Stein störte sie. „Nein, Mutter sagt, dass es noch einige Tage zu Pferd braucht, bis das Meer zu sehen ist. Ich hätte es gern gesehen.“ Er seufzte. „Es soll bis zum Horizont gehen. Alles vor dir nur Wasser, keine Berge, sondern nur blau, bis es im Himmel verschwindet.“ Nachdenkliches Schweigen lag zwischen den Beiden, das nur von einer Eule durchbrochen wurde. „Ob man vom Halifirien die Sterne berühren kann?“ Éawyn starte bei ihrer Frage auf die Bergkette. „Er ist oft höher als die Wolken. Bestimmt!“ Bei seiner Antworte lachte sie freudig auf. „Dann will ich so einen Stern meinen Eltern mitbringen. Dann haben wir auch Licht in der dunkelsten Nacht.“ Mit ihrer Hand deutete sie ihm einen besonders hellen Stern. Mit seinen Augen folgte er ihrem Fingerzeig. „Ob dort oben auch die Hallen unserer Väter sind?“ Es war eine Frage, die ihn schon längere Zeit beschäftigt. Éawyn wandte ihren Körper ihm zu: „Dann schauen sie sicherlich auf uns hinab.“

Er konnte aus dem Augenwinkel seine Eltern vor der Eingangstüre sehen. Sein Vater hatte den linken Arm um seine Frau gelegt und streichelte mit der Rechten ihren schwangeren Bauch. „Ich habe deinen Vater gehört. Was war passiert?“ Scheinbar hatte auch Éawyn seine Eltern gesehen. „Vater und ich waren auf der Jagd im Firienwald. Nicht weit hinein, hörten wir Schwerter klirren. Als wir ankamen, sahen wir zwei Orks und einen Jäger vor ihnen auf seinen Knien.“ Er atmete laut auf. „Sein Bauch und Hals bluteten, sein Blick war leer. Als die Orks uns sahen, schrie er laut auf, dann brachen sie sein Genick.“ Seine Stimme wurde zittrig. „Sein letzter Atemzug war ein Schrei. Ich höre ihn immer noch.“ „Glaubst du, der Schrei geht wieder fort?“ Seine Stimme war mehr ein Flüsterton: „Ich hoffe es.“ Wieder lag Stille über den beiden. Er spürte, wie Tränen seine Wange herunterliefen. „Ich habe Angst, Éawyn.“ Vorsichtig berührte ihre Hand seine. „Brauchst du nicht, dein Vater ist hier.“ Sie stand auf, während er noch im Gras lag. „Ich habe Angst vor mir.“ Er schluckte trocken. „Ich spüre keine Trauer, nur Wut.“
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Ristred
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Das innere Niemandsland
Das Zirpen der Grillen erfüllte die nächtliche Stille. Ein voller Mond warf sein Licht auf die Landschaft und lies die Wetterberge als dunkle Schatten gen Himmel wachsen. Im Tal wuchsen nur vereinzelt Bäume und Büsche in dem kieshaltigen Kalkstein. Gute Ohren konnten die Nachträuber erhorchen, die nachts ihre Beute aufsuchten. Aber in einer solchen Vollmondnacht waren sie auch mit dem bloßen Auge zu sehen.

Er saß auf der Bettkante. Von hier aus konnte er, links von ihm, aus dem Fenster des Gasthauses schauen. Ihm gegenüber, an die Wand geschoben, stand ein einfacher Holztisch. Darauf ein Holzbrett, bestückt mit Brot und Käse. Daneben eine Kerze, gehalten von einem Kerzenhalter aus Messing, ein Pergament, ein kleines verschraubbares Tintenfass und ein Schreibkiel. Am unteren Teil des Zimmers, nahe der Tür und keine drei Schritte von ihm entfernt, erwärmte ein kleines Kaminfeuer einen Kupferkessel mit Wasser. Sein Schwert lehnte gegen die untere Bettkante, sein Dolch lag auf dem Bett rechts neben ihm. Die Rüstung und Stiefel hatte er abgelegt. Nur noch seine Leinenhose und Kette trug er. Deutlich zeigten sich auf der Haut die Druckstellen seiner schweren Kleidung. Zwei Narben waren stumme Zeugen vergangener Schlachten. Eine schnitt sich von seiner rechten Schulter bis unter die Linke durch die Haut. Die Klinge eines Dunländers war ihr Ursprung. Die Zweite am Oberbauch war der Rest einer verheilten Pfeilwunde. Es war ein Pfeil von dunkler Herkunft, mit solchem Hass geschossen, dass selbst seine Rüstung ihn nicht aufhalten konnte. Sein Blick fiel auf seine Kette. Es war ersichtlich, dass er das gravierte Amulett regelmäßig pflegte. Doch weder Kaminfeuer noch der Mond spendeten genug Licht, um die Gravur zu erkennen.

Beide ihrer Hände verbargen das Geschenk. „Und du Schatz, du schließt jetzt die Augen und hältst deine Hand zu mir hin.“ Er schloss, wie sie ihn gebeten hatte, seine Augen und hielt ihr seine rechte Hand flach hin. Nachdem sie ihm einen Kuss auf die Lippen gegeben hatte, legte sie etwas Kleines in seine Hand. Behutsam schloss sie die Hand wieder. „Jetzt darfst du schauen.“ Er ließ seine Augen noch für einen kurzen Augenblick geschlossen und führte mit dem Daumen über ihr Geschenk. Als sein Finger den Schriftzug auf dem Amulett ertastete, öffnete er seine Augen. Sie hielt ihm ein Zweites entgegen. „Es soll dich immer an mich erinnern, sollten sich unsere Wege auch trennen, so trägst du nun immer einen Teil von mir. Auch ich trage nun das passende Gegenstück.“

Er verbarg die Augen hinter seinen Händen. Ihre Stimme hallte nur noch leise in seinem Kopf. Nicht mehr als ein schwaches Flüstern. Ein Flüstern, das er nicht mehr loslassen wollte.

Einige Wochen war es her, als er Anrangar das letzte Mal eine Nachricht sandte. Es gab keine neuen Erkenntnisse zu berichten. Mehr Zeit als er eingeplant hatte, suchte er nach einem sicheren Weg, zu den von Egin beschriebenen Bibliotheken, da die meisten Pfade immer mehr ihrem natürlichen Ursprung glichen. Am Ende fand er ihn. Kaum begehbar, viele wilde Tiere, die sich in den vielen Hügeln und Höhlen eingenistet haben. Hatte er anders erwartet, in einem Land, wo Bären und Raubkatzen keine natürlichen Fressfeinde hatten?
Langsam erhob er sich, ging zwei Schritte in Richtung des Tisches und stütze sich mit beiden Händen über das Pergament, um den Brief noch einmal zu lesen.

Anrangar,
in der Hoffnung Spuren von unseren Waffenbrüdern zu finden, brach ich gen Osten auf. Ich folgte der Ost-West-Straße, bis sie sich in den Hügeln in kaum erkennbare Trampelpfade und Wildwuchs auflöste. Mehrere Tage suchte ich nach einem Pfad, der südlich führt, weg von den Hügeln. Ich wurde fündig. Es muss der Weg sein, den einige der unseren in ihrem plötzlichen Aufbruch gewählt haben. Daran habe ich keinen Zweifel. Aber viele wilde Tiere hausen hier. Mich beschlich das Gefühl, beobachtet zu werden, aber ich konnte niemanden sehen. So gut es mir möglich war, habe ich eine Karte von meinem Fund erstellt. Diese lege ich dieser Botschaft bei. Mein Weg wird bald zurück in das Breeland führen.

Ristred

Er rollte den Brief ein und tröpfelte Kerzenwachs auf das Ende des Pergaments, um den Brief zuverlässig zu verschließen. In der Frühe wollte er ihn einem Boten übergeben, dass dieser seinen Weg in das Gasthaus von Bree fand. Der dortige Wirt wird den Empfänger finden.

Mit einer Schöpfkelle füllte er etwas von dem warmen Wasser in eine metallene Schale und stellte diese vor das Bett auf den Boden. Aus einer seiner Reisetaschen zog er ein etwa drei Handflächen großes Stück Stoff, legte dieses in das warme Wasser und setzte sich wieder auf die Bettkante. Zuerst reinigte er die Hände im Wasser von Dreck und Staub, der sich wie ein dunkler Nebel im Wasser ausbreitete. Ausgewrungen, wischte er sich dann mit dem Lappen durch das Gesicht. Als er damit begann seinen linken Arm zu reinigen, verweilte der Stoff für einen kurzen Augenblick auf seinem Oberarm. Er legte den Lappen zurück in das Wasser und fuhr noch einmal mit den Daumen über die Linien der Tätowierung. Zuerst über das „L“ dann über das „y“.

„Du hast mir so gefehlt.“ Mit ihren Armen umschloss sie seinen Oberkörper, ihren Kopf auf seiner linken Schulter ruhend. Zärtlich streichelte er über ihren Kopf. „Ich trage dich immer bei mir.“ Kurz holte er Luft. „Dreimal.“ Sie hob ihren Kopf und musterte ihn. „Dreimal?“. Er nickte in die Richtung seines linken Armes, zog dann seine Kette hoch, damit ihr Medaillon sichtbar wurde. Zum Schluss führte er ihre rechte Hand an seine linke Brust. „Dann kannst du mich nicht vergessen.“ Strahlend lächelte sie ihm zu.

Wie oft hatte er sich vorgenommen, die Vergangenheit zu vergessen? Die Zeit, sie verwischen zu lassen? Aber wollte er diese Erinnerungen überhaupt vergessen? Hielt er nicht doch an ihnen fest?
Mehr Zeit hatte er ihr versprochen. Ein Weg abseits von Schlachten. Stille von Waffengeklirr. Stille von den letzten Atemzügen seiner Waffenbrüder. Krieg wurde zur Antwort. Diese ersehnte Stille hatte er nun hier; hier in diesem Gasthauszimmer. Eine Stille, in der Schwert und Dolch nur eine Armlänge von ihm entfernt lagen. Eine Armlänge davor, alles zu vergessen.

„Warum ausgerechnet ich?“ Sie sah ihn erwartungsvoll an. „Du schenktest mir dein Herz und deine Liebe.“ Liebevoll strich sie mit ihrer Hand über sein Gesicht. „Doch warum ausgerechnet mir?“

Nur ein Dolchstoß entfernt alles zu vergessen. Er begrub sein Gesicht wieder in seinen Händen. Nicht heute. Nicht, solange er sich wehren konnte.
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Ristred, Réadreden's Sohn

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Asche aus des Feuers Glut,
wo die letzte Hoffnung glimmt.
Des erfahrenen Kriegers Mut,
flüchtig mit dem Rauch entrinnt.
Schmerz bis ins eigne Blut,
der den schwarzen Tag bestimmt.
Nur noch Asche nur noch Wut,
der innere Konflikt erneut beginnt


Ausgebrannt
Wenn er die Hand ausstreckte, konnte er noch immer das heiße Steinfundament spüren. Wenn er die Augen schloss, sah er noch immer das verkohlte Holz und das verschmolzene Metall. Wenn er durch die Nase einatmete, roch er noch immer den schwarzen Rauch. Wenn er in sich hineinfühlte, spürte er noch immer diese ziellose Wut. Zwei Tage hatte er auf die Steine gestarrt als, ob dort die Antwort auf seine Frage erscheinen würde. Wie ein Geier kreisend um seine sterbende Beute beobachtete er seine Hoffnung, die mit jedem Atemzug von seiner Wut verschlungen wurde. Schlaf konnte er keinen finden. Immer, wenn er eindöste, rissen ihn die Schreie wieder wach. Erinnerungen, lange Zeit verdrängt, doch nie vergessen. Erwacht durch einen Schmerz, den er schon lange nicht mehr gespürt hatte. Der Körper zitterte durch seine angespannte Muskulatur. Seine Hände begannen taub zu werden, weil sie sich seit Stunden nicht von dem Schwertgriff gelösten hatten, um den sitzend nach vorne gebeugtem Körper zu stützen. Schwerfällig erhob er sich, ließ sein Schwert fallen, doch seine Beine gaben nach. Gestützt auf Knien und Händen versuchte er sein Gleichgewicht wiederzufinden. Seine Muskulatur zitterte noch immer und im Körper breitete sich eine Hitze aus, die ihn aus jeder Pore schwitzen ließ. Die Welt um ihn begann sich zu bewegen und dann zu drehen. Er schloss die Augen, aber er konnte nicht mehr verhindern, dass er erbrechen musste. Mit tiefen bewussten Atemzügen versuchte er wieder Kontrolle über seinen Körper zu erlangen. Er ergriff das Heft seines Schwertes und richtete sich mit dessen Hilfe nochmals auf. Nur langsam hörten seine Beine auf zu zittern. Direkt hinter sich hörte er Andwis‘ Schnaufen. Sein Ross hatte die letzten zwei Tage hinter ihm in der Wiese gegrast, aber sich nie weit entfernt. Am Sattel befestigte er seine Klinge und ging nochmals zurück zur Ruine ihres Hauses, um etwas Asche in einen kleinen Beutel zu füllen. Mühsamer als sonst sattelte er auf. Sein Pferd trabte gleich los. Es schien den Weg zu kennen, den er nehmen wollte: Gen Norden.

Die Sonne ging hinter den Wetterbergen unter. Ein kräftiges Orange übergehend in ein tiefes Rot färbte den Horizont. Der Gesang von Sperlingsvögeln verabschiedete die warmen Strahlen der Sonne. Die Wärme hatten ihn den ganzen Tag nicht erreicht. Zwei Tage und zwei Nächte waren da nur diese Leere: keine Gedanken, keine Fragen, nur Sein. Langsam, auf dem Rücken seines Pferdes, kamen die Fragen. Fragen, wie es nur zustande gekommen war. Warum? Als Antwort kamen Vorwürfe. Vorwürfe an sich selbst. Warum war er nicht bei ihr geblieben? War der Sold für ihren Unterhalt wichtiger gewesen als seine Anwesenheit? War die Loyalität zu einem Hause Gondors und seiner Truhe wichtiger als seine Liebe zu ihr? Warum hatte sie ihn nie verstanden?

Andwis blieb einige Meter vor dem Ufer des Nen Harns stehen, windgeschützt neben einem großen Findling. Oft waren sie hier gewesen. Hier hatten sie ihren wichtigsten Moment miteinander. Ein Ort, der im Frieden schenkte. Nicht heute. Er wühlte in seiner Brusttasche und holte einen Brief hervor. Vorsichtig rollte er ihn auf.

... Ja, nicht einmal eine Auskunft gebend, wann ich meinen geliebten Mann wieder in meine Arme schließen kann. Ohne dich ist hier alles so leer, so kühl, und es wird von Tag zu Tag schwerer hier zu bleiben und auf dich zu warten. Ich fühle mich allein. Allein mit meinen Sorgen und Problemen. Ich weiß nicht, wohin damit. Ich habe einen großen Fehler begangen und habe so einige Leute, die mir vertrauen in Gefahr gebracht. Ich habe niemanden mit dem ich darüber reden kann.

Ein schmerzender Stich durchbrach sein Herz. Er versuchte, ihn mit seiner Hand zu ergreifen, aber sein Schlag endete an seiner Brust. Langsam ging er die letzten Schritte zum Ufer, berührte mit seiner rechten Hand das kühle Wasser. Es war klar. Er konnte dem Seebett einige Meter mit den Augen folgen, bevor es von der Tiefe verschluckt wurde.

Was ist denn mit mir? Ich brauche dich doch auch. An dem Tag unserer Hochzeit dachte ich, von nun an hätte ich den Menschen, der mir die Kraft gibt, niemals aufzugeben, an meiner Seite. Ich dachte, wir können von nun an unsere Probleme gemeinsam lösen und uns etwas zusammen aufbauen, vielleicht sogar eines Tages eine Familie gründen. Doch sag mir wie soll das gehen? Wie soll es gehen, wenn du mich hier allein zurücklässt...

Vorsichtig löste er das Band, das seinen mit etwas Asche gefüllten Beutel verschloss. Mit festem Griff drückte er die Aschebrocken zu Pulver. Etwas von diesem Pulver stieg in die Luft und ließ seine Augen tränen.

Du weißt, ich schätze dich sehr und versuche dich zu verstehen, doch es fällt mir nicht leicht. Ich brauche dich!

Deine Ly

Für einige Schritte drang er in das Wasser ein, soweit, bis das Nass den Schafft seiner Stiefel erreichte. Gleichmäßig verteilte er die Asche auf der Wasseroberfläche, die der See stetig zu sich in die Mitte holte. Er wollte diese Stille mit seiner Stimme durchbrechen, aber seine Worte versagten. Die Erschöpfung überwältigte seinen Körper und zurück am Ufer erreichte der Schlaf ihn endlich.

Sie ließ den Bogen zum Boden gleiten. Das Gras fing ihn sanft auf. „Im Umgang mit dem Bogen bin ich noch sicher, auch wenn ich ihn schon lange nicht mehr brauchte.“ Er nahm ihre freigewordene Hand in seine. „Zum Glück bist du dafür nicht hier.“ „Nein, das bin ich wirklich nicht. Aber wenn ich helfen kann, dann werde ich es tun.“ Er atmete tief durch. „Das tust du gerade.“ „Ach was. Das, was ich jetzt mache, war nur schon längst überfällig.“ Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Ich hoffe, dann bleibt das unser ganzes Leben überfällig.“ „Heißt das, du kannst dich daran gewöhnen?“ „Lycande, ich kann… ich will nicht mehr auf dich verzichten müssen. Mir ist der Ort gleich geworden. Nur noch du.“ Ein leises Flüstern kam von ihr zurück. „Ja, ich bin hier, hier bei dir.“ „Ich kann mich daran gewöhnen.“ Sie lächelte ihm liebevoll zu. „Dann fange schon mal damit an. Vielleicht ist das ja nun endlich unsere gemeinsame Zukunft. Tag für Tag, Seite an Seite, nur mit dir.“ „Ich liebe dich, Ly.“ „Ich liebe dich auch.“
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Ristred
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Ristred, Réadreden's Sohn

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Dichter Nebel raubt die Sicht
Schatten aus vergangener Zeit
Dunkelheit wo sonst war Licht
tiefe Trauer treibt sich breit
Ihre Stimme nicht mehr spricht
einsam was war einst zu zweit
Ohnmacht, die den Willen bricht
zerbrochen was war einst ein Eid


Auf ein Wiedersehen
Kräftig rüttelte eine breite Hand an seiner Schulter. Eine bekannte Stimme rief seinen Namen. Langsam wurde sein Atem aus dem ruhenden Rhythmus aufgeweckt. Der steife Nacken sträubte sich gegen die lustlose Anstrengung, den Kopf zu heben. Nur eine Handbreit hob sich der Kopf, bevor er wieder in seine Ausgangslage zurückfiel. Der dumpfe Schmerz beim Aufprall ließ ihn wissen, dass seine Stirn nicht auf dem Kopfkissen gebettet war, sondern auf dem Holzboden. „Wacht auf!“ Während die eine Hand immer noch seine Schulter ergriff, schob sich eine andere Hand unter seinen Oberkörper. Ohne große Anstrengung wurde er auf seinen Rücken gedreht. Sonnenstrahlen erwärmten sein Gesicht und füllten ihn langsam mit Leben. Vorsichtig blinzelte er, um zu erkennen, wo er war. Über ihm gebeugt, kniete ein Zwerg, dessen langer weißer Bart direkt über seinen Augen schwang. Er erkannte das, nun geöffnete, Fenster, aus dem er letzte Nacht die Nachträuber bei der Jagd beobachtete und seine jüngsten Ausgekundschafteten auf Pergament niedergeschrieben hatte. „Ihr schaut schlecht aus, alter Freund. Immerhin murmelt Ihr nicht mehr in euch hinein.“ Der Zwerg setzte ihn auf, hielt aber weiterhin seinen Oberkörper aufrecht.
„Gaimlin? Was macht Ihr hier?“ Mit langsamen Bewegungen seiner Hand, versuchte er die Verspannung aus seinem Nacken zu massieren. Die Muskulatur war hart wie Stein. Der Ertrag, den er für die ungewöhnliche Schlafposition erhielt. Neben ihm lag noch immer die metallene Schale, gefüllt mit Wasser. Wann war er gestern eingeschlafen? Er sah hinauf zum Tisch. Sein Brief lag noch dort, wo er ihn vorige Nacht verschlossen hatte. „Wie es scheint, Euch ein zweites Mal vom Boden auflesen.“ Gaimlin musterte seine Schädeldecke. „Nur dieses Mal ohne äußere Kopfverletzung. Versucht einmal aufzustehen.“ Der Zwerg griff ihm unter die Schultern und hob ihn zu sich hoch, bis er sich ohne großen Aufwand selbst aufrichten konnte. Gaimlin hatte sich äußerlich kaum verändert, er sah genauso aus wie zu der Zeit als er noch seine Kopfverletzung kurierte. Nur der weiße Bart war nun bis auf Bauchhöhe gewachsen und an beiden äußeren Enden zusammengebunden. „Ihr kommt immer noch hier her, wenn es Euch schlecht geht. Als euer Heim leer stand, ahnte ich schon, wo Ihr euch aufhaltet.“ Gaimlin hob die Schüssel auf und schüttete das Wasser aus dem Fenster. „Packen wir eure Sachen und kehren in euer Haus zurück.“

Von dem frühen Sommerregen lag noch ein feucht erdiger Geruch in der Luft. Die Sonne stand kurz vor dem Zenit und erhellte das wolkenfreie Blau. Mehrere Stimmen erklangen aus den benachbarten Häusern. Kinder, die spielten, Erwachsene die lachten und sich quer über die Gärten hinweg riefen. Vor seinem Haus blieb er stehen und schaute auf den Zwerg zurück, der noch einige Schritte hinter ihm die Hügel erklomm, während er Hobbitlieder zwei Oktaven tiefer vor sich hersang. „Ein Tor führt ins geheime Reich, und gehen wir heute dran vorbei, steht morgen dieser Weg uns frei: der fremde, der verborgene Pfad, der der Sonn’, dem Mond bald naht.“ Die hölzerne Tür ließ sich unter lautem Knarzen öffnen. Stickig und staubige Luft schlug ihm entgegen. Instinktiv drehte er sich wieder vom Hauseingang weg. Wie dünne Nebelschwaden floh die Staubwolke aus der Haustür in die frische Luft. Seine Augen wurden wässrig, zum Trocknen musste die verdreckten Handrücken herhalten. Er war doch länger weg gewesen als es sich angefühlt hatte. „Hilft wohl nicht viel. Die Fenster müssen auf!“. Der Zwerg wies demonstrativ auf das erste Fenster neben der Eingangstür. Sieben Fenster waren zu öffnen, die letzten beiden in der Küche. Der frische Wind blies den Staub aus dem Raum und ließ beide besser Luft holen. „Gaimlin, ich habe hier nur ein Fass Met, mit dem wir die Trinkschläuche füllen könnten. Die anderen Gefäße sind eingestaubt."

Beide verließen wieder die Küche. Der Zwerg schritt gemächlich eine Runde durch seinen Wohnbereich. Sein Blick blieb kurz an der erloschenen Feuerstelle und am Bett im Schlafzimmer hängen. „Eine Sitzbank mit zwei Kissen vor dem Feuer, zwei Kopfkissen auf dem Bett, zwei Stühle am Esstisch. Wie lange ist sie schon fort?“
Er versuchte sich zu erinnern, aber sein Gedächtnis war eingehüllt in dichtem Nebel und einer alles umschlingende Dunkelheit. Nur Fragmente, die in keinem zeitlichen Kontext standen, die er keinem Ort zuordnen konnte noch einer Tageszeit. Fragmente, nur verbunden mit den Fäden des Nebels, bis sie in der Schwärze verschwanden. „Wochen, vielleicht Monate. Ich habe jegliches Zeitgefühl verloren.“
„Was behagt Euch noch so, dass Ihr Euch zurückzieht, Ristred?“ Sein Blick wanderte zu den Ascheresten, die den steinigen Boden der Feuerstelle bedeckten. „Die Enttäuschung, mir selbst gegenüber nicht richtig entschieden zu haben. Sie im Stich gelassen zu haben. Den Blick nur auf meine Zweifel gerichtet. Nicht auf die Gefahr, die daraus entstand.“ Gaimlin schwieg, tief in Gedanken verloren, vor sich hin. „Sie war eine junge, liebenswerte Frau.“ Der Zwerg sprach eher zu sich selbst und seiner rechten Handinnenfläche, die er mit dem linken Daumen massierte. „Ich werde sie vermissen. Bei all meinen Heilkünsten für deine Verletzung, war sie es, die wieder Leben in Euch brachte.“ Langsamen Schrittes bewegte sich sein alter Freund in die Richtung des kalten Kamins. „Ich kann mich noch gut an unsere erste Begegnung erinnern. Ich war gerade im Gespräch mit Fräulein Nymara, einer Bogenschützin, die ich auf meiner Reise zu Thorins Hallen traf, da fielen mir ihre zwei schlanke Arme von hinten um den Hals und ein „Sevorus, du bist zurück!“ in die Ohren. Als sie erkannte, dass ich nicht derjenige bin, den sie vermutete, sank sie frustriert zu Boden. Die Trauer in ihren Augen, der sorgenvolle Gesichtsausdruck, die Enttäuschung in der Körperhaltung. In gewisser Weise habt ihr euch gegenseitig aufgehoben und eine neue Heimat in Eriador gegründet. Sie war meine erste Freundschaft, die ich mit jemanden aus einem anderen Volk schloss.“ Mit einem tiefen Seufzen beendete Gaimlin seine Erinnerung. Angelehnt an den Türrahmen, der die Küche vom Wohnbereich trennte, sah er zu dem Zwerg hinüber, der immer noch in die Asche blickte. „Ich war zu sehr mit mir selbst beschäftigt. Sah nur die Bedrohung von außen, nicht die von Innen. Ich würde alles tun, um meine Fehler rückgängig zu machen. Ihre Worte zu verstehen. Ihr tiefer Wunsch bei mir zu sein, mich selbst bis an die Front zu begleiten, auch wenn ich zum Schutz für uns beide das Heer hätte verlassen können. Ich war nur Söldner ...“

„Wohin treibt es Euch genau, Gaimlin?“ Er sträubte sich weiter über vergangene Erfahrungen sprechen und der Zwerg schien ihm entgegenzukommen. „Erebor. Zu König Dáin.“ Er sah den Zwerg erstaunt an, das Leder an seinem breiten Handgelenk trug, seit sie sich kannten das Wappen der Ered Mithrin. „Sind die Grauen Berge nicht Eure Heimat?“ Gaimlin nickte bejahend. „Ich kehre, wie einige meines Volkes, zurück zum Einsamen Berg.“ Tief holte er Atem, bevor er weitersprach. „Ostlinge werden vermehrt an den Grenzen gesichtet. Der Berg ist unsere letzte große Festung ...“ Wieder herrschte Stille zwischen ihnen, die nur von ihrem regelmäßigen Ein- und Ausatmen durchbrochen wurde. „Ihr solltet auch nach Rohan zurückkehren, Ristred. Euer König wird sicherlich jeden Reiter brauchen. Was hält Euch noch hier?“ Er zuckte ratlos seine Schultern. „Bald Gaimlin, bald, wenn die Zeit gekommen ist.“ Der Zwerg nickte ihm zustimmend zu. „Gut. Dann werde ich jetzt aufbrechen. Passt auf Euch auf, Freund. Nicht, dass Ihr wieder im Gasthaus landet.“ Beide verließen wieder das Haus, bis der Zwerg sich ihm zuwandte. „So Mahal will, werden wir uns wiedersehen.“ Sie reichten sich die Hand. „In hoffentlich besseren Tagen, Gaimlin. Eine gute Reise und mögen sich unsere Wege wieder kreuzen.“ Der Zwerg verbeugte sich zum Abschied mit einem freundschaftlichen Lächeln.
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Ristred
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Kindheitserinnerungen - Funken
Die kleine, blasse, vor lauter Zittern bebende Hand, klammerte sich an dem breiten Unterarm fest. Der Griff so verkrampft, dass die Blutadern unter der zierlichen Haut hervortraten. Verdreckt mit Erde und Staub suchte sie Halt. Halt für den gesamten Körper, weil die Beine mehr und mehr nachgeben. In den feuchten Augen spiegeln sich die Feuerfunken, die sich durch das Holz den Weg zum Boden suchen. Das Knistern hallte durch seinen Kopf, wie ein Echo in einer tiefen Höhle. Egal in welche Richtung er versuchte zu lauschen, überall nur dieses Knistern. Dabei war er nicht allein, um ihn herum standen Menschen. Alle größer als er. Den Rücken gerade, alle den Blick auf einen Punkt gerichtet. Einen Punkt, den er aufgrund seiner Größe nicht sehen konnte. Die Brustkörbe hoben und senkten sich. Aber kein vernehmbarer Atemzug, nur Knistern. Ein Knistern, das sich unentwegt ihm näherte.

Die Last der Erinnerung gebar.

„Ristred, hättest du lieber eine Schwester oder einen Bruder?“ Seine Mutter lächelte ihm am Essenstisch entgegen. Ihr Bauch hatte begonnen sich zu wölben, die Schwangerschaft war gut zu erkennen. Ihre pechschwarzen Haare reflektieren auf eine für ihn magisch wirkende Art das Sonnenlicht, das aus dem Fenster direkt auf ihren Kopf schien. Die dunkelbraunen Augen gaben ihm immer das Gefühl, sie würde aus einem Land fernab Mittelerdes kommen. Noch bevor der Sommer eintraf, war ihre Haut schon braun gebrannt. Er selbst kam nach seinem Vater. Blass und blond. Aber warum soll sein jüngeres Geschwisterkind nicht die Haare und Augen seiner Mutter bekommen? Er konnte verstehen, warum sein Vater noch immer so stolz war, Nesanis Liebe gewonnen zu haben. Und genau dieser begann sie bereits jetzt von zu harter Arbeit zu schonen. Etwas, was sie ersichtlich störte, aber es war die Art seines Vaters, seiner Mutter, die Zuneigung, die er für sie empfand, zu zeigen. Für ihn selbst bedeutete es mehr Arbeit auf dem Feld. Kartoffeln ziehen, den Roggen mit der viel zu großen Getreidesense schneiden, den Hausboden wienern. Immerhin hatten sie Ochsen für die anstrengende Feldarbeit.
„Ein Schwesterchen!“ Die Antwort kam sofort nach ihrer Frage. Er konnte die Verwunderung im Gesicht seiner Mutter sehen. „Aha! Und warum eine Schwester, kleiner Mann?“ Er grinste breit. „Dann kann ich sie Maew nennen!“ Seine Mutter würde ihm nun sicherlich durch die blonden Haare wuscheln. Glücklicherweise war der Tisch zwischen ihnen.

Die Last der Erinnerung gebar.

Aufmerksamkeit. Er wollte nur gesehen … bemerkt werden. Sein Mund war weit aufgerissen, aber kein Laut entwich ihm. Der Hals hatte sich zugeschnürt. So sehr er auch versuchte zu schreien, der Knoten wollte sich nicht lösen. Je mehr er es versuchte, desto mehr stach es in seiner Brust. Er schaut den Unterarm hoch, an dem er sich noch immer festklammert. Breiter Oberarm, der Beweis für jahrelange Feldarbeit und regelmäßiges Führen von Schwert und Speer war. Blonder Bart. Zerzaust, aber die Wangenknochen noch gut zu erkennen. Alles sah immer noch nach seinem Vater aus. Die blonden Haare waren immer noch schulterlang. Die Lachfalten um den Mund herum. Der Bruch in der Nase. Nur die Augen, sonst blau, wirkten blass. Fixierten einen Punkt. Die Pupillen bewegten sich nicht. Nicht einmal ein Blinzeln. Als wäre sein Gesicht eingefroren.

Die Last der Erinnerung gebar.

Die Segel waren gesetzt und das Boot lief langsam aus dem provisorischen Hafen aus. Viele waren gekommen, um das Schiff, die Mannschaft und den Kapitän zu verabschieden und alles Gute für die Reise zu wünschen. Unter der Flagge Rohans soll es Belegaer durchreisen und Entdeckungen, Sagen und Geschichten zurückbringen. Von Meerestieren berichten, Inseln und was auf der anderen Seite des Meeres zu sehen ist. Unter Applaus und Jubelrufen bewegte sich der Schiffskörper ohne große Mühe vorwärts. Welle für Welle weiter von seinem Ausgangspunkt entfernt. Die Motivation war groß und die Abenteuerlust hatte jeden ergriffen. Der Kapitän stand vorne am Bug, den Blick voller Entdeckungsfreude auf den Horizont gerichtet, bis das Boot plötzlich an der Tischkante zum Stehen kam. „Mama, wie lange dauert es, bis die Schiffe am Horizont verschwinden?“ Er hatte sich auf den Stuhl gekniet und lag förmlich mit dem ganzen Oberkörper auf dem Tisch, den rechten Arm so weit wie möglich ausgestreckt, damit sein kleines Schiff so fern wie nur möglich den zum Hafen umfunktionierten Schal verlassen kann. „Ristred, die Schiffe fahren nicht auf das offene Meer, sondern mit einigem Abstand entweder südlich oder nördlich die Küste entlang. Auf dem offenen Meer können sie ihre Waren nicht handeln.“ Von ihm kam nur ein enttäuschtes Seufzen. „Aber sie verlassen die Häfen in die schönsten Sonnenuntergänge, die ich je gesehen habe. Und bald wirst auch du sie sehen.“ Die lächelte ihm zu. „In wenigen Tagen hast du ein Geschwisterchen und dann auch bald das Meer vor deinen Füßen.“ Er rappelte sich wieder zurück in seinen Stuhl und hielt sein kleines Schiff hoch. „Und dann werden diese Segel in den Horizont fahren.“

Die Last der Erinnerung gebar.

Weinen. Einfach nur den Schmerz ausweinen, bis seine Mutter ihn trösten kommt. Ihn in den Arm nimmt, seinen Hinterkopf streichelt und ihn mit ihrer liebevollen Stimme wieder beruhigt. Aber die Tränen blieben trocken. Nicht einmal sein Vater sah ihn. Dessen leere Augen sahen immer noch wie eingefroren auf denselben Punkt, auf die Oberfläche des Holzhaufens, aus dem die Feuerfunken springen. Flammen spiegeln sich in dessen Augen wider, die nicht erlöschen wollen, wie das Knistern in seinem Kopf.

Die Last der Erinnerung gebar.

Eomod und einige Männer und Frauen aus den benachbarten Höfen waren gekommen, um altes Holz aufeinander zu schichten. Es wurde nicht gesprochen. Die Mienen waren finster, die Blicke gesenkt. Stock auf Stock, Holz auf Holz, bis sie eine Leiter brauchten, um noch höher schichten zu können. Er stand nur da und starrte irgendwo zwischen Holzstapel, Meringsstrom und Firienwald hin, bis sein Vater sich neben ihn stellte, er seinen Unterarm griff und sich zum Scheiterhaufen führen ließ, auf dem sein kleines Schiff, und eingewickelt in Leinen, seine Mutter und Schwester lagen.
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Ristred
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Ristred, Réadreden's Sohn

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Altes Schwert richtet müde Hand
Feindes Rückkehr Hass ernährt
Erneute Reise in südliches Land
Verfolgen wer das Geheimnis begehrt
in der Folde zweites Schicksal ihn fand
Dessen Schutz weit mehr als Silber wert
eigenes Ziel berührt den Meeressand
den tiefen Wunsch des Kindes geehrt


Wegstrecken
Prolog
Verfolgern folgen
Die Regentropfen, die sich die ganze Nacht dem Erdboden zuwandten, zwangen die Blätter der großen Eiche nachzugeben und auch das letzte Regenwasser nicht mehr der Erde fernzuhalten. Der morgendliche Nebel ließ den Baumstamm nur erahnen, wenn man wusste, wo er stand. Durch den kürzlich erloschenen Steinkamin ist das Haus in Ersward noch gemütlich warm und regte den Mann nicht dazu an, in seiner Kleidung aus dünner Wolle, das Feuer gegen den kalten nebeligen Morgen einzutauschen. Er wandte sich von dem Fenster wieder seinem Arbeitstisch zu. Nur eine flackernde Kerze in ihrem Halter und eine hastig geschriebene Notiz deckten den Holztisch. Das gesamte Haus wirkte kahl und leer, nur seine Rüstung, zwei geräumige und zwei kleinere Satteltaschen lagen auf der Sitzbank neben der Haustür. Alles war in Schubladen und Regalen untergebracht. In der Kochstelle glühte keine Kohle mehr, kein Essen war in die Küche zu finden. Das Bett war kalt, die beiden Kissen glatt. Das Linke war ihres gewesen. Nach all der Zeit war dieses Haus noch immer für zwei ausgestattet. So ungern war er hier, dass er sich nie darum bemüht hatte, ihre Sachen wegzuräumen. Sie hatten ihm auch nie notwendigen Platz genommen. Mit beiden Händen griff er nach der Kette, deren Öse sich am hinteren Teil des Nackens befand. Vorsichtig zog er das Medaillon unter seiner Kleidung hervor und legte es in seine linke Hand. Ihr Namenszug war immer noch klar zu lesen. Ein Name, der seit langem in seiner Vergangenheit lag und ihn doch so lange begleitet.

Als sein Finger den Schriftzug auf dem Amulett ertastete, öffnete er seine Augen. Sie hielt ihm ein Zweites entgegen. „Es soll dich immer an mich erinnern, sollten sich unsere Wege auch trennen, so trägst du nun immer einen Teil von mir...“

Was sollte er mit dieser Kette anfangen? War es die Gewohnheit oder der Wunsch nach emotionaler Stabilität, den er mit dem Schmuck empfand? Vielleicht auch die Erinnerung an ihre gemeinsamen Zeiten. Eine Liebe zwischen einer Helminga und einem Eorlinga, hier in Eriador entstanden und auch hier vergangen. Sich der Kette entledigen konnte er nicht, nur das Medaillon fühlte sich von Woche zu Woche fremder auf seiner Brust an. Vielleicht auf ihrem alten Kopfkissen, solange er auf seiner Suche war? Sein Gefühl wehrte sich gegen den Gedanken. Könnte das nicht ein Zeichen der Trauer sein, die ihn längst verlassen hat? Er wandte sich vom Bett ab und der obersten Schublade seiner Kommode zu, die schon lange keinen Inhalt mehr trug. Behutsam verstaute er die Kette und verschloss die Schublade wieder.

Zielgerichtet griffen seine Hände nach seiner Rüstung. Zuerst nach der Hose aus dickerer brauner Wolle, an dem Fußgelenk zusammengeschnürt. Zum Schutz, ab den Schultern bis unter die Leiste, ein Gambeson, aus weißer Wolle, gestopft mit reichlich Rohwolle. Ausgenommen eine Handbreite unter dem Ellenbogen. Dort schnallt er metallenen Armschienen um die Unterarme, auf denen das Wappen seiner Familie eingraviert ist: mächtiger Eberschädel durchstoßen durch eine Klinge, der Ort gen Süden. Die Lederstiefel waren an den Schienbeinen zusätzlich verstärkt. Der Oberkörper war zusätzlich mit einem vernieteten Brustpanzer aus Leder geschützt, wie auch die Schultern. Es waren nur wenige Verzierungen in das Leder eingeprägt. Auf Brusthöhe sah dem Gegenüberstehenden ein Eber mit grimmen Blick an. Auf der Höhe des Schultergelenks war auf beiden Seiten ein sich aufbäumendes Pferd graviert.

Ein letztes Mal stemmte er sich mit beiden Händen auf den Tisch, der kleine Zettel dazwischen.

Sie sind hier. Ich breche gen Süden auf. Hoffentlich wissen die dortigen Schriften weiter. Wir brauchen dringend Antworten.
Ich verbinde dies mit der Hoffnung, die Aufmerksamkeit des Feindes ebenfalls gen Süden zu richten.
Seid wachsam!
E

Die Notiz hatte er behalten, als sich beide Waffenbrüder voneinander verabschiedet hatten. Der eine in den Norden, der andere in den Süden. Möglichst den Feind erspähen, der ihnen nun so nah gekommen war. Seine Herkunft war herauszufinden. Auch den Verfasser der Nachricht galt es zu finden. Dies war seine Aufgabe. Sollte, wie Egin es sich erhofft, der Feind auch nach Süden wandern, dann sollte er ihn auf seinem Ross einholen können. Doch es war Eile geboten!
Sein Anführer hatte oft von den Bibliotheken Tham Mirdains gesprochen. Sie sollen sein erstes Ziel sein. Eine einfache Wegbeschreibung hatte er in den Büchern seiner Gemeinschaft gefunden. Jetzt lag es an ihm.

Langsam richtete er sich wieder auf, verbrannte den kleinen Zettel in den Flammen der Kerze und erstickte unter einem leisen Zischen das Feuer mit seinem Daumen und Zeigefinger. Mit seiner angelegten Rüstung begann er sich wie ein Fremder in seinen eigenen vier Wänden zu fühlen. Es war Zeit zu gehen. Vielleicht kann dieser Ort wieder sein Zuhause in Eriador sein, wenn er irgendwann zurückkehrt.

Seine Schritte brachten ihn zum Stall seiner Gemeinschaft, der gleich an seinem eigenen Grundstück lag. Nur noch Andwis, sein Hengst, war dort untergebracht. Er wird wohl für längere Zeit das letzte Pferd dort gewesen sein. Ein kurzes Schmunzeln huschte über seine Lippen. Es war doch eine glückliche Fügung, dass er an der Pforte von Rohan Maew gegen Andwis tauschte. Für solch lange Strecken war Andwis ausgebildet worden. Andwis war größer als seine schneeweiße Stute und von kräftiger Statur. Der Hengst wird ihn und die gut gefüllten Satteltaschen zuverlässig in den Süden tragen.


Verlorenes Wissen
Mit dem klaren Bachwasser konnte er sich den Staub und Schmutz aus dem Gesicht waschen. Auch seine Hände waren nach den drei Tagen Reise und Suchen endlich wieder rein. Am Fuß des Berges hatte er nach Anbruch der Nacht sein Nachtlager errichtet und das Rinnsal erst mit Sonnenaufgang unweit von ihm entdeckt. Es schlängelte sich den Felshang hinunter und verschwand schon bald hinter dem dichten Gras und den zahlreichen Bäumen. Der Morgennebel hatte sich am Fuße des Berges gesammelt, und ließ zaghaft die ersten Sonnenstrahlen auf das Grün scheinen, wodurch sich die bunten Blüten langsam gen Sonne öffneten. Um ihn herum zwitscherten die ersten Vögel. Ihr aufgeregtes, zwischen den Baumkronen, hüpfen, ließ die dünnen Äste erzittern.

Ruhe hatte den ersten Abschnitt seines Aufbruchs geprägt. Lediglich zwei Wegelagerer lagerten ihm, weiter im Norden Eregions, auf. Ein Seil, kniehoch, quer über die Breite des Weges gespannt, um jeden Ritt abrupt zum Halt bringen zu können. Es war ihm immer noch ein Rätsel, warum sie gerade dort Menschen auflauerten. Dieses Land war verlassen. Vereinzelte Elbische Ruinen, einst herrschaftliche Bauten, wenige Bäume verteilt über eine große kahle Landfläche. Mehr hatte Eregion nicht zu bieten. Waren es Dunländer, die ihn bedrohten? Ungewöhnlich weit im Norden, selbst für Landräuber verstecken sie sich doch immer zwischen den Felsen und Ausläufern des Nebelgebirges. Wild sahen sie aus, hochgewachsen. In einer fremden Sprache schrien sie sich zu. Ja, diese beiden Männer waren der alte Feind, der einst die Suthburg und König Helm belagerte und Edoras raubte. Doch das Schicksal war gerecht zu ihm. Zu lange brodelte in ihm der Hass, der ihn zu überwältigen drohte. Dieser konnte nun, gemeinsam mit dem Zorn der Riddermark, die Dunländer vernichten. Er selbst ein Eored, seit gut zwanzig Jahren für den Kampf zu Pferd ausgebildet. Das Pferd darauf abgerichtet, seinen Reiter zu unterstützen. Aber diese Erkenntnis kam für die Beiden zu spät. Andwis hatte sich vor dem ersten Banditen aufgebäumt und mit seinem Gewicht, den vor Schreck versteinerten Räuber, zertrampelt. Der Zweite starb durch sein Schwert, das schon zu lange niemanden mehr erschlagen hatte. Zwei tote Dunländer, getötet durch einen Eorlings. Welch besseres Zeichen gab es, um ihm zu zeigen, dass er bald in der Mark war?

Tham Mirdain, unweit von Mirobel, hatte er zuvor gefunden. Zumindest die Ruinen, die davon übriggeblieben waren. Bücher hatte diese Bibliothek schon lange nicht mehr beherbergt. Die Wände von Moos bewachsen, die Luft durch das verfaulte Wasser der Pfützen muffig. Die Hallen wurden durch Risse in der Decke vereinzelt durch Sonnenlicht durchflutet. Eingeschlagene Türen, Treppen, die in untere Räume führten, die das Licht nicht mehr erreichte. An eine Fackel hatte er nicht gedacht, als er seine Vorräte packte. Dass Tham Mirdain nur noch aus Ruinen besteht, ist ihm nie zu Gedanken gekommen. So von der Dunkelheit erblindet, wollte er die restlichen Räume nicht betreten. Die Geister längst vergessener Zeiten sollten in ihrer Ruhe nicht gestört werden. Denselben Anblick wird sicherlich auch Egin gehabt haben, sollte er diese Bibliothek aufgesucht haben. Wo aber könnte Egin noch nach Schriften suchen, die lang ersehnte Antworten geben, auf Fragen, die sich längst manifestiert hatten, die wie ein Atem im Nacken ihnen viel zu nahegekommen waren? Aufgerichtet und mit gezieltem Blick sah er gen Osten. Die Mark war nicht für ihre Archive bekannt. Sagen und Geschichten wurden von Generation zu Generation weitererzählt, in Lieder und Gesänge verfasst. Nichts, das für Egin in dieser Zeit von Interesse sein könnte. Seine Heimat wird also keine Antworten geben können. Große Städte im weiten Norden? Dort, wo einst Egin seine Herkunft beschrieb? Ihm war einst vom Einsamen Berg erzählt worden. Mächtig soll sich dieser hinter einer Stadt aufbauen, die direkt auf einem See erbaut wurde. Weitere Städte in dieser Gegend waren ihm nicht bekannt. Also Minas Tirith, wo er einst selbst für seine Gemeinschaft nach altem Wissen gesucht hatte. Die alten Archive der weißen Stadt sollen sein nächstes Ziel sein. Vielleicht wird er auf dieser Wegstrecke auch Egins vermeintliche Verfolger erspähen.


Folde
Alte bekannte Gesichter wiederzusehen, vertraute Stimme wieder zu hören, das war sein Ziel gewesen, für einige Zeit bei seinem Vater zu bleiben, für einige Tage auf dem Hof seiner Familie zu arbeiten, seine Kenntnisse über Pferde mit Eomod auffrischen, mit Éawyn am Ufer des Meringsstromes spazieren gehen. Dinge, auf die er eine lange Zeit verzichtet hatte, die aber ein wichtiger Bestandteil waren, dieses Land seine Heimat -eard- zu nennen. Der Empfang war herzlich, aber auch hastig gewesen. Die Erntezeit war angebrochen und jede Hand wurde gebraucht. Der Erdboden musste nach dem Ertrag noch bearbeitet werden. Nach dem über mehrere Tage langen Ritt war die schwere körperliche Arbeit am Pflug eine willkommene Abwechslung und bat auch reichlich Möglichkeiten für Unterhaltungen mit seinem Vater.
Dieser verstand es noch immer hervorragend, ihn wegen seiner häufigen und langen Aufenthalte in Eriador zu sticheln. Er konnte sich selbst nicht erklären, warum er den Trupp seinem Vater nicht erklären wollte. Er war diese Geheimhaltung und Verantwortung wohl schon zu lange ausgesetzt. Seit seiner damaligen Ankunft in Eriador bestimmen sie sein Handeln, wie offen er seinen Aufenthalt als Eorlinga in Eriador begründen konnte. Ein Rohirrim, in einem gondorischen Trupp, angeheuert als Söldner, der schon lange keinen Sold mehr erhalten hatte. Die Führung weihte ihn dennoch in das Geheimnis ein. Er musste nie versprechen, es mit seinem Leben zu verteidigen. Doch das Wissen übertrug ihm Verantwortung, die er nie schultern wollte. Aber verschwanden fast alle seiner Waffenbrüder, ohne jemals wieder ein Lebenszeichen zu senden. Nur noch zwei waren sie, die dieses Geheimnis bewahren, die, die Schlüssel besaßen. Sein Vater konnte die Wichtigkeit scheinbar einschätzen, da er aus freien Stücken die Ostfold nun zum dritten Male verlässt.

Eomods Zucht hatte auch in diesem Jahr wieder mehrere Fohlen hervorgebracht, die kräftig und gesund waren. Alle hatten bereits Käufer gefunden und waren wie die letzten Jahrgänge für die Eoreds gedacht. Noch konnten die Pferdezüchter die Verluste ersetzen, die den Überfallen Mordors Horden zum Opfer fielen. Éawyn hatte in der Zwischenzeit geheiratet, zwei Kinder geboren und war zu ihrem Mann in die Westfold gezogen. Eomod war sich aber sicher, dass die Kinder seiner Tochter, wenn sie nur alt genug sind, wieder zurück in die Heimat ihrer Mutter möchten, sobald sie sehen und verstehen können, welcher Arbeit ihr Großvater nachgeht.

Eomod und Readreden hatten den Schmied in Edoras beauftragt, drei Dutzend Hufeisen herzustellen. Diese galt es abzuholen. Einer Bitte, der er gerne nachkommen wird. Die alte Schmiedewerkstatt soll auch erweitert worden sein, das hatte einer der Knechte mehr nebenbei erwähnt. Es war Zeit, sich davon ein Bild zu machen. Amboss und Hammer, glühender Stahl und all die Funken. Es war ein Ort, den er als kleines Kind geliebt hatte.

Feine rote Risse zogen sich über die helle Oberfläche, jeder nicht länger als die Breite einer Fingerkuppe. Jeder Riss, wie mit chirurgischer Hand gezeichnet. Keiner glich sich mit den anderen und jeder wirkte für sich allein. Der eine von oben nach unten. Andere von links nach rechts. Scheinbar mit Absicht, kein einheitliches Motiv. Für das Auge reines Chaos, wenn es das Gesamte betrachtete. Durch das Flackern der Kerzenflammen wurde der Blick auf die helle Oberfläche gelenkt, die durch die Risse fragmentiert wirkte. Und inmitten allem sah ihn ein müder Blick an.
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Ristred, Réadreden's Sohn

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Wegstrecken
Erste Strecke
Nachtlager
Die Fackeln an der Straße, unweit von ihrem Nachtlager, spiegelten sich in seiner Klinge, die vor seinen Füßen lag, wider. Er hatte sich hingesetzt und das Schwert vor sich gelegt, als er ihr versprochen hatte, diese Nacht das Lager und vor allem sie zu schützen. Sie stimmte bereitwillig zu. Es überraschte ihn, wie schnell sie ihm vertraute, sie in eine Gegend zu begleiten, aus der sie noch vor Tagen geflohen war. Einem Fremden, den sie spät am Abend in einem fast leeren Gasthaus getroffen hatte. In Edoras, einer Stadt groß genug, dass sich nicht jeder kannte. Und nun schlief sich nur wenige Armlängen vor ihm. An derselben Stelle, wo sie allein aufgewacht war.

Er zog den Umhang enger um seinen Körper. Der Tag war milde, hatte gar angenehme Temperaturen. Dennoch war ihm kalt. Vielleicht war es auch die Müdigkeit und die doch sehr lange Wegstrecke. Sicherlich eine körperliche Erschöpfung, da die letzten zwei Tage seine Tagesplanung vollkommen geändert hatten. Oder doch die Erinnerungen an seine eigene Suche, die nie ihre Antwort gefunden hat und so nun wegen dieser Suche wieder wachgerufen wurde.
Knechte und Mägde seines Vaters, vielleicht auch Eomods, würden sich um seinen Hof kümmern. Um seine Pferde. So hat es ihm ein Knecht seines Vaters versprochen, als er die aus Edoras gebrachten und in hellbraune Jutebeutel eingepackten Hufeisen, auf seinem Hof entgegennahm. Es war die erste Reise, in die er ohne eines seiner Pferde aufgebrochen war. Die Zeit war kurz gewesen. Knappe Abschiedsworte an Andwis, Maew und Eagor, bevor er seine Rüstung anlegte und den Hof wieder verließ. Auch wenn er sich auf halber Wegstrecke gewünscht hätte, seine Hunde mitgenommen zu haben, wachten Asca und Myne nun weiterhin auf seinem Hof.

Die Fremde; er kennt nicht einmal ihren Namen noch sie seinen, betrat vor zwei oder drei Tagen, das Gasthaus, als er gerade den Jutebeutel, gut gefüllt mit Hufeisen, auf den Boden vor dem Tresen geworfen hatte. Der daraus entstandene Knall ließ sie aufschrecken und ihre Münzen verlieren. Die Erinnerung ließ ihn schmunzeln. Sie bejahte seine Frage nach einer Durchreise. Nur am nächsten Morgen zum Markt, Vorräte besorgen und weiter. Ihre Wunden im Gesicht, klare Schnitte, nicht mehr am Bluten, aber noch frisch genug, um auf den ersten Blick aufzufallen, erzählten von einer hastigen Reise oder einer Flucht.

Ihre Gesichtsmuskulatur schien verspannt. Jetzt, wo sie vor ihm schlief, konnte er die Wunden ruhiger betrachten. Sie mussten schmerzhaft gewesen sein. Vielleicht waren sie es immer noch. Sie hatten sich tief in ihr Fleisch versenkt. Die Risse waren immer noch rot vom getrockneten Blut. Von einem Dornenbusch. So erzählte sie es. Sie hatte gerade dort ihren Schlaf gefunden. Er schüttelte den Kopf. Wie groß muss die Müdigkeit, die Erschöpfung gewesen sein, dass ein Mensch gerade dort seinen Schlaf findet? Er konnte nicht erkennen, ob sie, gerade wegen der Umstände, nun tief schläft oder nur vor sich hindöst. Im Gasthaus hatte er an ihrer Erzählung und ihrem Verstand gezweifelt. Sie wirkte auf ihn wie eine Geschichte, um von anderem abzulenken. Aber sie verneinte seine Nachfrage, ob ihr Unheil droht. Unheil innerhalb der Mauern Edoras. Er gab ihr einige Hinweise, wie sie diese Wunden behandeln konnte, damit sie nicht zu Narben werden. Zumindest nicht alle. Im Gasthaus war ihr auch seine eigene aufgefallen. Ein Dolch oder einem großen Dorne. Die Antwort durfte sie sich aussuchen.

Sie war in das Gasthaus gekommen, um einen Führer zu finden, der sie sicheren Weges zurück in die Festung Rimmon führen konnte. Ihr Reisegefährte sei dort verschwunden. Trotz Tage des Wartens, kehrte der Begleiter nicht mehr zurück. Ihre Suche bleib ergebnislos. Er kennt die Wege dorthin. Auch abseits der Straße, wenn es notwendig ist. Am nächsten Morgen, so hatten sie vereinbart, wollten sie aufbrechen.
Warum war dieser Gefährte verschwunden? Er konnte schlecht geraubt worden sein. Eher wäre sie mitgenommen worden als er. Er sei kein Kind gewesen, das hatte sie ihm versichert. Seine Zweifel an ihrer Geschichte wuchsen zu diesem Zeitpunkt noch mehr. Dennoch hat er sie hierhergeführt.

Er wickelte sich tiefer in seinen Umhang. Die Festung war noch immer dicht besiedelt. Selbst in den späten Nachtstunden standen Wachen am Tor. Ein unfreiwilliges Verlassen wäre ihnen sicherlich aufgefallen. Doch niemand konnte der Frau damals berichten, dass sie etwas Ungewöhnliches beobachtet hätten. Keine Anhaltspunkte an ihrer Geschichte konnte er finden, außer den Wunden im Gesicht. Aber als sie erwähnte, dass ihre Pferde auch in dieser Nacht verschwanden, geriet er ins Stocken. Sie waren in der Tat zu Fuß gereist. Ungewöhnlich für diese lange Strecke. Nur warum sollte ihr Reisegefährte gleich mit zwei Pferden das Nachtlager verlassen? Wohin? Pferdediebe, so war eine ihrer raschen Überlegungen. Nur warum sollten Pferdediebe gleich auch noch den Mann mitnehmen, wenn er nicht selbst an die Beute teilhaben wollte?

Je mehr er darüber nachdachte, so eher konnte er ihre Zweifel verstehen. Vielleicht sollte er darauf achten, dass sie sich nicht in ihrer Verzweiflung verliert. Ist es an ihm, ihr zu verstehen zu geben, dass sie ihren alten Begleiter nicht verloren hat, sondern, dass sie verlassen wurde? Nur wie? Sollten sie nach ihrem Pferd suchen? Ist hier die emotionale Bindung größer als zu einem Reisegefährten? Vielleicht kann sie besser sein Verlassen verstehen, wenn sie ihr Pferd wiederfinden könnten. Verlassen, nicht verloren. Vertraute sie ihm noch, wo er nur Zweifel an ihrer Geschichte geäußert hatte? Zu diesem Zweifel hatte er bis jetzt nur beigetragen. Auf ihre Nachfragen über ihn hatte er stets nur knapp geantwortet. Vielleicht ist es nun an ihm, ihr Vertrauen in ihn zu stärken.

Er hat die ganze Nacht Zeit zu überlegen, wie ihr nächster Schritt sein könnte. Sein Blick blieb wieder auf ihrem Gesicht mit seinen Wunden hängen. Eine kurze Hoffnung spürt er in sich aufkommen. Sie hatten ihr Ziel erreicht und, wie er vermutet hatte, ist der Rastplatz verlassen. Sie ist aber noch nicht verloren.



Trennung
War er so gewesen? Die Erinnerung war nebelig. Der Stress fraß damals die Wahrnehmung, die Wut verdrängte die restlichen Gefühle. Doch hatte er jemals mit jemanden über seinen Verlust gesprochen? Mit Egin, daran kann er sich erinnern. Zu zweit saßen sie im Truppenhaus. Spät in der Nacht, kurz vor dem Sonnenaufgang. Egin hatte ihm seine Sorgen mitgeteilt, wie nah er der neuen Rekrutin zu kommen schien. Er, der doch verheiratet ist. Damals wollte er Egin nicht belügen. Er erzählte ihm, wie er versagt hatte, seine Frau zu beschützen. Die Rekrutin etwas Ähnliches durchgemacht hat. Die Erfahrung verband sie, doch niemand wollte den verlorenen Partner des anderen ersetzen. Es war das einzige Mal, dass er mit jemanden darüber gesprochen hatte. Er hatte, gefühlt wochenlang, auf ihr gemeinsames Bett geschaut, auf den Küchentisch, auf die Decken und Kissen vor dem Feuer. Gesucht in den Erinnerungen, wo der erste Schritt zum Untergang lag. Vorwürfe gesehen, wo er nur hinschaute, dass er nie das Offensichtliche erkannte habe. Nur Egin und er waren die Eingeweihten, da war er sich sicher.

Der Mond stand im Zenit, der Himmel wolkenfrei und die Sicht auf die hellen Sterne war frei. Er hob den rechten Arm hoch. Wenn er den Unterarm richtig anwinkelte, konnte das Mondlicht auf seine Armschienen fallen und die Gravuren in eine neue, fast silberne, Farbe erscheinen lassen. Mächtiger Eberschädel durchstoßen durch eine Klinge, der Ort gen Süden. Das Wappen seiner Familie, seiner Herkunft. Schon seine Vorväter konnten sich nicht mehr erinnern, ob das Wappen zu Ehren Folcas entstanden war oder schon vor dessen Zeit bestand. Die Nähe zum Firienwald ließ beide Theorien schlüssig erscheinen.
„Für einen Händler seht Ihr recht kriegerisch aus.“ So beschrieb sie ihn gestern Abend. Er wäre gern als Händler und Landwirt aufgewachsen, der regelmäßig seinem Nachbarn Eomod bei der Zucht hilft, ohne hinter seinen Rücken schauen zu müssen, ob Orks die Weiten der Fenmark brandschatzen. Früh musste er lernen, wie man mit dem Schwert und dem Pflug umgeht. Schwertkampf; zu Beginn war es nur ein Spiel. Zwischen ihm und seinen Vater. Ab und an auch mit Eomod. Und, wenn sie dachten, dass die Eltern nicht schauen, auch mit Éawyn. Ein Spiel, bis die ersten Orks vor den Höfen standen und mit den Eored kämpften. Trauriger Höhepunkt der immer mehr auftretenden Angriffe war der Tod Eomunds. Die Ostmark hatte ihren Marschall verloren, Aldburg seinen Herrn.

Und nun begleitete er die Fremde in die Richtung, aus der die Orks die letzten Jahre stets kamen, auf der Suche nach ihrem Begleiter, der wichtiger schien als ihre Sicherheit und auch ihre Vernunft. Er war nicht am Ort, wo er sie verlassen hat. So weit haben sie es beide begriffen. Sie selbst konnte sich nicht entscheiden, was sie tun sollte. Ratlos. Verzweifelt. Sie konnte keinen Grund finden, warum er sich nicht mehr an diesem einen Ort befand. Warum sollte er sie auch verlassen wollen? Vielleicht ging er, damit sie ihm nicht folgen konnte? Nur wohin? Vielleicht nahm er deshalb ihr Pferd mit, um es dann an einer saftigen Weide abzustellen? Vorstellungen hatte sie viele, als er die Suche nach ihrem Pferd vorgeschlagen hatte. Er schüttelte den Kopf. Warum sucht sie ständig nach Gründen? Vor den Toren könnte sich ihr Pferd befinden. Die Grasflächen sind ausgiebig. Vielleicht finden sie bei ihrem Pferd weitere Hinweise auf den Gesuchten. Wenn nicht? Dann hat sie zumindest wieder ihr Pferd zurück. Warum gehen sie nicht einfach auf die Suche, ohne den Grund zu hinterfragen, weshalb ihr Pferd nicht mehr bei ihr ist. Was helfen die Fragen, wenn die Antworten so unerreichbar scheinen?

Am Tor im Morgengrauen. Dort soll er sie auffinden. Er musste kurz lachen. Kurz war ihm der Gedanke gekommen, ob dieser Erik sie bewusst verlassen hatte. Er eher vor ihr geflohen war. Vielleicht hat ihre Suche keine guten Intentionen. Aber dann würde auch er nur nach Gründen suchen. Es ist besser zu entscheiden, wenn die Frage mehr als nur eine Vermutung ist. Am Tor im Morgengrauen. So soll es sein.
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Ristred
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Münzwurf
Er musste zweimal am Griff seines Schwertes ziehen, während sein Fuß den Korpus auf dem Boden fixierte, bis die Klinge sich aus dem Brustkorb des Orks lösen wollte. Selbst tot grinste das Gesicht noch abscheulich. Die Zähne scharf wie bei einem Raubtier, das Zahnfleisch dunkelrot bis schwarz. Ohren und Nase entstellt. Die Haut ledrig und in einer Farbe zwischen braun und grün. Die blutigen Augen strahlen noch immer diesen Hass aus, der sie Kinder, Frauen, Alte und Männer abschlachten ließ. Selbst die Klauen hielten noch verkrampft das grob geschmiedete, an den Kanten eingerostete Schwert fest. Eine Waffe, die jede Wunde entzünden ließ. Die Rüstung war nur eine dünne dunkelgraue Platte, verdreckt und wie das Schwert am Rand bereits eingerostet. Bloße Massenanfertigung, einfacher Schutz, ohne je einen Schwertstoß aufhalten zu können. Wer auch immer diese Orks hierher befiehlt, er lag nicht viel Wert auf deren Leben. Nahe vor sich hörte er einen Aufprall. Ketten prallten gegen verstärktes Leder. Ein Mann stützte sich auf Händen und Knien vom Boden ab. Das verdreckte, schulterlange blonde Haar verdeckte sein Gesicht. Seine Brustrüstung war auf der linken Seite von Brusthöhe bis zur Hüfte aufgerissen. Das Leder gebrochen, das Kettenhemd gesprengt. Blut nahm deren Platz ein. Vor dem Gestürzten baute sich ein Ork auf. Starrte wie ein Henker vor seinem finalen Urteil auf den verletzten Soldaten. Doch bevor der Schafrichter sein Urteil vollziehen konnte, traf ihn am Hals ein Pfeil. Kurz darauf ein zweiter Pfeil in die Brust und ein dritter im Bauch. Auch er selbst wollte dem Verletzten helfen und eilte ihm zu. Aber der Orks zischte nur noch seinen letzten Atem aus. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als den sterbenden Ork auf den Boden zu stoßen. Sofort kniete er sich zum Verletzten und rolle ihn vorsichtig auf seine Oberschenkel. Er wollte ihm Mut zusprechen, aber die weit aufgerissenen Augen verrieten das Schicksal des Verwundeten. Nach zwei Atemversuchen, die in einem Gurgeln endeten, starb sein Waffenbruder.

Er schrak auf. Schweiß lief ihm über die Stirn, sein Herz schlug im Hals. Ein Stechen in seiner Brust machte sich breit. Er war komplett außer Atem, aber es war still um ihn. Die Straße hinter ihm war leer, nur die Fackeln beleuchteten den Wegesrand und die Wachen weiter weg am Eingangstor. Für die dritte Nacht war er wieder hierhergekommen, sich überhaupt nicht bewusst, warum gerade hier. Vielleicht weil es die einzige sichere Übernachtungsmöglichkeit war, die er auf dem nahestehenden Hügel sehen konnte. Und nun war er wieder auf dem Lagerplatz, wo sie ihn hinführte, als sie die Feste zum ersten Mal betraten, nur dieses Mal allein.

Osten. So hat die Münze entschieden. Oder besser gesagt, so hat die Fremde entschieden. Er selbst schaute nicht auf seine Hand, die die Münze gehalten hat. Westen wäre seine eigene Entscheidung gewesen. Nicht in die Richtung des dichten Waldes. Niemand würde dort freiwillig hinlaufen. Doch ist nicht er auf der Suche, sondern seine Reisegefährtin. Also liefen sie das Flussufer des Anduin entlang, bis sie das Tor des Waldes durchschritten. Nicht weit gekommen, fand er die ersten Anzeichen der Druedain. Ein Volk, das diesen verwinkelten, dunklen und dichten Wald seine Heimat nennt. Eine Statue aus dunklem Stein. Sie bildet ein menschliches Wesen ab. Reduziert auf einen dicken Bauch und einen runden Kopf mit leeren, weit aufgerissenen Augen und offenem leeren Mund. Er konnte ihr bestätigen, dass von ihnen keine Gefahr ausging. Dennoch entschieden sie sich im Schutze eines breiten Baumstammes und großer Findlinge ein Nachtlager zu errichten.
Es war nicht von Dauer. Wieder brach ein Streit über die Suche, dem Zeitraum und dem Grund aus. Nur dieses Mal erfuhr er, dass sie den Gesuchten liebt. Warum? Warum führt ein Mann eine Frau durch ein Gebiet, das seit Jahrzehnten von Orks geplündert wird? Wie kann ein Mann seine Liebe so in Gefahr bringen? Und, wie kann der Verdammte sie hier nur allein lassen? Allein seine eigenen Erinnerungen ließen seine Hände verkrampfen. Sie packten sofort nach seinem Schwert, bis er sich gewahr wurde, dass es nur seine eigenen Erinnerungen waren.

Er konnte hören, wie die Fremde sich ihm näherte, nachdem sie sich im Wald von ihm entfernt hatte. Ihre Stimme klang zittrig. Hatte sie geweint? Sie sprachen und argumentieren wieder. Seine Gedanken haften immer noch an seinem Traum. Als sie schwieg, sprach auch er kein Wort mehr. Sollte er aufstehen und einfach wieder heimkehren? Wieder zurück in die Fenmark. Zurück in das Land, in dem er aufwuchs. Er schloss die Augen. Er konnte die Fremde leise atmen hören. Sie saß wohl wieder am Baumstamm. Er versuchte nicht hinzuhören und es wurde wieder leise um ihn.

Seine Mutter lacht, als er sie schon wieder nach dem blauen weiten Meer fragt, nach den Häfen, wo sie doch so oft war. Den Schiffen, die in der Weite vom Blau verschluckt werden. „Die Häfen stinken nur nach Fisch und das Krächzen der Möwen wird ihm schnell die Nerven rauben“. So antwortete sie ihm jedes Mal. Aber wenn sein Geschwisterchen bald geboren ist, dann werden sie nach Mundburg und im Anschluss an die Küste reisen. Seine Hände berühren den schwangeren Bauch seiner Mutter und seine kindliche Stimme lacht vor Vorfreude.

Nein, noch wird er nicht heimkehren. Den Kindheitswunsch des jungen Ristreds will er erfüllen. Damit dieser kindliche Teil in ihm endlich seinen Frieden findet. Danach kann er zurück. Zurück zu seinem Hof, zurück zu den Grundstücken seines Vaters, zurück in sein Land. Es verteidigen, bis auch seine Zeit gekommen ist, die Stimmen verstummen und er erhobenen Hauptes die Hallen seiner Väter betreten kann.
Die Fremde kann ihn eine Strecke des Weges begleiten. Wie weit ist ihm gleich. Er hat sein Versprechen ihr gegenüber eingelöst. Ihre Suche und ihr Schutz waren nicht mehr sein Ziel. Diesen nächsten Weg geht er mit dem Traum des kleinen Ristreds. Dem Wunsch, den seine Mutter nicht mehr erfüllen konnte.



Reflexion
Sonnenlicht spiegelte sich auf den Wellen des Anduins wider, die in einem ruhigen regelmäßigen Rhythmus gegen den Hafenpier stoßen. Das Wasser war zu verdreckt, um das Flussbett erkennen zu können. Vier Schiffe waren in diesem Teil des Hafens geankert. Die Segel eingeholt, die Decks leer. Hinter ihm konnte er das Treiben anderer Menschen hören. Fischer, die ihre Ware handelten, Handwerker, die Taue reparierten. Kinder, die hinter den oberen Treppen spielten.
Stein auf Stein. Wie Minas Tirith bestand die gesamte Stadt aus Stein, selbst die Türen der Häuser aus Metall. Die Boote mit ihrem Schiffskörper aus Holz waren die einzige Ablenkung. Und hier zwischen den Schiffen, am Ende des Hafens, konnte er die Mündung des Anduin sehen. Es war nicht mehr weit bis zu den Stränden des Meers.

In den letzten Tagen hatten sie viel seiner spontan geplanten Strecke hinter sich gelassen. Durch den Druadan Wald. Ungeplant durch den nördlichen Teil, weil Orks ihnen den gepflasterten Weg versperrten. Doch sie fanden einen Pfad und direkt an einem Fluss, eine Raststätte für die Nacht. Am nächsten Tag waren sie früh aufgebrochen und konnten Minas Tirith noch im Tageslicht erreichen. Eigentlich wollte er die Familie seiner Mutter besuchen, doch war diese wieder auf Reisen. Die Sehnsucht nach dem Süden ließ seine Großeltern nie lange in der Stadt verweilen. Doch eine Rückkehr nach Südgondor scheint in diesen Zeiten des Hasses nicht mehr möglich zu sein. Aber sie beiden fanden ein Gästehaus nicht weit ab vom Tor. Die Fremde ging gleich zu Bett, er selbst wollte nach den vergangenen Tagen etwas anderes als Wasser trinken und für morgen sicherstellen, dass er frisches Brot bekam. Bis Anarch will sie reisen. Laut seiner Karte liegt diese Stadt nicht allzu weit von den Feldern Pelennors. Sie blieben noch einen Tag und brachen im Schutz der Dunkelheit auf. An einer Wegesskreuzung blieben sie stehen. Links führte der Weg am Anduin entlang. Rechts führte der Weg zu einem Ort, der auf seiner Karte mit dem Namen Imloth Melui beschriftet war.

Blühende Bäume und Rosen überall. Es war als wären die Bäume um den Stein der Mauern und Häuser gewachsen. Keine Schäden auf der Straße, keine Spur, dass das Gestrüpp je verwelkt war. Einen solchen Ort hatte er noch nie gesehen. So vielen Rosen hatte er noch nie gesehen. Er weiß bis heute nicht, wie er diesen Duft beschreiben sollte. Seine Anspannung war aus seinen Muskeln gewichen, seine Gedanken schwiegen. Für einen Moment vergaß er, was ihn fast sein ganzes Leben plagte. Da war dieser Frieden, wenn auch nur für einen kurzen Moment. Er konnte die Augen schließen und sah endlich keine leeren Augen, keine Brände, keine Wunden, keine Leichen, keine Orks mehr. Er konnte die Augen schließen und seine Eltern lachen hören. Ihn selbst, wie er in tanzendem Schritt um sie herumwirbelte. Die Hand seiner Mutter spüren, die ihm sanft durch sein Haar strich. Seinen Vater beobachten, wie er sein Steckenpferd schnitzte. Dieses Gefühl der Vorfreude spüren, dass er bald nicht mehr das einzige Kind seiner Eltern war.
Die Fremde hatte etwas zu erledigen. Er hoffte zu Beginn, dass sie dabei mehrere Tage brauchen würde, aber stellte selbst allzu schnell wieder fest, dass diese innerliche Ruhe für ihn zur trügerischen Ablenkung werden würde. Die Gefahr, dass er vergisst, was er sich geschworen hat. Was für ein Eorlinga wäre er, wenn die Fenmark fällt und er in der Ferne war, unbesorgt dem Duft der Rosen erlegen. Einzelne Tränen drängten sich durch seine geschlossenen Augen. Tränen der Trauer, die sich durch die Erinnerungen breit machten. Aber er konnte sich wieder fangen und kurze Zeit später stand die Fremde wieder hinter ihm und wieder folgte Streit. Sie ging vor, wollte ihn nicht mehr aushalten. Er blieb stehen. Für einen Moment wollte er sich innerlich von dieser Stadt verabschieden, dann ging er selbst los, nur, um die Fremde gleich in der ersten Kurve wartend wieder zu treffen.

Sie trafen nur kurze Zeit später in Arnach ein. Doch anstatt sich von ihm zu verabschieden, weil sie an ihr Ziel gekommen war, ging die Reisegefährtin mitten durch die Stadt durch, ohne auch nur an eine Stelle stehenzubleiben. Hinter Arnach wählte sie auch nicht die Straße hinab zum Anduin, sondern eine Straße, die in Richtung Gebirge führte. Verwundert war er stehen geblieben und sah auf seine Karte. Sie ging vom Ufer des Flusses weg. Irgendwas konnte hier nicht stimmen. Erst ignoriert sie Arnach, dann wählt sie auch noch eine Strecke weg vom Anduin? Er drehte sich misstrauisch ab und nahm die Straße parallel zum Anduin und erreichte so Pelargir allein.

Und jetzt stand er hier am Hafen und schaute in die Richtung der Mündung und wusste nicht weiter. Angst hatte ihn beschlichen. Angst vor sich selbst. Angst diesen letzten Schritt zu gehen. Was war, wenn er den letzten Wunsch des kleinen Ristreds erfüllt hatte? Ließ er ihn damit los? Den Jungen, der ihm immer wieder in den kalten Nächten zuwinkte und lächelte. Der den Halifieren hinaufsehen konnte und anfing zu träumen. Der gespannt auf die Zukunft war, der Vertrauen in anderen Menschen fand. Der jeden Tag lachte, der Hoffnung hatte, der das Wort Frieden spüren konnte. Was würde er dann sein? Was würde danach von ihm übrigbleiben? Nicht mehr als nur Hass und Schmerz? Er konnte keine Antwort finden. Keine Antwort, die nicht einmal sein Schwert herbeiführen könnte. Also stand er hier an diesem Hafen, an dem seine Mutter als kleines Kind Gondor erreichte und die Reise nach Anorien auf sich nahm.
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Ristred
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Lebewohl
Unter einem blauen Himmel und strahlender Sonne sprangen die dünnen kleinen Beine immer wieder aus dem blaugrünem Meereswasser. Nur eine kurze hellbraune Leinenhose trug der Junge, gleich unterhalb seines Knies mit einer Schnur festgezurrt. Die schulterlangen blonden Haare waren von den ganzen sprunghaften Bewegungen durchnässt, doch dem Grinsen in seinem Gesicht tat es nicht ab. Immer wieder formte er mit seinen kindlichen Händen eine Kelle und warf das Wasser über sich in die Höhe, sodass es für kurze Momente über ihm regnete. Bis er plötzlich stehen blieb und das Meereswasser über seinen Knöcheln musterte. Weißer Schaum sammelte sich um sein Bein und überdeckte schon bald seine Füße. Er ging in die Knie und streifte mit seinem rechten Zeigefinger über den Schaum und leckte diesen vom Finger ab. Von dem überraschend salzigen Geschmack musste er sich kräftig schütteln. Doch roch das Wasser auf salzig? Zurück am Strand, kniete sich so vor das Ufer, dass seine Knie sich in den trockenen Sand bohrten, seine Hände aber in dem Nass abstützen konnten. Sein Blick fuhr das Meer hinauf, bis es im hellen Horizont verschwand. „Ristred“. Die Stimme seiner Mutter rief seinen Namen. „Ristred“. Er suchte das Meer ab, aber ein salziger Windstoß zwang ihn, die Augen zu schließen. Sein Oberkörper drückte nicht mehr auf seine Arme. Die Schwerkraft hielt ihn nicht mehr fest. Der Wind trieb ihn hinaus in das Blau, das niemand vom Land aussehen konnte.

Er konnte die Tränen in seinen Augen spüren. Sie kamen, als seine Hand das Meerwasser berührte. Als seine Hand den Sand unter dem Wasser spürte. Die Emotionen wachten in ihm auf, sobald sie hinab zum Strand gingen. Als sie Bündel, Armschienen und Handschuhe abgelegten, zog er sich deshalb die Kapuze seines Umhanges über. Diese Emotionen gehörten ihm und dem jungen Ristred. In dem Moment als der Wellenschaum seinen Unterarm umschließt, konnte er eine lang nicht mehr gespürte Freude fühlen. Eine Belastung, die er über Jahre mit sich trug, wie verkrampft versucht hatte zu schützen, löste sich mit dem Wasser von seinem Körper. Nicht schmerzhaft, sondern erlösend. Den Schritt, auf den er als Kind hin gefiebert, aber die letzten Jahre gefürchtet hatte, war nun endlich hinter sich gebracht. Ein kurzes Lächeln zeichnete seine Lippen. „Wir haben es geschafft. Lebewohl.“.

Die Fremde hatte sich einige Schritte weiter oben am Strand niedergesetzt. Ihr Jacke und Schuhe lagen bei ihren abgelegten Utensilien: Bündel, Armschienen, Handschuhe, Umhang und Kapuze. Sie waren sich noch immer fremd. Nur wenig hatten sie sich gegenüber preisgegeben. Sie wusste, wo seine Heimat liegt, sein Vater in der Ostfold lebt und Mägde und Knechte beschäftigt. Er hatte von ihrer Großmutter erfahren, eine Heilerin im Imloth Melui, die auch dort verstarb. Die ihr das Handwerk lehrte. Und ein Vater. Ob dieser noch lebt, hat er bis jetzt nicht erfahren. Ihre gegenseitigen Namen kannten sie immer noch nicht. Und doch haben sie es bis hierhergeschafft. Sein Ziel. Ob ihr irgendwann bewusstwird, was sie für ihn getan hat? Hier an den Ufern des Belegaers. Sie hat ihn nicht allein gelassen, als er sich von seiner unter Hass und Wut vergrabenen Kindheit verabschiedete.

Ihr Ziel der Reise konnte er nicht nachvollziehen. Es schien kein Ort zu sein. Die Dörfer und Städte, die sich erwähnt hatte, haben sie alle durchschritten. Vielleicht war es eine Flucht vor ihr selbst? Oder eine Flucht vor ihrer Vergangenheit? Warum war sie dann hier? Sie, bevor sie zu ihrer Großmutter zog, an den Küsten Dol Amroth aufgewachsen war. Eines schien deutlich zu sein: Sie sieht das Meer mit anderen Augen, ganz ohne die kindlichen Vorstellungen seiner Jugend.

Sturmesbrüllen, Möwenschrein
widerhallt von Fels und Stein.
Gischt sprüht von den hellen Klippen,
netztet salzig deine Lippen.
Wo Meereskraft das Land zerfrisst,
da schmeckst du, Tochter, was Freiheit ist.

Dies waren die Worte ihres Vaters gewesen, wenn beide an den Klippen Dol Amroths standen. Nun waren es ihre Worte zu ihm. Ein ehrfürchtiger Blick auf die Freiheit. Von der Natur gegeben, nicht von den Völkern Mittelerdes. Vielleicht verstand er diese Worte genauso falsch, wie auch die Fremde. Sie wollte zu seinem Gefallen gehen, damit er sie endlich loswurde. Doch auch wenn er ihren Worten widersprach, so zog sie doch weiter, ohne ein Ziel zu nennen. Die Entscheidung war ihr frei, soviel hatte er ihr gesagt. Sobald die Dunkelheit der Nacht die Frau verschluckte, wandte er sich dem Meer wieder zu. Es war der Tag des Abschiedes. Leise flüsterte er: „Lebewohl“.


Münzlandung
Ich habe euch vor einigen Tagen, vielleicht mag es auch eine Woche her sein, schon einmal hier gesehen. Zusammen mit Ellj, nicht wahr?“, war der erste Satz, mit dem er nach seiner Rückkehr in Imloth Melui begrüßt wurde. Wie lange war er dort das erste Mal gewesen? Einen halben Tag? Wohl eher weniger. Und doch wurde er erkannt. Nicht einmal seine Kapuze hatte ihn genug verborgen. Und nun zum zweiten Mal? Dieses Mal ein halber Tag? Wohl auch nicht. So sehr er den Ort mochte, Ruhe konnte er hier scheinbar nicht finden. Doch der Name, den ihm die Dame nannte, kannte er damals noch nicht. Sie stellte sich als Heilerin vor, die auch die Großmutter der ehemals Fremden kannte. Einig, ob sie jetzt von derselben rothaarigen jungen Frau sprachen, wurden sie wegen des alten roten Bündels, das die Fremde überall hintrug. Einen Brief der Großmutter sollte in die Hände Elljs. Sie sollte ihn eigentlich bei ihrem ersten Besuch in der Rosenfeste erhalten, aber ihr Aufenthalt war ein kurzer gewesen, da stimmte er ihr gedanklich zu. Nun fand sie nur ihn vor und er war allein. Aber sie hatte eine Vermutung, wo er seine, vor einem Tag verabschiedete, Reisegefährtin auffinden würde: wieder gen Osten. „Linhir. Haltet euch von dort in Richtung Nordosten. Irgendwann stoßt ihr auf einen kleinen See inmitten eines Waldes“, so beschrieb sie den Weg.

Am See fand er sie, nachdem er ihn fast einmal umlaufen hat. Hätte er doch die Heilerin nach der Seeseite gefragt. Auch seine Beine hätten es ihm gedankt. Wie erwartet war sie erschrocken, dass er ihren Namen kannte. Aber nur so konnte er sich sicher sein, dass er den Brief der vorgesehenen Frau überreichte.

Jetzt saß er hier und fragte sich, was passiert wäre, wenn er den Brief nicht sofort angenommen hätte, sondern die Heilerin um ein oder zwei Tage Bedenkzeit gebeten hätte? Wenn er die Kräuterkundige für einige Zeit begleitet hätte, rudimentär ihr Handwerk zu lernen. An ihrer Seite gewesen wäre. Hätte er dann mit dem Schwert auf dem Schoß hier im kleinen Waldstück gesessen und zwischen den Baumstämmen nach Verfolgern geschaut?

Die Botschaft, die er Ellj überbracht hatte, war beunruhigend. Immerhin hatte sie für einige Momente gute Laune, war es ihr sogar zum Scherzen zumute, bis sie das Schreiben las. Aber für eine Weile konnte er eine junge Frau sehen, die sich mal nicht sorgte, die sich nicht in unerwünschten Situationen wiederfand. In all den Wochen der Anspannung war ihr Grinsen und ihre Albernheiten eine wohltuende Abwechslung. Doch nun berichtete der Brief von Verfolgern. Von einer Flucht. Eigentlich von Zweien. Ihre und die ihres Vaters. Doch nach mehr als fünf Jahren waren die Spuren kalt. Sie beide aber hatten eine Hoffnung, wer ihnen möglicherweise weiterhelfen könnte. Der Weg dorthin war ihm allzu bekannt. Die Heilerin in Imloth Melui.

Die Starre erfasste ihn auf einen Schlag. Sie löste sich durch ein Zittern, das seinen gesamten Körper erfasste. Schweiß lief ihm die Stirn hinab. Selbst seine Hände fingen unter den Handschuhen zu schwitzen an. Seine Augen wollten sich nicht öffnen, egal wie sehr er es versuchte, sie wirkten wie zusammengewachsen. Im Brustkorb und selbst im Schädel hämmerte sein Herz, es fiel ihm schwer zu atmen. Dieses Stechen in der Brust, als hätte man ihm ein Schwert durch den Oberkörper gestoßen.
Weit aufgerissene Augen, Blut der geplatzten Äderchen, das sich durch das Weiß der Lederhaut Blitz-förmig verbreiten. Ein stummer Schrei zwischen den Lippen, die nicht mehr zusammenfinden werden. Wie ihn sonst seine sterbenden Waffenbrüder anstarrten, so durchbohrte nun der Blick der Heilerin ihn. Ein weiterer stummer Schrei zu all den anderen, die ihn nicht ruhen lassen. Doch war das hier kein Schlachtfeld, es war in Imloth Melui. Nirgends Blut auf dem Gras, kein verbrannter Geruch, kein auflodernder Hass, der ihn jeden Ork, der nicht mehr fliehen konnte, in den Tod quälen ließ. Hier lag nur sie. Die roten schmalen Abdruckspuren um den gesamten Hals, sonst keine offensichtlichen Wunden. Sie war wohl erwürgt worden. Ein Tod, heimtückisch und das Opfer wehrlos. Hier konnte er nichts mehr tun, außer das Papier nehmen, das sie in ihrer geballten Faust hielt. Es war Zeit zu gehen, Ellj zu finden und sicherstellen, dass sie nicht dasselbe Schicksal erleiden muss.

So saß er jetzt mit ihr hier, sein Schwert auf dem Schoß. Von Bäumen umgeben, vor neugierigen Blicken verborgen. Und doch die Augen zurück Richtung Osten gerichtet. Ob er wollte oder nicht, er wurde mit Ellj und mit der Heilerin gesehen. Wer auch immer diese beiden verfolgte, er gehörte nun zu den Gesuchten dazu. Und wie sollte er sie beide vor einem Phantom schützen? Als Eored verstand er sich auf das Jagen und Töten von Orks und menschlichem Abschaum. Jenen, denen er im Gesicht ablesen konnte, dass sie nur Hass und Tod sahen. Aber wie erlegt man ein Phantom, das kein Gesicht hat?
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Ristred
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Nachtwache
Das Stroh zwackte in seinem Nacken und egal wie er seinen Kopf auch drehte, das Stechen wurde nicht weniger. Wann war es das letzte Mal, dass er im Stroh gelegen hatte? In Eriador? Nicht, dass ihm ein Moment einfallen würde. So bleiben nur die Fenmark und der Hof seines Vaters. Umgeben von bestellten Feldern, Vieh und Pferden. Seine Haut war es sicherlich nicht mehr gewohnt. Die fehlende Landwirtschaft hatte wohl seine Haut verweichlicht. Über diesen Gedanken schüttelte er nachdenklich den Kopf. Nach all den Kampfübungen und Schlachten, die er im Norden geschlagen hatte, aber gerade ein Strohballen machte ihm noch zu schaffen.

Der Halbmond schwebte langsam den Bergspitzen entgegen, mit Ausnahme des freien Sternenhimmels, war die Nacht noch dunkel. Um ihn herum zirpten die Grillen und ab und an hörte er im höheren Grass ein kurzes Rascheln. Ein zarter Wind aus dem Norden zog über die Weiten der Mark. Sonst war nur sie da: die Stille. Diese beruhigende Stille. Sie ist immer da, wenn er in der Dunkelheit über das Nachtlager wacht. Seit langer Zeit war sie ihm eine Vertraute geworden. Sie gab ihm die Möglichkeit, die Gedanken für einige Momente liegenzulassen, die Sorgen, um ihre Sicherheit zur Seite zu legen. Fast lautlos konnte er für Stunden über sie beide wachen, um selbst die Tiere um sie herum, nicht zu stören. Anstatt zu schlafen und sich der Träume preiszugeben, versuchte er die Erholung meditativ zu erreichen. Ruhend, aber wachsam.

Diese Nacht war eine andere gewesen. Die erste, in der nicht er wachen musste. Die erste, in der er ruhigen Schlaf gefunden hatte. Die erste, seit sie von Edoras aufgebrochen und nun zurück auf seinem Hof angekommen waren. Er konnte Ellj ein Zimmer bereitstellen, in das sie sich zurückziehen konnte. Auch ein Bett, um den Körper eine Wohltat zu tun, nach all den Nächten auf dem kalten Erdboden. Ob es die Mörder der Heilerin waren oder seine wachsame Sprache, sie war ihm bis hier hergefolgt. Große Gedanken dazu hatte er sich nicht gemacht. Sie schien so verletzlich auf ihn. Ob es noch der Ersteindruck im Gasthaus war, der ihn so fühlen ließ? Das Wissen, dass sie erst auf dieser Reise vom Tod ihrer Großmutter erfuhr? Das Chaos, als sie Imloth Melui hastig verlassen mussten, weil eine Heilerin ermordet wurde, die wohl auch ihr nahestand? Es war ihm gar nicht eingefallen, sie in Gondor zurückzulassen. Ob die Mörder sie überhaupt verfolgten, vermochte er nicht zu sagen. Verfolger hatte er keine erspähen können. Wer aber über Leichen geht, würde sich nicht so einfach abschütteln lassen. Wo hätte er für sie einen sicheren Ort finden können, dem er vertrauen könnte? Gondor hatte sich als trügerisch erwiesen. Hier in der Mark? Der eheste Ort wäre wohl sein Hof, er selbst. Für eine Zeit lang zumindest.

Egin hatte er immer noch nicht gefunden, so langsam verließ ihn die Hoffnung, seinen alten Anführer noch zu finden. Egin von Esgaroth, das waren seine Worte zu ihm gewesen, als sich der ältere Mann ihm vorgestellt hatte. Somit war auch das letzte Ziel seines Aufbruchs formuliert. Sein Bauchgefühl räumte ihm keine Hoffnung ein. Was kann eine kleine Stadt im Norden Egin bieten, dass Minas Tirith mit all seinen Archiven, nicht geboten hatte? Es war wohl seine Verantwortung Egin und seiner Gemeinschaft gegenüber, alle eventuellen Aufenthaltsorte aufzusuchen, an denen sich der alte Anführer finden lassen könnte.

Die nördlichen Lande waren ein Ziel in der Zukunft. Hier in der Gegenwart hatte er eine junge Frau, zurückgelassen in einer Festung, in einer Gegend umgeben von Furcht angesichts der Nähe Mordors. Verlassen, während sie schlief. Für die meisten Menschen war der Schlaf eine Form der Erholung, des Kraftschöpfens. Wie waren die Nächte, nachdem sie einsam aufgewacht war? Es war immer wieder ein Thema in ihren Gesprächen, in ihren kurzen Abschieden. Manches Mal ein Spiel, aber auch ernst, wenn es die Situation forderte. Er spürte immer wieder die Notwendigkeit in sich, ihr zu versprechen, dass er sie nicht zurücklassen würde. Als müsste er ihre eine Angst nehmen, die er ihr nicht ansehen kann. Jedes Mal, wenn sie sich schlafen legte, war da dieser Blick der Sorge oder der Bitte? Es war schwer einzuschätzen.
So oft hatte er Wache gehalten, wenn die Eoreds ihr Nachtlager errichtet hatten. Es war eigentlich nichts Außergewöhnliches für ihn. Aber seit sie vor Wochen aufgebrochen waren, hatte er das Gefühl, dass er nachts nicht nur über ihren Schlaf wachte, sondern auch über sich selbst, besonders darauf bedacht, Entscheidungen in der Stille der Nacht zu fällen, ohne Ablenkungen und aufbegehrende Emotionen. Auch wenn er es sich zu Beginn anders gewünscht hatte, sie war allein. War sie sich dessen bewusst? Wie oft hatte sie sich verabschiedet, nur um wieder auf ihn zu treffen? Ihre Entscheidungen wirkten stets wie im Affekt getroffen. Wenn sie irgendwann, mit klaren Gedanken, sich von ihm verabschieden möchte, dann wird er ihr sicherlich zustimmen. Aber bis dahin wird er versuchen ihr beizustehen. Jede andere Entscheidung würde dem jungen Ristred selbst im Herzen schmerzen. Etwas, was er geschworen hatte, zu verhindern, egal wie hoch der Preis sein würde.

Nach all der Zeit, seit er das Meer endlich erreicht hatte, waren die Wunden seiner Kindheit endlich verheilt, aber die Narben wollten einfach nicht aufhören zu schmerzen. Nicht die Narben auf seinem Brustkorb, sondern die Narben seiner Erinnerungen. Die Narben auf seinem Oberkörper waren stolze Zeitzeugen, dass er selbst schwerste Verletzungen überlebt hatte. Siegreich, wenn auch verletzt, das Schlachtfeld verlassen konnte und nicht den Tod fand. Aber der Tod des Jägers, dieser entsetzende Blick als ihm der Hals aufgeschlitzt wurde, der Verlust seiner Mutter und Schwester und seinem Vater, der versucht hatte, die Trauer zu verdrängen aber innerlich von ihr aufgefressen wurde. Damals war er nicht nur einsam mit seinen Gefühlen, er fühlte sich auch verlassen, von seiner eigenen Lebensfreude und seinem Vater, der ihm sonst immer beigebracht hatte, wie er im Angesicht der Furcht zu kämpfen hat.

Was würde der junge Ristred über ihn denken? Trauer vielleicht, weil er so viel Wut und Zorn in sich trägt. Stolz auf seine Loyalität seiner Heimat gegenüber, den Willen, jeden Eindringling in der Mark zu vernichten und die körperliche Kraft, keinen Kampf zu fürchten, sondern eine Waffe der Riddermark zu sein? Wie würden seine Worte lauten, wenn er erfahren würde, dass er keine Angst vor dem Tod hat? Heroisch, sein Leben für sein Land? Oder Trauer, weil er so egoistisch nur an sich und das endliche Verstummen der nächtlichen Schreie denkt? Wann hatte er das letzte Mal gelacht, weil er einfach nur glücklich war? Zu lange war es her und ganz sicher zu wenig. Diese Wut und dieser Zorn waren seit der Kindheit seine Begleiter und sie übermannten ihn, wenn es die Situation forderte. Wurden sie zu lang verdrängt, dann holten sie sich ihn wieder zurück, zwangen ihn auf seine Knie und sobald ihn die leeren Augen des Jägers wieder ansahen, eine Erinnerung an seine Mutter hervorkam oder die Schreie seiner gefallenen Waffenbrüder in seinem Kopf hallten, waren sie erneut ein großer Teil von seinen Gedanken, Gefühlen und Handeln. Die Stille in der Nacht, wenn er die Nachtwache hielt, gab ihm die Möglichkeit, diese überwältigen Gefühle verstummen zu lassen, für einige Stunden klare Gedanken zu fassen und sicher sein zu können, dass Wut und Zorn keinen Anteil an den endgültigen Entscheidungen hatten.

Ein paar Tage mehr auf seinem Hof, die wollte er sich gönnen. Etwas von der Ruhe mitnehmen, die von den Bergen und dem kleinen See ausgeht. Seine eigenen Tiere, die, wie es scheint, ohne eigene Sorgen, seelenruhig fraßen, faulenzten und schliefen. Und Erholung für Beine und Füße konnte ihnen beiden auch nicht schaden. Dann würde er aufbrechen. Er hatte ihr angeboten, ihn zu begleiten. Wenn sie es nicht annimmt, dann könnte sie gerne, solange, wie sie es für notwendig hielt, auf seinem Hof bleiben. Er würde sie nicht wegschicken. Ein kurzes Anheben der Mundwinkel quittierte seine Entscheidung. Zufrieden rutschte er wieder vom Heuballen und ging gemütlich zum Eingangstor der Pferdekoppel.
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Ristred, Réadreden's Sohn

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Wegstrecken
Zweite Strecke
Kindheitserinnerungen - Wiegenlied
Weich war das Kissen, genäht aus feinem hellblauem Stoff, auf welchem sein Kopf ruhte und, die immer noch vom gründlichen Bad feuchten Haare, die den Stoff in dunkle blaue Flecken färbten, wo sie mit ihm in Berührung kamen. Bis zur Haarwäsche war der Dreck, den er durch das Spielen auf dem Hof, das Rennen über den staubigen Boden, das Rollen durch das wilde Gras, das Melken der Schafe, das Aufschaufeln des Pferdemists, um damit die Gemüsebeete zu düngen und das Verteilen von Stroh in dem Gehege der Pferde, das letzte Anzeichen, dass der Tag ein ereignisreicher und abenteuerlicher für ihn gewesen war. Es war Nacht geworden, nur noch wenige Geräusche drangen in das Haus ein. Die Pferde schienen zu schlafen, die Schafe hatten aufgehört zu blöken und die Vögel waren verstummt. Aus dem fernen Firienwald, der jenseits der Felder lag, meinte er Eulen zu hören, die dort zahlreich leben, aber die Geräusche waren so leise, dass die Rufe auch nur seiner Vorstellung entspringen könnten.
Aufgewachsen mit Geschichten und Liedern, hat er schon früh eine bunte Fantasie entwickelt. Sein Vater kannte viele Sagen und Geschichten, die aus der Mark stammten oder die Entstehung der Eorlingas erzählten. Weitergegeben von den Eltern an die Kinder. Keine konnte er oft genug hören. Sein Vater beantwortete seine Bitten, stets mit einem Lächeln und erzählte sie wieder und wieder. Die meisten Lieder hatte die Familie seiner Mutter mitgebracht. Sie handelten vom Leben der Menschen, die in Steppen und Wüsten lebten. Auch diese wurden von Generation zu Generation weitergegeben. Besonders sein Großvater Amborat hatte eine eindrucksvolle, melodische Singstimme. Dessen Gesang ließ seine Vorstellung in Gebiete reisen, die er nie selbst mit eigenem Auge gesehen hat.

Die filigranen Finger der Hand seiner Mutter kämmten durch seine Haare, die durch die Nässe zu dicken Strähnen verwebt waren und löste zärtlich die Knoten, die sein Haar nach jeder Wäsche bildete. Sein Kopf ruhte auf ihrem Schoß. Sie hatte sich am äußersten Rand der Bank, geschnitzt aus hellem Fichtenholz, die direkt vor dem Kaminfeuer stand, gesetzt, damit er die restliche Fläche nutzen konnte, um sich der Länge nach hinzulegen. Sein Vater saß auf einem einfachen Stuhl aus Eichenholz, direkt neben seiner Frau. Alle waren sie in luftiger Kleidung gekleidet, die ersten Herbsttage waren überraschend mild gewesen. Auf das wärmende Feuer wollten sie aber nicht mehr verzichten, nachdem die letzten Sommertage für kühle Nächte gesorgt hatten.
Seine Mutter begann eine Melodie zu summen, die er zuerst von seinem Großvater gehört hatte. Sie war zu einer Tradition geworden, ihm liebevoll zu sagen, dass die Zeit zum Schlafen gekommen war. Die Gesangsstimme seiner Mutter war das vollkommene Gegenteil ihres Vaters. Höher, leiser, manche Stellen sang sie gar flüsternd. Während Amborats Gesang den Raum füllte, sang Nesani nur für die, die nahebei saßen. Die Bilder, die Amborats Stimme in seine Fantasie gemalt hatte, konnte aber auch seine Mutter wecken.

Wenn der Sand die Sonne wärmend bedeckt
sich jedes Tier im Sand vor der Kälte versteckt
schließen wir die Zelte im tiefen Sonnenrot
die Nacht gehört den Sternen und dem Mond
lösen die Alten ihre Turbane und Kopftücher
lauschen die Kinder den Erzählungen der Bücher

bis ich dir flüstre, dass die Zeit gekommen ist
doch selbst wenn du eingeschlafen bist
werde ich an deiner Seite sein
auch nachts in der Wüste bist du nie allein
schlaf in Ruhe ein


Es hatte einiges an Drängen bedurft, bis der Großvater erst sich und dann auch ihm einen Turban band. Beschreibungen für den Kopfschmuck hatten ihm nicht gereicht. Eine Kopfbedeckung aus einem langen Stoffband, das unter dem Kiefer, damit, wenn benötigt, Nase und Mund zu bedecken, und um den Kopf gewickelt wird. Wie ungewohnt es sich anfühlte. Dicker und dichter Stoff, fast das gesamte Gesicht bedeckend, wie soll man so die Hitze aushalten, die dort über den Tag herrscht? Amborat versicherte ihm jedes Mal, dass es unter dem Stoff kühler sei als außerhalb, aber da scheiterte seine Vorstellungskraft.
Nach einiger Zeit kam eine zweite Strophe dazu, die Nesani selbst für ihn gedichtet hatte. Diese Strophe besang seine eigene Heimat, die Gegend, in der sie lebten. Die Melodie war dieselbe geblieben.

Wenn der Bergschatten über der Fenmark liegt
der helle Mond die Sonne am Himmelszelt besiegt
sie unter geht und alle Blüten zum Schließen bringt
die Lerche über unserem Dach nicht mehr singt
dann schließen wir die Fenster und werden still
weil jeder Reiter am Morgen ausgeruht sein will

bis ich dir flüstre, dass die Zeit gekommen ist
doch selbst wenn du eingeschlafen bist
werde ich an deiner Seite sein
auch nachts in der Mark bist du nie allein
schlaf in Ruhe ein


Oft wiederholte sie den Chorus noch ein, zweimal, dabei leiser und leiser werdend. Es war nicht selten, dass er schon vor der ersten Wiederholung einschlief. Dann trug sein Vater ihn in das Bett.

Gegenwart
Es waren einige Jahre vergangen, seit er sich das letzte Mal an das Wiegenlied erinnert hat. Weder den Text noch die Melodie hat er nach all dieser Zeit vergessen. Den Strand und das Meer hat er gesehen, selbst zur Grenze Harondors konnte er sehen. Nicht weit genug, um den Wüstensand zu erspähen, aber er konnte das dürre hellgrüne Gras erkennen, das die Steppe ankündigte. Die Wüste wird wohl ein Geheimnis seiner Vorstellung bleiben. Die Erlebnisse hatten nichts an seiner Wut und seinem Zorn geändert. Und doch hatte er ein Gefühl des inneren Friedens gespürt. Für einen Moment, den er sich hoffentlich häufig in Erinnerung rufen kann. Vielleicht kann er damit seine Emotionen bändigen, wenn er sie in der akuten Situation nicht brauchen kann. Die Gewissheit, dass es ihm gelingen kann, fehlt ihm noch.

Hat er ein Schicksal? Wie sollte er das erkennen? Eine Frage, die ihm seit Jahren nicht aus dem Kopf ging. Seine Kindheit war so liebevoll, behütet, freudvoll. Friedlich würde er nicht sagen, so nah an einer Front, die nicht an der Grenze des Feindes lag, und doch der Feind immer von dort auftauchte, brandschatzte und raubte. Nach dem Tod seiner Mutter und Schwester wollte er nur noch Krieger werden, das Land seiner Väter, um jeden Preis schützen. In seinen Augen war ihm nichts anderes geblieben. Auch noch seiner Heimat beraubt zu werden, würde ihn brechen, mehr hatte er nicht.

Aber es ist ein ehrenvoller Preis für sein Land zu sterben, wie es schon einige vor ihm taten. Es war nicht die Forderung der anderen, die sich nicht schützen können, sondern ein tiefes Gefühl derer, die dazu in der Lage sind. Würden sie fallen, dann ist der Weg in das Innere der Mark frei. Es war nicht nur die alleinige Verantwortung für die Fenmark, sondern die gesamte Riddermark. Manche Éored erfüllte diese Verantwortung mit Stolz, der die Angst vor Verletzungen und dem Tod nahm. Ein heroisches Schicksal, so wie in den Geschichten und Sagen, von denen ihm sein Vater erzählt hatte. Er kann sich nicht vorstellen, dass sich das seine Mutter gewünscht hat, aber blieb ihm eine andere Wahl? Die Überfälle der Orks auf die Fenmark waren nicht das Tun der dortigen Bewohner. Der Feind in Annúminas war auch eine Bedrohung, die zu gefährlich war, um sie nicht mit Gewalt zu bekämpfen. Auch wenn es zu dem Verlust seiner Frau geführt hat. Zu schützen, was er schützen kann, den Feind vernichten, wo er ihn vernichten kann. Er fing nur langsam an zu akzeptieren, dass auch mit größter Mühe, unbändigen Zorn, unnachgiebigen Mut, äußerster Vorsicht, seine selbst auferlegte Pflicht nicht ohne Opfer sein wird. Zu zahlreich ist der Feind, zu schnell der Tod. Nur ein Moment der Unachtsamkeit und er verliert, was er nicht mehr zurückholen kann. Gleich, ob er siegreich ist. Was der Tod nimmt, behält dieser. Es bleibt nur noch der Weg zu den Hallen der Väter.

In diesem Moment war es an ihm zu schützen. Das Geheimnis seiner Gemeinschaft, das sein Anführer mit sich führt und der nun als verschollen gilt. Und seine Weggefährtin, die er so lange begleitet hatte. Jetzt hat sie entschieden, ihn auf seiner Suche zu begleiten. Auf schwierigen, gefährlichen Pfaden. Vielleicht ist das gut für ihn, bedrohliche Pfade nochmals zu überdenken, bevor sie diese auf sich nehmen, da er jetzt nicht nur sich schützen muss, sondern auch Ellj. Denn wie viel Risiko ist die Suche nach Egin wert? Mit seiner Begleitung hat diese Frage ein neues Gewicht bekommen. Ein Leben mehr auf der Waagschale auf der wagen Suche nach Egin. Aber noch war nicht der Zeitpunkt gekommen, diese Frage zu beantworten. Das Ziel war noch zu weit entfernt, die Gegend noch bekannt genug, keine Gefahr unbekannt. Schon in einigen Tagen werden sie dann einen Punkt erreichen, den er nie selbst betreten hat. Für eine Handlung war die Zeit gekommen: das Gasthaus zu verlassen und den Waffenschmidt aufzusuchen. Kämpfe waren zu erwarten und eine scharfe Klinge in seiner Hand ist eine zuverlässige Absicherung gegen jeden Feind, der ihnen gegenüberstehen sollte.
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