Elbenhaar und Eitelkeit

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Turaleth
emig
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Elbenhaar und Eitelkeit

Beitrag von Turaleth » Sa 7. Mär 2009, 21:59

Ein wolkenverhangenes Morgengrauen in Esteldin. Wie immer gehen die Bewohner des Lagers ihrem Tagwerk nach. Wanderer, Abenteurer und Reisende kommen und gehen, treiben Handel, suchen Hilfe oder bieten selbst welche an. Fast vergisst man, wie einsam dieser Ort der Hoffnung in einem Land voller Gefahren ist – und es gewinnen plötzlich ganz andere Dinge an Bedeutung ...

Etwas abseits des Treibens, unweit der äußeren Begrenzungsmauer, sitzt Turaleth alleine an einem Lagerfeuer, das zwischen einigen Zelten brennt. Um sie herum liegen gekürzte Haarsträhnen auf dem Boden, sowie ein Helm, ein verschlissener Handspiegel und ein unachtsam hingeworfener, benutzter Wundverband, an dem blutige Stellen erkennbar sind.

Weitere Haare landen auf dem Boden, als sie eine Strähne nach der anderen in die Hand nimmt und sie mit ihrem Dolch um einen guten Teil der ursprünglichen Länge bringt. Als die Haarlänge um den ganzen Kopf herum erheblich abgenommen hat, legt sie den Dolch beiseite und nimmt den Helm auf, um ihn prüfend auf den Kopf zu setzen. Dabei verzieht sie schmerzhaft das Gesicht, als der Helm eine noch nicht vollständig verheilte Kopfwunde berührt. Nach einer eingehenden Prüfung von korrektem Sitz und verbleibender Beweglichkeit nimmt sie den Helm wieder ab. Dann greift sie nach dem Handspiegel und betrachtet für einige Augenblicke ihr Gesicht und das Ergebnis ihrer Haarkürzung. Mit angewidert entgleisten Gesichtszügen wendet sie sich schließlich ab. Sie denkt für sich

Bei Schlägen gegen den Kopf kann ich jetzt getrost auf meinen Helm vertrauen … aber dafür muss ich mich jetzt vor jedem Spiegel fürchten!

Mit einem Aufschrei der Entrüstung steht sie auf und wirft den Handspiegel mit der Kraft ihres wachsenden Zorns an die Festungsmauer, wo dieser laut scheppernd in tausend Splitter zerbricht. In der Nähe blicken einige Waldläufer überrascht auf, doch Turaleth nimmt keine Notiz von ihnen. Sie beginnt ihre Sachen aufzusammeln und lässt ihren zunehmend hysterischen Gedanken weiter freien Lauf.

Verdammt noch mal, wie konnte ich nur … es wird ewig dauern bis meine Haare wieder vernünftig gewachsen sind. Jedes Trollweib ist jetzt ansehnlicher als ich … wenn Aedon mich so sieht wird er schnell damit aufhören, von „Hochzeit“ zu sprechen …

Sie geht mit ihrem Bündel los in Richtung der Stallungen. Neben dem Weg steht ein Sack mit Getreide, der im Vorbeigehen einen wuchtigen Tritt von ihr abbekommt und umfällt. Wieder blicken einige Waldläufer ringsum auf und runzeln ärgerlich die Stirn. Turaleth geht jedoch ganz in Ihre Gedanken versunken und mit zügigen Schritten weiter.

Kein Wunder, das musste ja so kommen ... dieser verfluchte Krieg! Verdammte Narren! Gegen Angmar ziehen … das ist der letzte Platz an den man geht, wenn man auch nur das Hirn einer Fliege hat ... und ich muss auch noch mit … aber selbst schuld, ich habe mich diesen Weltverbesserern ja freiwillig angeschlossen ...

Die Elbe erreicht ihr Pferd Baranwen und packt ihre Sachen mit fahrigen Bewegungen in eine Tasche hinter dem Sattel. Die braune Stute tänzelt nervös herum, als würde sie die innere Unruhe ihrer Herrin spüren. Turaleth nimmt jedoch auch das nicht wahr und steigt mit Schwung in den Sattel.

Hoffentlich ist es das alles Wert, sonst wird irgendjemand dafür büßen! Das schwöre ich!

Einige Waldläufer sind mittlerweile etwas herangekommen, sie halten aber vorsorglich etwas Abstand. Sie beobachten die Elbe mit Neugier, einige auch offen missbillingend. Dies bemerkt nun auch Turaleth und schaut darauf streitlustig zu ihnen. Als keiner der Waldläufer etwas von sich gibt, spricht sie die Gruppe an:

Was glotzt Ihr so? Noch nie eine Elbe mit kurz abgeschnittenen Haaren gesehen? Wisst Ihr was?… Ich hasse Euch!... Ich hasse Euch alle!

Dann flüstert sie Baranwen einige Worte zu, worauf das Pferd in vollem Galopp von den Umstehenden weg die östliche Pass-Straße hinauf prescht. Einige der Waldläufer schauen ihr kopfschüttelnd hinterher, andere können sich ein Grinsen nicht mehr verkneifen.

In diesem Moment beginnt es langsam zu regnen, nach und nach wird es heftiger. Fast mag es scheinen als wollte der Himmel weinen - ob vor Lachen oder vor Traurigkeit, das wissen nur die Valar ...
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