[RP-Dokumentationsthread] Dol Dinen

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Re: [RP-Dokumentationsthread] Dol Dinen

Beitragvon Celestiel am Fr 22. Aug 2008, 12:09

X. Mut zur Schwäche

"Nun Fürstin..."
Sie kannten diesen Ton in seiner Stimme. Wie er mit seinen Lippen langsam und bedächtig diesen Namen formte, ihn in einer demonstrativen Sprechpause ausklingen liess, um schliesslich abermals an den unvollendeten Worten anzusetzen und zum verbalen Schlag auszuholen.
"Wie sieht dein Plan aus wo wir nun hier sind?"
Celestiels Aufmerksamkeit galt zwar ihm, doch waren ihre Augen noch zu sehr damit beschäftigt, all die Eindrücke zu erfassen, die in Windeseile an ihr vorbeizogen und im selben Tempo von anderen, noch eindrücklicheren Einzelheiten ersetzt wurden. Auch war sie noch zu sehr in Aufruhr, beherrscht von der immensen Erleichterung, Esteldin sicher erreicht zu haben. Und auch in den Gesichtern ihrer Reisegefährten stand gross und breit die Erleichterung geschrieben. Lues Frage musste sie sich jedoch stellen, wusste sie doch nur allzu gut, auf was sie abzielte. Das klare Blau ihrer Augen richtete sich nun auf ihn, Träger einer Müdigkeit, die von keiner körperlichen Strapaze herrühren konnte. Doch was in den Tiefen dieses himmeblauen Abgrundes vonstatten ging, blieb hinter einem Schleier verborgen, der sich hartnäckig dagegen wehrte, sich zu lüften. Befremdlich also, als ihre Mundwinkel plötzlich von einem stummen Lächeln umschmeichelt wurden. Hilflosigkeit war der Auslöser. Hilflos in Anbetracht des Gefühls, alleine zu sein. Obwohl ihre nächsten Vertrauten nur einige Schritte von ihr entfernt standen, fühlte sie sich vereinsamt. Gerne hätte sie einen Strang in Reichweite gesehen, an dem sie sich festhalten und sich aus dieser Leere ziehen konnte, doch die vergangenen Wochen und Monaten hatten ihre Spuren hinterlassen und fast war ihr, als ob sie tiefe Fusstapfen, die sich in ihr Herz gedrückt hatten, spüren konnte.
"Wie angekündigt werden wir hier nächtigen. Morgen erfolgt der Angriff." Wie eingeübt erfolgte die Antwort, sachlich und monoton, als hätte sie diverse Standard-Antworten in Schubladen abgelegt.
"Dann solltest du aber noch was klären vorher...Etwas, das du uns schuldig bist seit dem letzten Treffen." Seine Forderung war unmissverständlich. Zumindest wusste Celestiel seine umschriebenen Worte zu deuten. Unwillkürlich spannte sich der zierliche Körper an, wie ein Tier, das durch ein nahendes Unwetter von Unruhe gepackt wurde.
"Wer führt die Armee nun an? Du ja wohl kaum...", und liess seinen letzten Worten einen fast herablassenden Tonfall anhaften. Nein, sie wohl kaum. Wie könnte sie denn? Es wurde ja schon an ihrem blossen Geschick, sich auf dem Schlachtfeld auf den Beinen zu halten, gezweifelt. Wie also sollte sie einen ganzen Trupp in die Schlacht führen? Celestiels Hände verkrampften sich, als sie wieder diese Zweifel beschlichen und sie sich in ein Kind versetzt fühlte, das die Welt weinend als eine einzige grosse Ungerechtigkeit empfand, weil die kleinen Füsschen es auf den Boden hatten plumpsen lassen. Wäre es ihr in dieser Situation erlaubt gewesen, sich selber eine Ohrfeige zu geben - sie hätte es getan. Schon allein deswegen, weil sie nun wieder drohte sich zu verhaspeln und jene Unsicherheit zu zeigen, die sie an sich so zu hassen gelernt hatte.
"Ich werde morgen nicht am Kampfgeschehen teilnehmen.", verkündete sie mit fester Stimme ihre Entscheidung, wohl wissend, dass es einige als Feigheit abtun würden. Doch es war seltsam...Sie fand zu einem unerklärlichen Gefühl von Zufriedenheit, auch wenn sie sich von den Befürchtungen anderer hatte beeinflussen lassen. Sie hatte Mut zu einer Entscheidung bewiesen, die viele aus Angst sich feige nennen zu müssen, nicht hätten treffen können. Schwäche zu zeigen erforderte zumeist mehr Kraft, als sich stark zu geben, denn wer gestand sich selber schon gerne eine Niederlage ein? In knappen, halbherzigen Worten teilte sie den anderen mit, dass sie Vreawyn als Anführerin ausgewählt hatte. Während Amber Tränchen lachte, stöhnten andere, die bereits Bekannschaft mit der rauen Kriegerin geschlossen oder von ihrem Ruf gehört hatten, in böser Vorahnung auf. Celestiel liess es stillschweigend über sich ergehen und sah zu, wie Lue, der ihren 'Rückzieher' als weise Entscheidung empfand, dem Gespräch den Rücken zukehrte und seine Schritte wegführte.

Die Schar hatte sich mittlerweile über das ganze Lager verstreut. Trafen die einen letzte Vorbereitungen für den morgigen Kampf, sahen sich die anderen nach einem Schlafplatz um. Celestiel stand mit ihren vier Sippenkumpanen beisammen und versuchte ihren Entschluss zu erklären. Er stiess bei allen auf Unverständnis. Allen voran bei Malachit, der kleinen Hobbitdame, die nicht wusste, was sie ohne Celestiel an diesem schrecklichen Ort, den sie nur von den grausigen Erzählungen anderer kannte, machen sollte. Hinzu kam Felanaur, der an sie herantrat, und sie umzustimmen versuchte.
"Ihr habt die Leute bis hierher gebracht...mit eurem Herz. Nun sind alle verstreut. Hattet Ihr das so im Sinn?" Sie musste dagegen ankämpfen, laut aufzuschreien. Was erwartete man letztendlich von ihr? Sie war einerseits ein Klotz am Bein der anderen und andererseits musste sie der helle Stern am Firmament sein, der anderen den Weg wies?
"Die einen sagen ich bin ein Stolperstein auf dem Wege, die anderen meinen, sie sähen ohne mich kein Ziel. Sagt mir, Felanaur...Wie würdet Ihr Euch da entscheiden?"
"Ich verstehe eure Zerissenheit...und eure Angst. Sagt, ist es dasselbe, wenn ihr der Schlacht fernbleibt?"
"Wie meint Ihr das?"
"Ist es dasselbe Ziel, das Ihr verfolgt?. Wäre es nicht besser, Ihr stündet Seite an Seite mit den Männern und Frauen, die für Euch kämpfen...für Euch sterben?" Auch wenn sie tief in ihrem Innern wusste, dass er nur das Beste für sie wollte, so fühlte sie sich von seinen Worten ermüdet. Sie war es leid, immer und immer wieder sich für die selben Dinge zu erklären. Celestiel schwieg und liess ihm darauf keine Antwort zukommen. Er versicherte ihr schliesslich, sich nicht gegen Vreawyn zu stellen und ihren Befehlen zu folgen, und verbeugte sich in höflicher Manier vor ihr und Malachit. Kurz war sie versucht, ihn vom Gehen abzuhalten, um...Sie blickte ihm regungslos nach. Ja, um was zu tun? Um ihm zu danken, dass er einer der wenigen war, der an sie glaubte?
"Viel Erfolg...", schickte sie ihm noch nach.
"Den werden wir haben.", antwortete er und kehrte mit diesen schlichten, jedoch entschlossenen Worten zu seinen Söldnerfreunden zurück. Sein Weggang war für Celestiel jedoch nur die Fortsetzung der endlosen Diskussion um ihre Entscheidung, so beharrte der Zwerg Grisgrim darauf sie zu begleiten, weil es ihm sein Schwur verbot, den er Celestiel aus tiefer Zuneigung einst geschworen hatte, sie alleine zu lassen. Die Dame, welche sich stets für ihr ruhiges Gemüt und ihre Geduld rühmte, konnte ihren Ärger über sein Gebaren jedoch nicht zurückhalten. Wie konnte er nur seine Freunde in der Schlacht im Stich lassen für eine Person, die sich dann ohnehin in Sicherheit befinden würde? Es wurde ihr alles zuviel. Malachit mit ihrer Ziellosigkeit, Felanaur, bei dem sie das Gefühl hatte, ihn enttäuscht zu haben, nachdem er so unerschütterlich an sie geglaubt und sich sogar dazu anerboten hatte, sie persönlich im Kampf zu schützen, und dann noch Grisgrim, dieser verfluchte Sturkopf von Zwerg, der ihr Wohl über das der anderen zu stellen schien, obwohl nicht sie es sein würde, die der Gefahr ausgesetzt war! Doch bevor sie die Möglichkeit hatte, ihn zurechtzuweisen, trat unverhofft Lue an sie heran und stellte sich vor sie hin.
"Fürstin.", versuchte er ihre Aufmerksamkeit zu erhaschen und zog sich einen Handschuh aus. Celestiel war sichtlich irritiert, als er sich den Handschuh abstreifte und ihr die nun entblösste Hand entgegenstreckte. "Viele verlassen sich auf euren Plan. Wir werden sehen wohin es uns bringen wird. Ishja gassal gaur, Celestiel Navayron!" Einen Moment stand sie einfach mit halb geöffnetem Mund vor ihm und wusste nicht wie ihr geschah. Nach und nach löste sie sich jedoch aus ihrer Starre und entledigte sich ihres Handschuhs, um die dargebotene Hand fest mit der ihren zu umschliessen. Ein fester Druck, der von Lues Hand ausging, folgte ehe er ihre Hand wieder losliess und sich wieder abwendete. Celestiels Hand verharrte noch in der Schwebe, ungläubig angestarrt von ihrer Besitzerin, die Lue schliesslich nachdenklich hinterherblickte.

"Vreawyn? Hörte ich grade Vreawyn? SIE soll UNS führen? Diese Wildkatze? NIEMALS werde ich IHR gehorchen!" Celestiel schreckte aus ihren Gedanken hoch und liess die Hand ruckartig sinken, als Grisgrim lautstark seinen Unmut darüber äusserte, Vreawyn in den Kampf folgen zu müssen.
"Grisgrim, das werdet Ihr wohl oder übel müssen.", antwortete sie ihm trocken, während sie ihre Hand wieder in den Handschuh gleiten liess.
"NEIN! Es sei denn, dass Ihr es einfordert!"
"Grisgrim....schenkt der Lady mehr vertrauen. Sie wird uns nicht ins Unglück führen.", versuchte Kanwyn ihn zu beschwichtigen, während Celestiel schweigend daneben stand und den Zwerg seine Jammertiraden von sich geben liess.
"Sie ist ja auch nicht dabei, Kanwyn."
"Und das ist gut so. Es gäbe kaum einen schlimmen Hieb,den ich weniger gern verbinden würde."
"Ich auch...daher werde ich in ihrer Nähe bleiben!"
"Und uns allein losziehen lassen?"
"Egin ist bei euch!"
Es geschah selten, dass Celestiel ihre Selbstbeherrschung verlor, doch angesichts des Zwerges, der gerade drauf und dran war, mit seiner Loyalität zu brechen, konnte sie nicht anders, als ihn ihren Ärger spüren zu lassen:
"Grisgrim, es reicht! Ihr werdet den anderen beistehen! Und wenn nicht, dann lauft Ihr Gefahr, dass ich an Eurer Loyalität zweifle, haben wir uns verstanden?"
"Und Ihr? Was wird aus Euch?!"
"Ihr seid an die Meigol i Estel gebunden, nicht an mich! Lasst Ihr Eure Sippenkumpanen im Stich? Eure Freunde?!"
"Mein erster und ältester Eid gilt Euch...auch wenn Ihr ihn gerne verdängt! Meine Loyalität gilt Euch und ich schwor Euch zu beschützen! Meine Freunde sind mir wichtig, doch dieser Schwur gilt mir mehr!" Für Celestiel war hier der Punkt erreicht, wo sie Grisgrim von seinem Schwur freisprechen musste, damit er Kanwyn, Egin und Malachit im Kampf beistand.
"Ich will das Leben der anderen Sippenmitglieder nicht so leichtsinnig für das Wohlwollen eines anderen opfern. Ihr seid entbunden." Und so kam es an diesem Abend zum Bruch zwischen Celestiel und dem Zwerg, der sein Herz zu Stein erstarren spürte und in Celestiels Handeln einen nicht wiedergutzumachenden Verrat an seiner tief empfundenen Zuneigung und Treue sah. Während hinter ihr Felanaur eine Lobrede auf ihre feurigen Worte hielt, fühlte sie nur eine unendlich schwere Müdigkeit auf ihr lasten. In kurzen Worten erklärte sie den Verbliebenen, dass sie morgen in aller Früh' nach Bree aufbrechen würde und bedachte jeden einzelnen ihrer Sippengefährten mit einem ernsten Blick.
"Kämpft tapfer morgen.", sprach sie noch ehe sie die Runde mit raschen Schritten verliess und den Torbogen passierte, hinter dem ein tiefschwarzes Loch gähnte.

Das Land schlummerte tief und fest unter der dunklen Decke, welche die Nacht ausgebreitet hatte. Die langen Gräser wurden vom kühlen Wind sanft hin und her geschaukelt, dabei ein Geräusch erzeugend, das eine Wohltat für ihr unruhiges Inneres war. Celestiel sass zusammengekauert an einer Säule, die einsam in der Ruine in den Himmel empor ragte. Welch' passende Kulisse. Einige dieser Tiefschläge mehr und in ihr drinnen würde es nicht anders aussehen wie in dieser Ruine, in welcher der Geist vergangener Schönheit hauste. Sie hatte die Beine eng an ihren Oberkörper gezogen, während sich ihr Gesicht in den geöffneten Handflächen vergrub und sie mit den Fussballen auf und ab wippte. Ein jämmerlicher Anblick. Selbst sie musste es sich eingestehen. Gedankenfetzen schwirrten in unüberschaubarer Anzahl durch ihren Kopf und machten es ihr unmöglich einen klaren Gedanken zu fassen. Auch drängten sich immer wieder die gleichen Worte in ihr Bewusstsein. Was hatte Silvina heute zu ihr gesagt, als man sie und ihre Entscheidung in Frage stellte?

"Ihr habt mehr getan, als Ihr glaubt. Schaut Euch nur um. Ihr seid auf Eure Weise an diesem Kampf beteiligt. Man muss wissen wofür man geschaffen ist und Ihr habt gut getan mit Eurer Entscheidung." Wahrscheinlich ungewollt hatte die Elbe etwas ausgesprochen, das Celestiel in ihren Grundfesten erschüttert hatte und tief in ihr Innerstes griff. Wissen, wofür man geschaffen war... Sie drückte die Handflächen gegen ihre Stirn, um ihren wirren Gedanken, die allesamt gegen ihre Schädeldecke hämmerten, Einhalt zu gebieten. Wofür war sie geschaffen? Diese Frage hallte wie ein Echo in ihrem Kopf wider, ohne jedoch beantwortet zu werden. Sie hatte sich verloren. So verloren wie der Stern, der über ihr einsam am Firmament prangte. Lächerlich zu denken, sie könnte anderen Hoffnung schenken, während sie jegliche Hoffnung für sich selber schon lange verloren hatte! Ihre Gedanken führte sie zu Kanwyns Worten: "Ihr solltet Morgen nicht gehen. Euch darf...nichts geschehen." Noch immer fragte sie sich, was sich alles hinter diesen Worten verbarg. War es schlichte Sorge um sie gewesen? Oder versteckte Weitsicht? Tatsächlich begründete sich Celestiels Entscheidung, sich vom Kampfgeschehen fernzuhalten, nicht nur auf die Befürchtungen der anderen. Sie musste vorausdenken, sich vor Augen führen, dass sie noch immer ein Ziel verfolgte, dass sie um keinen Preis aus den Augen verlieren durfte. Das Geheimnis. Es musste gewährleistet werden, dass die Träger jenes Geheimnisses, das ihre Sippe behütete, die Zeit überdauerten, fortlebten, damit das Geheimnis nicht dem Vergessen zum Opfer fiel. Gerade jetzt wo ungewiss war, wo sich Taldaras aufhielt und wann er zurückkehren würde, mussten sie Obacht walten lassen. Spielten Kanwyns Worte auf das ab? Wollte sie Celestiel hinter den sicheren Stadtmauern Brees wissen, um nicht um das Geheimnis bangen zu müssen? Sie strich sich mit der Handfläche über das Gesicht und versuchte ihre Gedanken zu ordnen. Wieder fühlte sie sich wie ein Kind, das stets einer helfenden Hand bedurfte, um sich aufzuhieven und seinen Weg zu gehen. Frauen wie Amber bewunderte sie. Frauen, die sich nahmen, was sie wollten. Die eine Selbstsicherheit und ein Selbstbewusstsein von der Stärke eines Felsens ausstrahlten. Bei solchen Frauen hätten dicke Felsbrocken auf ihren Weg hinabregnen können - sie hätten sich nicht aufhalten lassen. Celestiel stemmte sich unvermittelt mit beiden Handflächen vom Boden hoch und stellte sich auf den Sockel der Säule, den Blick gen Süd-Osten gerichtet. Dorthin, wo sich am morgigen Tage alles entscheiden würde. Ihr Blick schwenkte weiter hoch zum dunklen Himmelszelt, das mit Sternen bedeckt war. Der einsame Stern hatte nun Gesellschaft.
"Zeit erwachsen zu werden, Celestiel...", flüsterte sie in die Stille hinein.
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