Kälte und Dunkelheit. Zwei unwirtliche Gastgeber in einem Land, das die Sonne schon lange nicht mehr gesehen hatte. Das flimmernde Licht am Horizont und der rote Farbstich waren unwirklich und hinterliessen ein mulmiges Gefühl in den Herzen jener, die den Mut aufgenommen hatten, sich in ein zur Dunkelheit verdammtes Land zu begeben. Auch sie waren eine Gruppe von jenen Leuten gewesen, die in ihrem Drang, Mittelerde in seiner schwersten Stunde beizustehen, die Aussichtlosigkeit ihres Vorhabens verkannten. In ihrem ganzen Idealismus hatten sie schlicht vergessen, dass es Feindesland war, das sie betreten hatten. Und dass es das Territorium des Hexenkönigs war, treuer Diener des dunklen Herrschers, dessen Auge nichts entging.
Im Nachhinein erschien es lächerlich und törricht, doch wieso handelten Menschen mit einer unrealistischen Zuversicht, die nur enttäuscht werden konnte?
Hoffnung war eine starke Macht. Und ein gefährlicher Gegenspieler zugleich. Hoffnung verleitete einem zu Taten, die man sonst nie wagen würde.
Taten, die bei ihnen schliesslich ins Nichts geführt hatten. Was blieb, war nur die Erkenntnis, einer Übermacht gegenüberzustehen, die in ihrem Territorium leichter Spiel mit den feindlichen Truppen hatte.
Hoffnungslose Träumerei, eine übergrosse Streitmacht in die Knie zu zwingen – es war Zeit aufzuwachen.

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Das Feuer in dem kleinen Vorposten vor Aughaire brutzelte fröhlich vor sich hin. Die Gestalten, die am Lagerfeuer standen, waren jedoch fern von unbeschwerter Fröhlichkeit. Ein jeder von ihnen machte ein ernstes, nachdenkliches Gesicht. Allen voran Celestiel, die mit dem Rücken zu den anderen stand und abwesend einen schlichten Silberring in ihrer Hand drehte.
Die Erkenntnisse des Tages lasteten schwer auf ihnen. Zusammen mit einigen Streitern der Meigol i Estel waren sie am frühen Abend aufgebrochen, um auf Befehl von Aedon einen Angmarim-Posten auszukundschaften. Bilwisse hatten den Weg in die befestigte Siedlung bewacht und waren mit gezielten Schüssen der Fernkämpfer lautlos niedergestreckt worden. Seltsame Holzgebilde hatten sie vorgefunden. Eines davon ein grosser Wagen, der mit Kämpfern bestückt werden konnte. Und dann noch dieser monströse Rammbock, der die Form eines Drachen- oder Echsenkopf gehabt hatte. Neugierig und ungestüm wie Hobbits nun einmal sind, hatte Gavo den Versuch angestellt, am Rammbock hochzuklettern. Nur um schliesslich schmerzlich auf den Rücken zu plumsen. Während Celestiel sich um ihn gekümmert hatte, war Aufruhr unter den anderen entstanden. Der Auslöser war ein schlichter Silberring gewesen, den Gantur gefunden hatte. Zugleich ein Ring, der die Aufmerksamkeit von Celestiel erregt hatte. Sie hatte gebeten, ihn in Gewahr nehmen zu dürfen, was ihr auch gewährt worden war.

Das Licht des Feuers verfing sich in dem Silber des Ringes und färbte es rötlich. Die Inschrift auf der Innenseite des Ringes war nun besser zu erkennen, nun da das Feuer, Licht spendete. Zusammen mit dem seltsam glitzernden Staub, den Kelim an einem Wagenrad im Lager der Angmarim gefunden hatte und sich nach erfolglosem Einschmelzen als Staub von sogenannten Limrafn herausgestellt hatte, war sie der festen Überzeugung, dass die Gravur in der alten Sprache Numenors war – Adunaisch. Denn Limrafn, Mückenschwärme, die bei Nacht anfingen zu glitzern, waren nur in Men Erain zu finden, ein Gebiet unweit der einstigen Königsstadt Elendils.
Es war jedoch Kelim, der das Gespräch wieder von Evendim wegzulenken versuchte:
“Habt ihr schon vergessen, warum wir in Aughaire sind , meine Herren?”

Sie horchte auf, in ihrem stummen Zwiespalt, den sie schon seit Wochen mit sich austrug. Vergessen? Nein, es war nur entrückt. Entrückt von dem Blickwinkel, der ihnen die bedrohlichen Widersacher hätte offenbaren sollen.
“Vergessen, wieso wir hier sind, nicht, doch es scheint mehr und mehr ins Leere zu führen. Die Missionen, die wir tätigen, sind uneffektiv und richten nichts aus gegen die Übermacht Angmar. Ja, wir dachten, dass die Bedrohung für uns von hier kommt, doch sieht es nicht mehr wie eine falsche Finte des Feindes aus? Als wolle er uns in sein Territorium locken, weil er hier leichteres Spiel mit uns hat?”
Mit diesen Worten des Zweifels entbrannte eine Diskussion, die früher oder später ins Rollen gebracht werden musste.

“Ich wette jemand filzt die Befehle. die wir kriegen. Ich denke da an Kahil, der ist mir nicht geheuer, der dreckige Söldner. Der tut doch für Geld alles. Der kriecht sogar den Angmarim für’n bisschen Gold hinterher.”

Beothryts ereifernde Worte hatten in ihrem ganzen Temperament einen wahren Kern. Der Verdacht gegen die Söldner war berechtigt, zumal Ristredin und Kelim ein Gespräch zwischen Kahil und Isurim mitangehört hatten, in dem es darum gegangen war, sich mit der angmarischen Gegenseite zu treffen, um womöglich lukrative Geschäfte abzuschliessen.
Das Fundament auf dem sie alle standen war sumpfig. Und das Vertrauen drohte unterzugehen.

“Ich weiß nicht .. die Agar Teryn scheinen sich auch nicht so recht zu entschließen.”, wies Kelim auf das Fernbleiben der Agar Teryn hin und es war überraschenderweise Celestiel, die seine Worte bekräftigte:
“Zumindest können wir zu diesem Zeitpunkt nicht auf sie zählen. Und auch die Söldner sind ein wackliges Gerüst, zumal wir nicht wissen, ob sie wirklich zwei Herren gleichzeitig ‘dienen’. In dieser Zusammenstellung lässt sich das Lager nicht lange halten.”

Um die Dame wurde es wieder still. Während die anderen sich über Beothryts Leichtsinn aufregten, der sie alle – wenn es denn nach ihm ginge – zum Thron des Hexenkönigs führen würde, um diesem persönlich eine reinzuwürgen, richtete Celestiel ihren Blick wieder nachdenklich ins Feuer. Selbst die Ankunft der Elbe Turaleth liess sie wortlos verstreichen. Nur ein stummes Nicken schickte sie ihr entgegen, ehe sie von Kelim auch schon aufgefordert wurde, über Neuigkeiten in der Angelegenheit mit Kahil und den Söldnern zu berichten.

“Ich habe keinen Beweis, was den Söldner anbetrifft, jedoch ist das Verhalten dieser Truppe recht seltsam. Als ich nichts finden konnte … habe ich ein wenig geredet …und selbst die größten Schwatzmäuler waren plötzlich still. Etwas stimmt nicht mit ihnen, soviel ist für mich sicher. Und Ihre Loyalität …gilt ohnehin weniger der Sache an sich …als dem zu erwartenden Profit.”

Was also tun? Befehle demonstrativ verweigern und Tumult innerhalb des eigenen Lagers in Kauf nehmen? Das war ausgeschlossen, genau so wie ein Rückzug von Seiten der Meigol i Estel nicht in Frage kam. Ein gondorischer Trupp, der mit eingezogenen Flaggen das Kriegsgebiet verlässt. Es wäre nicht nur eine Schande, sondern auch eine Unglaubwürdigkeit, die nur neues Risiko für ihre Tarnung brachte.
Schweigend drehte sie den Ring wieder mit ihren Fingern. Ein Stück Numenor. Ein verblasster Stern, der elendig verendet war. Was würde Gondor wohl daran liegen, diesem Stern neuen Glanz zu erbringen, damit die Waldläufer ihr Geschick an anderen umkämpfteren Kriegsfronten zur Verfügung stellen konnten?

“Annuminas, die einstige Königsstadt befallen von listigen Invasoren aus dem Norden. Das Erbe Numenors in den Händen jener, die nach Zerstörung trachten. Waldläufer, die Erben einer edlen Rassen, in ihrer grössten Not, die umkämpfte Stadt wieder zu der ihren zu machen. Kann Gondor das zulassen?”

Fast schon beiläufig wurde diese Frage der kleinen Runde gestellt. Und ehe man es hätte kommen sehen können, war plötzlich eine Entscheidung getroffen.
Gondor hatte entschieden – war es nicht so?